Die 50. ITB – und was bleibt?

Jürgen Drensek

Wieder mal ist es geschafft, und man selbst ist es auch. Die ITB, die 50., ist Geschichte. Ab heute werden die Reste der auf Glanzpapier gedruckten Urlaubsträume entsorgt und die grauen Hallen wieder durchgefegt. Ja, die ITB war trotz leichter Verunsicherung wieder erfolgreich. Zahlen können doch nicht lügen: 10.000 Aussteller, 187 Länder und Regionen, alle 26 Messehallen voll, 120.000 Rekord bringende Fachbesucher und wahrscheinlich sieben Milliarden Euro Umsatz – da sind die  angeblich 60.000 Privatbesucher, die sich am Wochenende in die kunterbunte Reisewelt wagten, nur noch das Sahnehäubchen oben drauf.
Interessant ist vor allem eine Zahl, nämlich die der Besucher des parallelen Kongresses. 26.000 Zuhörer informierten sich und diskutierten über die Urlaubstrends. Noch nie gab es so einen Zuspruch für die schmuck-, und lichtlosen Vortragssäle im Keller. Da scheint es ein Bedürfnis zu geben nach Orientierung im touristischen Gewerbe, das sich gerade so rasch wandelt, wie noch nie.
Exogene Einflüsse auf klassische Zielgebiete, von politischen Verwerfungen bis hin zu Terror, fordern die Branche heraus. Man muss sich der Sicherheitsfrage stellen. Ein Thema, das man Jahrzehnte lang nur mit spitzen Fingern anfasste. Es wird aber auch erwartet, dass man immer flexibler Reiseströme umrouten kann, um die eigentlich vorhandene Reiselust nicht abzuwürgen.
Man muss sich auch der digitalen Herausforderung stellen. Und da geht es nicht um so putzige Roboter-Karikaturen wie die Infodame namens Chihira Kanae, die so fröstelnd mimisch unbewegt, wie eine nordkoreanische Parteisprecherin ihre Sätzlein sagte, dass auf lange Zeit kein Hotel-Rezeptionspersonal um seinen Job fürchten muss.
Nein, es sind die internationalen Player, die dem klassischen Veranstalter und dem stationären Vertrieb offen den Krieg erklärt haben. Von Priceline bis Google traten sie in Berlin mit geballter Arroganz auf, wie es nur die Amerikaner vermögen. Verbindlich im Tonfall, aber knallhart und ohne Beschränkung durch lästige nationale Bestimmungen, wie das deutsche Reiserecht, wollen sie den Volumen-Markt durch den Preis aufrollen. Die weltweiten Datenbanken und Vergleichsroboter werden dabei logisch immer den günstigsten Deal finden. Und dann wird der kostensensible Verbraucher geködert, sich solche Einzelleistungen zum Urlaub zusammenzustellen. Dass er seine rechtliche Sicherheitsposition im Falle eines Falles dadurch aufgibt, wird nur den wenigsten bewusst sein. Bis zur nächsten Krise.
Kein Wunder, dass zur Zeit vor allem deutsche Unternehmen verzweifeln an der Politik, die es nach wie vor nicht schafft, einen der wichtigsten Wirtschaftszweige des Landes zu schützen, oder wenigstens zu respektieren abseits übel verwest riechender Fensterreden, die seit Jahren copy and paste gehalten werden.
Dabei war der Urlaub noch nie so wertvoll wie heute. Nicht im Sinne der Wirtschaftsleistung, sondern auf der Ebene der Völkerverständigung. Michael Frenzel hat da völlig recht, wenn er im Reiseradio-Interview beschwört, die Reisebranche sei eine Friedensindustrie. Auf der einen Seite sind Urlauber in den meisten Destinationen tatsächlich eine Art von Entwicklungshelfer, die viele Menschen in Lohn und Brot bringen. Auf der anderen Seite zeigen gerade die verstörenden Wahlergebnisse von heute, dass es mehr als notwendig ist, dass Deutsche, die so eine diffuse, aggressive Angst vor Fremden in ihrer Nachbarschaft haben, im Urlaub erleben, welche herzliche Gastfreundschaft ihnen zuteil wird. Hoffentlich schämt sich diese Klientel dann abends darüber, wem sie in der wohlhabenden und vergleichsweise sorgenfreien Heimat ihre Stimme gegeben hat.

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