Mobile First

„Publikumsmedien, Fachpresse und Corporate Media: Die Zukunft des Reisejournalismus und was das für Journalisten und PR bedeutet“ – Eine Podiumsdiskussion unter dem Titel „Mobile First“ anlässlich des VDRJ – TREFFS am 21. April in Frankfurt

Gibt es noch Grund zur Hoffnung und wenn ja, wie sieht diese Hoffnung aus? Was wird aus der Qualität? Diese Fragen standen über der Podiumsdiskussion, die von Marina Noble (VDRJ) und Christian Preiser (Forum Qualitätsjournalismus) geleitet wurde. Die Diskutanten auf dem Podium gaben zunächst Auskunft aus dem Blickwinkel ihrer Medien.

Tod der Printmedien?

Joachim Braun, neuer Chefredakteur der Frankfurter Neuen Presse, konstatierte zunächst, dass der Reiseteil in lokalen Tageszeitungen inzwischen zum Umfeld für Anzeigen mutiert sei. Das bedeute im Rückschluss, die Einschmelzung von Reiseseiten, wenn eine Refinanzierung durch Anzeigen nicht mehr gegeben sei. Dies geschehe nicht aus bösem Willen, aber in Zeiten in denen immer mehr Tageszeitungen sterben, müsse sich das aktuelle Publikums-Printmedium auf seine Stärken besinnen. Diese Stärke sei ein gut gemachter Lokalteil und die zusätzliche Präsenz in digitalen Medien.

Matthias Gürtler, Chefredakteur „Touristik aktuell“ betonte, dass es im Bereich der Fachpresse und bei der Zielgruppe „Reiseverkäufer“ ebenfalls einen Trend zur digitalen Ausgabe gäbe. Allerdings betonte er auch, dass es in dieser Zielgruppe eine breite Sympathie für das Print-Produkt gäbe. Von daher sei er da durchaus optimistisch. Mit den digitalen Angeboten Geld zu verdienen, halte er aber, bei seiner Zielgruppe, für unrealistisch. Eine „Paywall“ würden die Leser schlicht nicht akzeptieren. Da das Abonnement der gedruckten Ausgabe aber gerade mal den Versand finanziere, sei auch klar, dass Einnahmen durch Anzeigen überlebenswichtig seien.

Die massiven medialen Veränderungen wurden auch von Matthias Eberle, dem Leiter der Kommunikation der Eurowings-Gruppe, betont. Die digitalen Angebote führen, seiner Meinung nach, zu einer rasanten Abkehr von Print-Produkten. Dies zeige sich bei der internen Unternehmenskommunikation genauso wie im Bereich der Publikumsmedien. Als Beispiele seines Umfelds nannte er den Ersatz des Print-Produkts „Lufthanseat“ durch digitale Konzernkommunikation und bei den Publikumsmedien das Angebot der Lufthansa an Fluggäste, sich bereits vor Abflug, Zeitschriften nach Wahl kostenfrei zum Download bereit zu stellen und dafür auf die Verteilung von Bordzeitschriften zu reduzieren.

Hausgemachte Branchenprobleme sieht unter Anderem die Chefredakteurin von „reisen EXCLUSIV“, Jennifer Latuperisa-Andresen. Sie sagt ganz freimütig, dass wir Reisejournalisten viel zu stark mit unserer eigenen Individualität beschäftigt seien, statt gemeinsam zu planen und zu agieren. In diesem Bereich könne die „Blogger-Solidarität“ durchaus als Vorbild dienen. Als Chefredakteurin eines Magazins bediene sie aber ein Nischenprodukt. Die richtige Nische zu finden und verkaufbar zu machen, sei sicher die größte Herausforderung. Daher bietet sie ihr Magazin als gedruckte Ausgabe und bald als digitale Ausgabe an, mit unterschiedlich hohem Aufwand und dadurch auch mit einem unterschiedlichen Preis. Man dürfe dabei auch keinen Hehl daraus machen, dass der Verlag das Geld mit der Online-Ausgabe und den zahlreichen Anzeigen mache. Die kostenaufwändige Produktion des Printmagazins allein, ließe sich nicht mehr finanzieren. Die Webseite mit eigenen Inhalten, Bilderstrecken, Podcast und eigenem Reiseführer wird von durchschnittlich 32.000 Unique Usern im Monat gelesen.

