Von Spionen, Staatsgästen und Regierungsbauten

Bis heute ist die Villa Hammerschmidt in Bonn Amts- und Wohnsitz des Bundespräsidenten - als Nr. 2 nach Schloss Bellevue in Berlin; Foto: Thorsten Keller
Bis heute ist die Villa Hammerschmidt in Bonn Amts- und Wohnsitz des Bundespräsidenten - als Nr. 2 nach Schloss Bellevue in Berlin; Foto: Thorsten Keller

Bonn im Wandel der Zeit: Nach Kanzlern und Präsidenten kamen die Vereinten Nationen

Fast fünf Jahrzehnte lang wurden von Bonn aus die politischen Fäden der Bundesrepublik gezogen. Das politische Flair ist im und um das einstige „Bundesdorf“ herum bis heute spürbar. Ein Rundgang mit Thorsten Keller

Oh nein – an Spitznamen hat es Bonn nie gemangelt in seiner nahezu vier Jahrzehnte währenden Zeit als deutsche Bundeshauptstadt. Oder eben als „Bundesdorf“, wie die Stadt am Rhein in den Anfängen der Bonner Republik spöttisch gerne genannt wurde. Und ja – mehr als eine kleine Großstadt war dieses knapp 100 000 Einwohner zählende Bonn ja auch nicht, als sich der Parlamentarische Rat mit seinen 65 stimmberechtigten Abgeordneten im September 1948 im Bonner Museum Koenig erstmals mit dem Ziel traf, ein Grundgesetz für die neue Bundesrepublik Deutschland auszuarbeiten.

Es war also alles andere als sicher, dass der Tagungsort des Rates hernach auch Bundeshauptstadt und Regierungssitz werden könnte, wie engagierte Lokalpolitiker sich dies in ihren kühnsten Träumen bereits ausmalten. Zumal Mitbewerber Frankfurt mit seiner Nationalversammlung und der Reichsverfassung 100 Jahre zuvor schon Historisches geleistet hatte im Streben nach einem einheitlichen deutschen Bundesstaat.

Adenauer bahnt den Weg

Doch wie im „Rheinischen Grundgesetz“ verankert nix bliev wie et wor und ohnehin alles kütt wie et kütt kam Bonn am 10. Mai 1949 tatsächlich zu Amt und Würden, oder besser zu Ämtern und Würdenträgern, und die Dankesrede, die der siegessichere Frankfurter Oberbürgermeister Walter Kolb bereits bei Radio Frankfurt hatte aufnehmen lassen, fand ihren Weg in die Archive. Auch dank – und mancher Zeitzeuge sollte später sagen „gerade wegen’“– des vor den Toren Bonns lebenden späteren Kanzlers Konrad Adenauer wurde die Abstimmung zur neuen Bundeshauptstadt zu einem Kampf der Fraktionen, in dem sich letztlich die christdemokratischen Bonn-Unterstützer nach dem – diplomatisch ausgedrückt – Einschwenkkurs ihrer hessischen Parteikollegen gegen das sozialdemokratisch unterstützte Frankfurt durchsetzten.

So war es nun Bonn, das 1949 zur Bundeshauptstadt wurde und zum vorläufigen Sitz der nachkriegsdeutschen Bundesorgane. Zu einem „Wartesaal für Berlin“, wie David Cornwell einst bemerkte, der Anfang der 1960er-Jahre im diplomatischen Dienst der britischen Botschaft in Bonn am Standort der heutigen Telekom-Zentrale seinen Dienst verrichtete. Und der schließlich enttarnt wurde – als MI5- und MI6-Agent ihrer Majestät der Königin von England, was Cornwell notgedrungen seinen Dienst quittieren ließ. Et es wie et es, dachte sich Cornwell daraufhin wohl, legte sich den Künstlernamen John Le Carré zu und wurde in den kommenden Jahrzehnten als Autor zahlreicher Spionagethriller bekannt.

Doch David Cornwell war in seinem geheimen Metier in Bonn wohl nicht ganz alleine. Noch heute ranken sich um das am Marktplatz gelegene Caféhaus Müller-Langhardt Legenden. Französische Spione sollen hier aktiv gewesen sein – in direkter Sichtweite zum Alten Bonner Rathaus, jenem geschichtsträchtigen Ort, auf dessen Balkon sich Theodor Heuss 1949 als erster Präsident der jungen Bundesrepublik feiern ließ. Konrad Adenauer und Frankreichs Präsident Charles de Gaulle schlugen hier bei de Gaulles erstem Staatsbesuch 1962 ein neues Kapitel der deutsch-französischen Geschichte auf. Vier Monate später sollte Adenauers Treffen mit de Gaulle in der Unterzeichnung des deutsch-französischen Freundschaftsvertrages im Pariser Elysee-Palast gipfeln. Kleine Schritte zweier großer Staatsmänner wurden zu einem großen Schritt für die beiden einstigen „Erbfeinde“ Frankreich und Deutschland. Und mehr denn je, wie sich später zeigen sollte, auch für das moderne Europa von heute.

