Deutschland braucht einen Masterplan

Die VDRJ verleiht den Columbus-Ehrenpreis 2017 an den Bundestagsabgeordneten Markus Tressel. Die Vergabe des Preises findet am Freitag, 10. März 2017 ab 14:30 Uhr auf der ITB statt. Auf der anschließenden Podiumsdiskussion nimmt Markus Tressel Stellung zu der Frage, wie gefährlich „Fume-Events“ sind, und warum die Politik es nicht schafft, der Luftfahrtindustrie verbindliche Grenzen zu setzen. 

Markus Tressel ist Mitglied im Tourismusausschuss des Deutschen Bundestages. Er setzt sich nicht nur für die Umwelt ein, sondern auch für die Arbeitsbedingungen in der Branche.

Im Interview mit Heidi Diehl spricht der Grünen-Politiker über seine Vorstellungen zum Thema Tourismus.

VDRJ: Herzlichen Glückwunsch zur Auszeichnung mit dem Columbus Ehrenpreis 2017. Was bedeutet er Ihnen?

Tressel: Ich bedanke mich ganz herzlich für diese hohe Ehrung. Ich sehe sie als Anerkennung dafür, dass wir mit unserer Arbeit etwas für die Entwicklung des Tourismus allgemein und für den Deutschlandtourismus im Besonderen bewegen können.

Sie sind seit 2009 Bundestagsabgeordneter und arbeiten seitdem im Tourismusausschuss. War das Ihr Wunschbereich von Anfang an?

Tressel: Nein, eigentlich wollte ich im Arbeitskreis 2, zu dem auch Umwelt, Naturschutz, Energie und Tourismus gehören, im Bereich Mobilität mitarbeiten. Doch dann fragte mich meine Fraktion, ob ich mir nicht vorstellen könnte, mich dem Thema Tourismus zu widmen, das bis dahin noch unbesetzt war. Die Tatsache, hier ein leeres Feld beackern zu können, reizte mich, obwohl ich außer gelegentlichen Urlauben wenig Ahnung vom Tourismus hatte. Aber ich merkte ganz schnell, dass ich hier ein Arbeitsgebiet hatte, das, so wie ich es immer wollte, einen sehr engen Bezug zu meinem Wahlkreis, dem Saarland, hat, für den ich mich unbedingt engagieren wollte.

Inwiefern, das Saarland ist doch eher als Industrieland bekannt?

Tressel: Das stimmt, aber es ist ein Industrieland in Transformation. Das heißt, durch den Rückgang der jahrzehntelang alles bestimmenden Stahl- und Kohleindustrie sind neue Ideen gefragt, in welche Richtung sich das Land entwickeln könnte. Mitten in Europa gelegen, wird die touristische Bedeutung und Umgestaltung des Saarlands in den nächsten Jahren weiter an Bedeutung gewinnen. Diese Tatsache und die Möglichkeit, daran als Bundestagsabgeordneter strukturell mitwirken zu können, waren letztlich dafür ausschlaggebend, dass ich mich für den Tourismusausschuss entschieden habe.

Spannende Tourismus-Entwicklung in Deutschland

Haben Sie es jemals bereut?

Tressel: Nein, ganz im Gegenteil. Ich merkte sehr schnell, dass ich mich auf einem Gebiet engagiere, das  völlig neue Denkansätze erfordert. Für mich ist die Entwicklung des Tourismus in Deutschland eines der spannendsten Themen, weil sie alle Bereiche des Lebens betrifft – strukturpolitische, ökonomische, ökologische und demografische. Es ist eine Branche im Umbruch.

Können Sie das etwas genauer erläutern?