Wenn, wie Matthias Eberle betont, der Trend zum „Snackable Content“ gehe, jüngere Generationen inzwischen ihre Kommunikation über Instagram (völlig ohne Text) führten, sei der Tod des traditionellen Printmediums vorprogrammiert. Die Optik spiele eine zentrale Rolle, geringer Textanteil sei geradezu unumgänglich. Er betonte dabei aber auch den Vorteil der digitalen Welt. Thementracking liefere eindeutige Hinweise auf die Akzeptanz in der Zielgruppe. Print könne das nicht liefern und sei zudem ein teurer Publikationskanal. – Das bestätigte Joachim Braun mit seiner Aussage, dass man ehrlicherweise nicht wisse, wie Print-Geschäftsmodelle funktionierten. Klar sei, dass Paywalls allenfalls bei den Angeboten der Stiftung Warentest gut funktionierten. Die Möglichkeit, Geld durch Preiserhöhungen zu generieren, sei beschränkt. Es dürfe künftig ohnehin nicht mehr nur um Geld gehen, sondern vielmehr um den Wert, den man anbiete. Ein Konzern wie Apple mache uns das erfolgreich vor.

Schreiben alleine ist es nicht mehr!

Wie vermittelt man erfolgreich den Wert seines Inhalts? Jennifer Latuperisa meint: Guter Journalismus sei, wenn der Leser Neues, Spannendes und Innovatives erfahre. Magazin bedeute für sie automatisch LANG. Deshalb müsse auch hier eine Mischung her: „Häppchenjournalismus hasse ich, aber ich muss ihn bedienen.“ – Doch woran macht sich in Zukunft guter und trotzdem erfolgreicher Reisejournalismus fest?

Joachim Braun verweist auf Nutzwert und Emotion, beliebig Emotionsloses berühre nicht mehr. Allerdings sagt er auch, dass sich längere Texte durchaus verkaufen ließen, wenn die Qualität stimmt. Lange Texte, vertrieben über Social Media, von renommierten Medien wie SZ und FAZ, fänden ihre Zielgruppe erfolgreich.

Matthias Eberle setzt neben gutem und zielgruppenorientiertem Text vor Allem auf Bilder, digitale Verknüpfungen und auf Wagemut. Wer nichts Neues ausprobiert, ist schon tot. Darüber hinaus gehe es um immer mehr Medien. Sei vor Jahren der Wahlspruch „ONLINE First“ geprägt worden, so sei heute eher von „MOBILE-First“ die Rede.

Jennifer Latuperisa sagt schlicht: Mehr Können. Multimedialität sei das Gebot der Stunde für künftigen Reisejournalismus. Bedienen müsse man Text, Film, Foto und vor Allem die Social Media-Kanäle.

Die Ausnahme bildet allenfalls die zielgruppenorientierte Fachpresse. Matthias Gürtler betont, man müsse in erster Linie gut und interessant für seine Zielgruppe schreiben.

Ist die Krise die Chance der PR?

Die von Moderator Christian Preiser sicher provozierende Frage liefert eindeutige Antworten.

Matthias Gürtler bestätigt, dass eine Zeitschrift wie „Touristik aktuell“ ohne die Zulieferung von Information aus dem PR-Bereich nicht überleben könne, da eine kleine Redaktion nicht überall recherchieren und eigene Stories liefern könne.

Diese Abhängigkeit sieht auch Jennifer Latuperisa. Natürlich sei man abhängig. Das beginne schon bei der Zulieferung hochwertiger Fotos. Umgekehrt sei dies auch ein Fluch, denn viele Unterstützungsgelder für eigene Recherchen gingen heute direkt in die PR und stünden nicht mehr zur Verfügung.

Ist Tourismus-PR hier in einer Sondersituation? Im Lokaljournalismus, zum Beispiel, ginge eine Zusammenarbeit mit PR gar nicht, sagt Joachim Braun. Vorort-Recherche und eigene Geschichten zählten hier ganz alleine.

Den eindeutigen Trend zur PR sieht ganz klar Matthias Eberle. Das liege auch daran, dass in den immer kleiner werdenden Redaktionen, die Menge der Anforderungen immer größer werde.

Reisejournalismus in 10 Jahren?

Joachim Braun (Frankfurter Neue Presse): Die, die es schaffen eine Marke zu werden, haben eine Chance. Funktionieren wird das nur digital.

Jennifer Latuperisa (Reisen-Exklusiv): Ich weiß es nicht. Ich hoffe aber.

Matthias Gürtler (Touristik aktuell): Fachpresse wird es geben, die Frage ist in welcher Form

Matthias Eberle (Kommunikation Eurowings): Mobile First!

 

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