Peter Linden: Krise im Reisejournalismus

Nur wenn die Qualität stimmt, wird Reisejournalismus überleben!

Lediglich sechs Prozent der Zeitungsleser schauen sich den Reiseteil einer Zeitung an. Viele Texte werden nicht wahrgenommen, geschweige denn durchgelesen. Lilo Solcher im Gespräch zum Nachlesen mit VDRJ-Mitglied Peter Linden über seine Erfahrungen als Reisejournalist, die Ergebnisse der Leserforschung sowie deren Konsequenzen und die Frage, ob der Print-Reiseteil am Ende ist.

Ein Reiseradio-Gespräch zum Nachhören mit Peter Linden und Jürgen Drensek zum Thema „Reisejournalismus in der Krise“ finden Sie hier.

COLUMBUS: Wir schauen uns gerade die Januar-Ausgabe von „Reportagen“ an, das sechs Mal im Jahr erscheint und immerhin 15 Euro kostet. Nach Angaben des Herausgebers Daniel Puntas könnte das Magazin im fünften Jahr seines Bestehens erstmals Gewinn machen. Spricht das dafür, dass Print doch Zukunft hat?

Linden: Das glaube ich sehr wohl. Die Allerweltinformationen werden mehr und mehr ausschließlich im Netz landen. Gut und hintergründig Recherchiertes und Durchdachtes wird jedoch weiterhin gedruckt werden. Wir leben in einer Zeit, in der sich das gedruckte Wort zum Luxusprodukt wandelt. Das Magazin Reportagen ist sogar haptisch ein Genuss.

Gilt der Wandel zum Luxusprodukt auch für den Reisejournalismus?

Linden: Selbstverständlich. In gewisser Weise ist der Reisejournalismus sogar Pionier der Entwicklung. Ein hochwertiges Nischenprodukt wie etwa mare ist Liebhabern schon längst sieben, acht Euro wert. Ebenso monothematische Publikationen wie GEO Special, die man sich ins Bücherregal stellt und sammelt. Ich glaube, dass da sogar höhere Verkaufspreise möglich wären. Aber Reisejournalismus, der sich in nichts unterscheidet von kostenlos zugänglicher Werbung – für den will verständlicherweise niemand mehr bezahlen.

Krise im Reisejournalismus

Den will wohl auch niemand lesen, wie wir kürzlich gehört haben…

Linden: Ich glaube, dass das schon noch gelesen wird, aber nicht mehr auf den klassischen reise-journalistischen Plattformen. Wer eine Reise plant, bräuchte einen großen Zufall, um die erforderlichen Informationen ausgerechnet im Reiseteil seiner Zeitung zu finden. Also wird er sich eher im Internet oder in den sozialen Medien umtun, wissend, dass die Informationen, die er dort erhält, werblichen Charakter haben. Reisejournalismus in Publikumsmedien muss dagegen mit einer übergeordneten Relevanz und großer Qualität im Storytelling überzeugen. Journalisten, die sich damit begnügen, ein touristisches Angebot zu beschreiben, werden in den Redaktionen immer weniger Abnehmer und auf den Reiseseiten immer weniger Leser finden.

Nur sechs Prozent lesen den Reiseteil

Wenig genug sind es jetzt schon. Gerade mal sechs Prozent der Leser schauen überhaupt noch in den Reiseteil. Und manche der Texte werden kaum oder gar nicht gelesen.

Linden: Das zeigt, wie brutal die klassischen Medien bereits an der Realität vorbei produzieren, wie sehr sie immer noch von Lesern ausgehen, die es so nicht mehr gibt. Ein Beispiel: Wer ungewöhnliche, großartige Hotels sucht, tut das heute doch viel eher über Portale wie Secret Escapes anstatt auf einen Zufallstreffer etwa im hotelaffinen Reiseteil der Welt zu hoffen.

Soll man denn gar nicht mehr über Hotels berichten?

Linden: Doch, aber nur, wenn das Hotel den Rahmen einer spannenden Geschichte bildet oder im Kontext dieser Geschichte relevant ist.

Viele Reisegeschichten lesen sich wie Diashows, hast du einmal gesagt. Was machen die Reisejournalisten falsch?

Linden: Ich glaube, dass wir alle wissen, wie langweilig solche Diashows sein können, weil sie selten mehr sind als Aneinanderreihungen von Schnappschüssen. Was wir brauchen, ist weniger Diaschau und mehr Dokumentar lm. Texte mit authentischen Protagonisten und spannender Handlung.

Das unterscheidet eine gute Reportage ja auch grundsätzlich von einem Erlebnisaufsatz

Linden: …den Vergleich habe ich als ehemaliger Deutschlehrer einmal gezogen. Wiewohl Erlebnisaufsätze in Form von Blogs im Internet durchaus ihre Daseinsberechtigung haben. Voraussetzung ist allerdings eine gewisse schreiberische Qualität und eine ausreichend große Fan-Base. Denn eines muss klar sein: Bei Reportagen stehen Thema und Protagonisten im Mittelpunkt, bei Blogs sind es die Autoren.