Tressel: Deutschland war zwar schon immer das wichtigste Reiseland für die Deutschen, gewinnt aber seit den Krisen rund um das Mittelmeer und damit dem Wegfall ganzer Märkte eine ganz neue Bedeutung. Waren noch vor wenigen Jahren Länder wie Tunesien, Griechenland, Ägypten oder die Türkei stark frequentierte Ziele für den Haupturlaub, so bleiben heute viele im eigenen Land. Hinzu kommen Veränderungen im Tourismus durch den Klimawandel oder die demografische  Entwicklung. Je älter die Menschen werden, desto weniger zieht es sie in weit entfernte Regionen. Die Ansprüche an Qualität und Service steigen ebenso, wie die an behindertengerechte Ausstattung von Hotels und andere öffentliche Einrichtungen.

Ein weites Feld, würde Fontane sagen. Wissen Sie noch, welches Thema Sie im Tourismusausschuss zuerst angepackt haben?

Tressel: Ja, es ging um die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der Branche. Ein Dauerthema! Wenn wir in Deutschland Qualitätstourismus bieten wollen, brauchen wir motivierte, gut ausgebildete und engagierte Fachkräfte. Und genau daran mangelt es massiv. Auch der Mindestlohn konnte daran bislang nichts ändern. Fakt ist: Die Branche ist bei jungen Leuten unbeliebt. Es muss doch zu denken geben, dass rund 50 Prozent aller Lehrlinge ihren Ausbildungsvertrag vorzeitig beenden. Gründe dafür sind nicht nur in der schlechten Bezahlung zu suchen, sondern insbesondere in den Arbeitszeiten und -bedingungen. Wir brauchen dringend einen Neustart in der Branche. Es müssen endlich flächendeckend Verhältnisse geschaffen werden, dass Berufe insbesondere in der Hotellerie und Gastronomie wieder attraktiver werden. Doch bei allen Maßnahmen darf nicht vergessen werden: Die Hotels müssen das auch bezahlen können. Was letztlich auch bedeutet, sich über Übernachtungspreise Gedanken zu machen. Wenn man in einem Vier-Sterne-Hotel  in Berlin für eine Übernachtung 49 Euro zahlt, kann sich jeder ausrechnen, auf wessen Knochen das geht. Dumpingpreise rechnen sich auf Dauer nicht – weder für das Hotel noch für den Tourismusstandort Deutschland. Die Preise müssen in einem angemessenem Verhältnis zum Angebot stehen. Andere Länder machen uns das vor.

Dumpingpreise rechnen sich nicht

Eine richtige Forderung, doch wie soll das erreicht werden?

Tressel: Für grundlegende Änderungen, die das Image der Tourismusbranche betreffen, ist die gesamte Branche gefragt, insbesondere die Verbände, aber auch die Politik. Ich finde, die Verbände müssen das Thema ehrlicher betrachten. Sie diskutieren gern über das Arbeitszeitgesetz, was ja auch legitim ist. Die Frage aber ist: Was  müssen und können sie tun, damit die Berufe attraktiver werden? Viele haben noch nicht verstanden, dass es sich langfristig rächt, auf einen kurzfristigen monetären Benefit zu setzen um den Preis der Ausbeutung ihrer Mitarbeiter. Diese wollen klare Arbeitszeiten, Perspektiven, Verantwortung und gutes Geld für ihre Arbeit. Sonst sind sie schnell weg. Um den Tourismusstandort Deutschland voranzubringen müssen vor allem Maßnahmen gegen den Fachkräftemangel getroffen werden, statt vordergründig in schöne wie kurzfristige Imagekampagnen zu investieren. Deutschland braucht einen Masterplan für den Tourismus, der klar definiert, wohin sich das Land entwickeln soll und was dafür dringend notwendig ist.

Bedarfsgerechte touristische Infrastruktur

Der – neben Fragen der Arbeitsbedingungen – was beinhaltet?

