Urlaub auf Balkonien war keine Option

Hat mehr zu bieten als den Goldstrand – gestern wie heute: Bulgarien war eines der beliebten Reiseziele der DDR-Bürger; Foto: privat
Hat mehr zu bieten als den Goldstrand – gestern wie heute: Bulgarien war eines der beliebten Reiseziele der DDR-Bürger; Foto: privat

Von wegen, die durften nicht reisen

Mit der Reisefreiheit erfüllte sich eine große Sehnsucht der DDR-Bürger, die bis zum Mauerfall vor 30 Jahren für einen individuellen Urlaub eine Menge Einfallsreichtum und Organisationstalent brauchten. Ein Rückblick von Heidrun Braun.

Das Recht auf Urlaub war in der DDR in der Verfassung verankert. Ein Recht aufs Reisen gab es nicht. Die Möglichkeiten und Ziele für die schönsten Tage im Jahr waren sehr über-sichtlich. Da gab es zunächst die staatlich organisierten Urlaubsreisen im Inland in die Ferienheime des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB) und der Betriebe. Sie waren subventioniert, also
spottbillig, aber deckten nur einen Bruchteil der Nachfrage an Ferienquartieren. Ganz abgesehen davon, waren organisierte Reisen in der DDR auch immer Reisen unter Beobachtung mit wenig individuellem Spielraum.

Für die organisierte Auslandsreise war das Reisebüro der DDR und Jugendtourist zuständig. Diese Reiseangebote führten bis in die Mongolei oder nach Jugoslawien, nach Bulgarien und in die anderen „sozialistischen Bruderländer“. Sie waren nicht billig, aber auch nicht unerschwinglich. Vor allem aber waren es viel zu wenige. Wer eine Reise ins Ausland ergattert hatte, konnte davon ausgehen, dass es in seiner Reisegruppe mindestens einen Teilnehmer gab, der im Dienste des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) unterwegs war. Allein diese Tatsache hielt viele DDR-Bürger davon ab, überhaupt erst einen Antrag beim Reisebüro zu stellen.

Reiselust war nicht gefragt

Der Staat hatte das geringste Interesse daran, die Reiselust seiner Bürger zu wecken. In den Tageszeitungen gab es kein Reiseressort mit hilfreichen Empfehlungen. Wozu auch? Im Inland gab es viel zu wenige Ferienunterkünfte – und Auslandsreisen waren von vornherein suspekt. Sogar das Wort „Weltreise“ verschwand aus dem vom Bibliographischen Institut in Leipzig herausgegebenen Duden. Mit der Welt verbanden sich dort nur Worte wie zum Beispiel Weltanschauung, Weltall und Weltbestleistung. Konnte die Tilgung eines Wortes eine Reiseunlust wecken?

Das Gegenteil wurde erreicht: In den ihnen vorgegebenen Grenzen waren die DDR-Bürger Reiseweltmeister! Während in der BRD die Pauschalreise ihren Siegeszug begann, war in der DDR individuelles Engagement angesagt. „Gelernter DDR-Bürger“ in Sachen Urlaub zu sein, hieß, Reiserouten selbst zu planen, das ideale Ferienquartier aufzuspüren und alle Beziehungen spielen zu lassen. Drei Wochen Sommerurlaub wollten langfristig und akribisch geplant sein. Spontaneität hätte höchstens für Balkonien gereicht. Und das war keine Option.

Segen und Fluch an der Ostsee

Im eigenen Land fehlte es keineswegs an landschaftlich schönen Ecken und interessanten Städten: Harz, Thüringer Wald, Spreewald oder das Elbsandsteingebirge, Berlin, Dresden und Leipzig. Doch das blieben allenfalls Sonntagsausflüge. Das Land war ja klein genug, um abends wieder nach Hause zu fahren. Wenn schon Urlaub im eigenen Land, dann an der Ostsee. Die ellenlangen Strände von Rügen, Usedom, Fischland-Darß-Zingst und Hiddensee hatten schließlich genug Platz für alle, die sich in den Schulferienmonaten Juli und August an die Küste begaben.