Neuer Zweck für schmucke Gebäude

Theodor Heuss und Konrad Adenauer durften sich indes als führende Köpfe der jungen Bundesrepublik ab 1949 auch auf ihre neuen Amtssitze freuen, die heute wie viele weitere ehemalige Regierungsgebäude den „Weg der Demokratie“, einen Spazierweg für historisch interessierte Bonn-Besucher, säumen.

Doch während die Präsidentenresidenz Villa Hammerschmidt, das „Weiße Haus von Bonn“, von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier wie von seinen Vorgängern nach wie vor auch als zweiter präsidialer Amts- und Wohnsitz genutzt wird, entpuppte sich Palais Schaumburg, der erste Kanzlersitz der Bonner Republik, schon in den 1970er-Jahren als zu klein für Kanzler und Kanzleramt. Seit 1969 nutzten die Bundeskanzler mit Ausnahme Willy Brandts daher privat den von Ludwig Erhard in Auftrag gegebenen Kanzlerbungalow im Garten des Palais Schaumburg. Und 1976 wurde hier in direkter Nachbarschaft zu beidem schließlich auch das neue Kanzleramt eröffnet.

Doch jeder Jeck ist im Rheinland bekanntlich anders, und die moderne Architektur des neuen Kanzleramtes traf offenbar dann auch nicht den Nerv jedes seiner Hausherren. Von Kanzler Helmut Schmidt ist jedenfalls überliefert, dass ihm sein neuer Bonner Amtssitz dermaßen missfiel, dass er dem Gebäude missmutig den Charme einer rheinischen Sparkassenfiliale andichtete. Dass Helmut Schmidt 1982 jedoch freiwillig aus Kanzleramt und Bungalow auszog, darf heute nicht nur aus historischer Sicht bezweifelt werden. Es sollte ganze 16 Jahre dauern, bis 1998 wieder ein Sozialdemokrat in den Kanzlerbungalow einziehen durfte. Und dies auch nur für kurze Zeit, denn dieser Bewohner, Gerhard Schröder, sollte nach Helmut Kohl dann auch der letzte Nutzer des Kanzlerbungalows sein.

Mittlerweile hatte nämlich die Weltgeschichte Deutschland und Bonn überrascht, und die 35 Jahre alten Wartesaal-Prophezeihungen des früheren britischen Diplomaten David Cornwell alias John Le Carré wurden binnen Stunden und Minuten von der Realität eingeholt: Während die Bonner Parlamentarier am 9. November 1989 im Wasserwerk, dem Ausweichsaal für den 1987 abgerissenen langjährigen Plenarsaal der Bonner Republik, Reformgesetze zur Renten- und Beamtenversorgung debattieren, fiel im Osten Europas der Eiserne Vorhang und die Grenzen zwischen West und Ost öffneten sich. Zeitzeugen erinnern sich, dass sich die Parlamentarier in diesen geschichtsträchtigen Minuten spontan von ihren Sitzen erhoben und ein fraktionsübergreifendes „Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland. Danach lasst uns alle streben brüderlich mit Herz und Hand.“ im Bonner Plenum am Rheinufer erschallen ließen.

Wat fott es, es fott.
Und nun?

Für Bonn läutete die Wiedervereinigung der Bundesrepublik jedoch das Ende seiner politischen Hochkultur ein. Der Einigungsvertrag vom 3. Oktober 1990 machte Berlin zur neuen Bundeshauptstadt, und ein Jahr später beschloss der Bundestag die Verlegung von Parlament und Teilen der Regierung in die neue Bundeshauptstadt. Die infrastrukturell und ökonomisch mit dem Bonn-Berlin-Umzug in Verbindung stehenden Modalitäten regelte schließlich 1994 der Bonn-Berlin-Vertrag. Und am 1. Juli 1999, nach der letzten Sitzung im einige Jahre zuvor eröffneten neuen Bonner Plenarsaal, ging die fast fünf Jahrzehnte währende Geschichte der Bonner Republik dann mit einem Festakt endgültig zu Ende.

Doch niemals geht man so ganz. Noch immer haben in der Bundesstadt am Rhein sechs Bundesministerien ihren ersten Dienstsitz. Dazu zwei Dutzend Bundesbehörden wie der Bundesrechnungshof, die BaFin und das Bundeskartellamt. Insgesamt mehr als 10 000 Beamte, die neben den Diskussionsgästen von Ex-Kanzleramtschef Bodo Hombach oder der Bundeszentrale für politische Bildung der einstigen Hauptstadt noch immer ein politisches Flair verleihen.

Und nicht nur Menschen aus der Zeit der Bonner Republik sind geblieben. Auch die Bauwerke aus jener Zeit stehen nach wie vor für die rheinische Epoche der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte: Museum Alexander Koenig, Villa Hammerschmidt und Palais Schaumburg, die Kreuzbauten, das Tulpenfeld, das ehemalige Kanzleramt und der 1992 eröffnete neue Plenarsaal, der nun zum World Conference Center Bonn gehört.