Heißt das, dass es im Reiseteil keine Ich-Erlebnisse geben darf?

Linden: Oh nein! Aber ein Ich-Autor in einer Reportage muss eine relevante spannende Handlung vorantreiben, während ein prominenter Blogger nichts Anderes sein muss als er selbst. Der manchmal süffisante, manchmal kritische, manchmal witzige Beobachter irgendeines Geschehens.

Am Gelingen einer Reisegeschichte sind auch die Einladenden beteiligt. In welcher Weise müssten sie umdenken?

Linden: Im Mittelpunkt ihrer Überlegungen sollte weniger das stehen, was sie verkaufen wollen und mehr das, was es zu erzählen gibt.

Wie der berühmte Edeka-Weihnachtsspot?

Linden: Das ist Storytelling im besten Sinn: Eine rührende Geschichte verführt womöglich zum Kauf von Lebensmitteln bei Edeka. Aber auch, wenn ich diese nicht kaufen möchte, bleibt da doch diese rührende Geschichte.

Das wissen die Werbenden auch, wie die Edeka-Werbung zeigt und neuerdings die vermehrt auftretenden Native Ads. Worin unterscheidet sich Journalismus dann noch von Werbung?

Journalismus ist komplex!

Linden: Zunächst mal durch das Prinzip: Werbung muss eine Geschichte ersinnen, um ein Produkt in den Fokus zu rücken. Journalismus muss Geschichten finden, bei denen Produkte möglicherweise in den Fokus geraten. Aber es gibt noch einen weiteren wesentlichen Unterschied: Im Gegensatz zu Ads sind journalistische Geschichten komplexer, dramaturgisch anspruchsvoller, und sie haben nicht immer ein Happy End.

Bei Zeit Z ist die Reise im Lifestyle-Ressort aufgegangen. Ist auch das ein gangbarer Weg in die Zukunft?

Linden: Zumindest mal eine gute Idee, verlorene Leser wieder einzusammeln, weil nun verschiedene zum Teil sehr divergente Lesergruppen kombiniert werden und so in Kontakt mit bislang ignorierten journalistischen Angeboten kommen. Die Erfahrungen anderer Zeitungen, die dies deutlich früher als Die Zeit gewagt haben, stimmen jedenfalls positiv. Beispielsweise beim Sankt Galler Tagblatt.

Auch im Reisejournalismus spielt das Digitale eine immer größere Rolle. Stephan Weichert von der Macromedia School behauptet, dass das in der Ausbildung zu kurz kommt.

Linden: Diese Pauschalkritik, die Herr Weichert im DJV-Magazin Journalist an den deutschen Journalistenschulen übt, kann ich als Lehrer an fast allen diesen Einrichtungen so nicht stehen lassen. Überall spielt das Digitale in der Ausbildung inzwischen eine große, an der Axel-Springer-Akademie sogar die zentrale Rolle. Und wie wir bereits besprochen haben, ist der Reisejournalismus natürlich hiervon nicht ausgenommen – mit den erwähnten klaren Grenzziehungen zwischen Print und Online sowie Reportern und Bloggern.

Im Namen der Akademie für Publizistik gibst du im Oktober unmittelbar nach der VDRJ-Jahreshauptversammlung in Bodenmais ein Praxisseminar für Reisejournalisten. Was wirst du den Kollegen da Aufmunterndes mit auf den Weg geben?

Linden: Dass es erstens mit guten Themen und guter journalistischer Arbeit immer noch möglich ist, Geschichten so zu verkaufen, dass man einigermaßen davon leben kann. Und dass zweitens Reisejournalismus so lange leben wird, wie ein Großteil der Deutschen Reisen als eines der liebsten Hobbys beschreibt. Ein Tipp vielleicht schon vorweg: Reisejournalisten müssen nicht auf Zufälle à la Zeit-Z warten, um ihre Geschichten auch Ressort-übergreifend zu platzieren. Eine gute Reisereportage kann heutzutage je nach Thema auch im Feuilleton, im Sport, in der Wirtschaft, ja sogar im Lokalen stehen

 

Zur Person

Peter Linden, Jahrgang 1959, Germanist und Romanist, ist ehemaliger Redakteur der Süddeutschen Zeitung. Er ist seit über 20 Jahren Mitglied der VDRJ und publiziert nach wie vor regelmäßig Reisereportagen. Schwerpunkt seiner Arbeit ist jedoch seit vielen Jahren die Ausbildung von Journalisten und Autoren an zahlreichen Journalistenschulen, Akademien und inhouse bei Verlagen und Unternehmen. Linden ist Autor mehrerer Lehrbücher zu journalistischen Themen. Zuletzt erschien Ende 2015 im ulk-verlag sein neues Buch „Reportage und Feature“ mit handwerklichen Tipps auch für Reisejournalisten.

 

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