Für die Einheimischen waren die Sommermonate Segen und Fluch in einem. Segen, weil sie alles vermieten konnten, was einigermaßen bewohnbar war. Die Urlauber stellten ihre Zelte auf privaten Grundstücken auf und waren offiziell nur „zu Besuch“ bei guten Freunden oder Verwandten. Leiter von Ferienlagern fanden für ein paar Extramark am Rande ihrer Anlage auch mal ein Plätzchen für „blinde Passagiere“.

Die „örtlichen Organe“ verloren jedes Jahr aufs Neue den Überblick, wie viele Urlauber sich an der Ostsee aufhielten. Und so folgte der Fluch in Form von massiven Versorgungsschwierigkeiten auf dem Fuße. Brötchen und Kuchen waren beim Bäcker schon am frühen Morgen ausverkauft, vor den Gaststätten und Eisdielen bildeten sich lange Schlangen. Mal gab es in der „Kaufhalle“ kein Blatt Toilettenpapier, mal keine Kerzen, mal keine Salami.

Visafrei ins Bruderland

In den 1970er-Jahren wurde das Reisen in das „sozialistische Ausland“ mit der Einführung des „visafreien Reiseverkehrs“ einfacher. Trotzdem musste Wochen vor der Abreise ein „Antrag für eine Reise ins Ausland“ bei der Meldestelle der Deutschen Volkspolizei eingereicht werden, der aber meistens genehmigt wurde. Für die Angabe des Urlaubsdomizils reichte neben dem Ort auch eine vage Angabe, wie zum Beispiel „Zeltplatz“. Der Haken war die dazugehörige „Reiseanlage für den visafreien Verkehr“, die wie ein Leporello in den Personalausweis geklebt wurde. Mit diesem Papier konnte bei der Staatsbank der DDR Geld in die jeweiligen Landeswährungen umgetauscht werden, pro Person rund 40 Mark pro Tag. Das war zu wenig, um zum Beispiel ein Hotel zu buchen. Also waren die meisten mit dem Auto unterwegs und hatten das Zelt dabei.

Der Tauschhandel blühte. Es gab immer etwas, woran es in einem der „Bruderländer“ gerade mangelte. Die Palette reichte von Kameras und Objektiven von Carl-Zeiss-Jena über Esda-Feinstrumpfhosen bis zu Kaffee und Pfeffer. In Rumänien konnte man seinen Aufenthalt auf einem Zeltplatz am Schwarzen Meer zum Beispiel komplett mit Kinderkleidung bezahlen.

Die Grenzkontrollen – vor allem bei Reisen, die bis nach Bulgarien führten – kosteten allerdings immer etwas Nerven, denn natürlich hatte man viel mehr Geld in verschiedenen Währungen dabei, als erlaubt war. Auch der gefüllte Benzinkanister unter all den Schlafsäcken, Luftmatratzen, Lebensmittelvorräten und Campingzubehör hätte Ärger verursacht. Ein bisschen Mut gehörte also schon dazu.

Sehnsucht nach grenzenlosem Reisen

Da Jugoslawien für Individualreisende tabu war, führte die Strecke nach Bulgarien über Prag und Bratislava nach Ungarn und durch Rumänien ans Schwarze Meer. Die Anreise dauerte schon drei Tage. Unterwegs gab es aber ein paar Highlights: Wiener Schnitzel und Bier in Prag, Einkehr im Ufo-Brückenrestaurant in Bratislava, Badestopp am Balaton, die Besichtigung der Tempel von Histria oder des Rila-Klosters.

Die DDR-Urlauber bestiegen die Gipfel der Hohen Tatra und in Zakopane, wanderten in den Karpaten, sonnten sich am Balaton, am Schwarzen Meer, am Slowakischen Meer, an den Masurischen Seen und auf der Halbinsel Hela – allesamt wunderschöne Orte, die aber vor allem eines weckten: die Sehnsucht nach grenzenlosem Reisen.

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