Und natürlich der legendäre, im Rheinhochwasser 1993 halb versunkene Schürmannbau, der in der späten Bonner Republik zum neuen Abgeordnetenhaus hätte werden sollen und heute – jegliche Ironie bleibt an dieser Stelle unausgesprochen – die Medienkollegen der Deutschen Welle beherbergt. Dazu die Firmen-zentralen der Global Player Deutsche Telekom und Deutsche Post DHL.

Und natürlich die Vereinten Nationen, die seit 2006 Bonn sukzessive als ihren deutschen Standort ausbauen und seit 2012 im ehemaligen Abgeordnetenhaus der Bonner Republik, dem nach Ex-Bundestagspräsident Eugen Gerstenmeier benannten „Langen Eugen“ ihre UN-Klimasekretariate beherbergen. Viele Player, die ganz in der Tradition der Bonner Republik für Werte stehen – für Bildung und Weltoffenheit, für Toleranz und Nachhaltigkeit.

Es bleiben Anekdoten

Doch natürlich spielt auch das immaterielle Erbe der Bonner Republik noch eine Rolle, jene Legenden und Anekdoten aus den ehemaligen Abgeordneten-Kneipen von „Rheinlust“ bis „Mierscheidt“. Die linken Weltverbesserer der SPD aus der „Schumann-Klause“, Ex-Tagesthemen-Moderator Ulrich Wickert inklusive mit heruntergelassenen Hosen auf dem Tresen. Oder eben die „Provinz“, jener feucht-fröhliche Treffpunkt, der ab 1983 die späteren Minister der rot-grünen Koalition unter Kanzler Gerhard Schröder zu seinen Stammgästen zählen durfte. Bereits zu frühen Juso-Zeiten soll dieser nach einer durchzechten Nacht von hier aus einen ersten Angriff auf das nahe Kanzleramt gestartet haben. Der Versuch endete seiner-zeit am Zaun des Amtes mit Schröders legendärem Ausruf: „Ich will da rein!“.

Nicht wesentlich erfolgreicher gestaltete sich unterdessen mancher Staatsbesuch in Bonn – wie 1973 der von Leonid Breschnew im südlich von Bonn im Siebengebirge gelegenen Bundesgästehaus auf dem Petersberg. Der autobegeisterter Staatslenker erhielt wie jeder Staatsgast der Bundesrepublik zu dieser Zeit ein Gastgeschenk, in seinem Fall einen Mercedes 450SLC, den der Sowjetpräsident vor dem Eingang zum Gästehaus vorfand. Elektrisiert setzte sich Breschnew ans Steuer, doch auf der steilen Serpentinenstraße nach Königswinter, die Jahrzehnte zuvor Konrad Adenauer oft nehmen musste, um auf dem Petersberg mit den alliierten Kommissaren über die Zukunft Deutschlands zu debattieren, verlor er die Kontrolle. Fürs Auto war es ein Totalschaden, nicht jedoch für die deutsch-russischen Beziehungen, die am nächsten Morgen mit der Bereitstellung eines zweiten Mercedes 450 SLC gerettet werden konnten.

Und damit kommen wir nun zum letzten Ort der Bonner Republik, der heute noch von historischer Relevanz ist. Der ehemalige Regierungsbunker im Ahrtal, einst sicher als das geheimste Bauwerk der jungen Bundesrepublik in die Tunnelanlagen einer alten Eisenbahnstrecke gebaut, um im Krisen- und Kriegsfall der Bundesregierung als Ausweichregierungssitz zu dienen, wurde 2008 der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Dies wird von Ahrtal-Besuchern gerne genutzt, und ganz ehrlich – obwohl Nachforschungen ergeben haben, dass der angeblich atomwaffensichere Regierungsbunker der Explosion einer Nuklearbombe nicht hätte standhalten können – einen besseren Ort für den Regierungsbunker, als versteckt hinter den Weinbergen des Ahrtals, hätte man sich nicht ausdenken können.

Ein letzter Wein im Ahrtal

Denn das nördlichste Rotweinanbaugebiet Europas war schon in der Bonner Republik vielen Bundesbediensteten so manchen Wochenendausflug wert. Und die Wanderungen auf dem Rotweinwanderweg endeten oft in einem der vielen Weingüter. Diese wiederum haben in den letzten Jahrzehnten massiv an Qualität gewonnen – was nicht zuletzt die Gault-Millau-Ratings zum Beispiel für Weine der Weingüter Brogsitter, Meyer-Näkel und Jean Stodden belegen. Nicht nur, weil auch die 1868 in Mayschoß gegründete älteste Winzergenossenschaft der Welt im Ahrtal zuhause ist, ist der Besuch des Tals der perfekte Ausklang einer Reise auf den Spuren der Bonner Republik.

Lesetipp Buchreihe des Wartberg Verlags
„Aufgewachsen in BONN“

Werner P. D‘hein: … in den 40er und 50er Jahren. 64 Seiten.
ISBN: 978-3-8313-1923-7

Karsten Brandt: … in den 60er und 70er Jahren. 64 Seiten.
ISBN: 978-3-8313-2015-8

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