Tressel: Wir engagieren uns im Tourismusausschuss stark für die weitere Entwicklung einer bedarfsgerechten touristischen Infrastruktur. Nur auf die Entwicklung der Metropolen zu setzen, erachte ich als großen Fehler. Frühere klassische Urlaubsregionen wie der Harz, der Bayrische Wald oder der Schwarzwald brauchen Geld für Investitionen, wenn sie nicht weiter abgehängt werden wollen. Manche Regionen haben bis zur Hälfte ihrer Übernachtungen verloren, weil sie nicht mehr den gewachsenen und neuen Ansprüchen der Gäste entsprechen. Doch insbesondere bei Pensionen und Gaststätten halten sich die Banken sehr bedeckt mit Krediten. Hier ist auch die Politik gefordert. Ein Umdenken ist dringend vonnöten, denn solange kein Geld fließt, um notwendige Investitionen in der Infrastruktur in Angriff zu nehmen, nutzt auch der schönste Masterplan nichts.

Wie könnte denn der Beitrag der Politik aussehen?

Tressel: Indem sie zum Beispiel klare Förderrichtlinien aufstellt. Einen ersten Schritt hat die Bundesregierung inzwischen in Hinsicht auf Investitionszulagen für Beschneiungsanlagen in Mittelgebirgen gemacht. Die sollen künftig wegfallen. Statt dessen soll Geld für alternative  touristische Angebote in den Regionen fließen, um die Regionen für neue Zielgruppen attraktiv zu machen. Neben Geld sind dafür ganz neue Denkansätze vonnöten. 

Zum Beispiel?

Tressel: Länderübergreifende Kampagnen wie das Lutherjahr sind ein kulturelles Aushängeschild. Doch was passiert im ländlichen Raum? Lange haben wir darüber diskutiert, wie man hier mit neuen Angeboten für mehr Attraktivität sorgen und somit dazu beitragen kann, die regionale Wertschöpfung anzukurbeln. Ein Ergebnis ist das Projekt „Kulturtourismus im ländlichen Raum“, das auch vom Bund mitfinanziert wird.

Viele Jahre spielte der Tourismus im Bundestag bestenfalls eine untergeordnete Rolle.

Tressel: Bis 2009 eigentlich gar keine, der Tourismusausschuss wurde immer als Exot belächelt, kaum einer hat dessen Arbeit als politisch wichtig angesehen, was wohl auch daran lag, dass man sich eher mit soften Randthemen als mit harten Fakten beschäftigte.

Das hat sich ja nun gründlich geändert.

Tressel: Ja, wir werden inzwischen als ernstzunehmende Partner wahrgenommen. Man muss sich ja nur mal vor Augen halten, dass durch die rund drei Millionen Beschäftigten im Bereich Tourismus  jährlich etwa 350 Milliarden Euro Bruttowertschöpfung erzielt werden, mehr als in der Auto- oder Chemieindustrie. Da kann die Branche auch eine starke Lobby verlangen. Ohne mich selbst loben zu wollen, aber ich sah die Arbeit des Ausschusses von Anfang an als hartes wirtschaftspolitisches Thema, das ökonomische, ökologische und soziale Facetten hat.

Abschaffung des Tourismusausschusses

Dennoch wollte Sigmar Gabriel, damals Wirtschaftsminister, 2013 den Tourismusausschuss abschaffen und in den Wirtschaftsausschuss eingliedern.

Tressel: Das konnten wir zum Glück parteiübergreifend verhindern. Wohl auch deshalb, weil wir uns nachdrücklich immer wieder  Themen auf die Tagesordnung gesetzt haben und setzen, die unter den Nägeln brennen. Wie Themen zum Verbraucherschutz oder jetzt zum Beispiel die Pauschalreiserechtlinie, die aus unserer Sicht federführend nicht in den Rechtsausschuss  sondern in den Tourismusausschuss gehört. Denn es geht dabei um nichts weniger als um die Zukunft der Reisebüros in Deutschland und auch um touristische Verbraucherfragen.

Wenn Sie an die Mitglieder der VDRJ einen Wunsch frei hätten, welcher wäre das?

Tressel: Dass sie mehr über die Themen berichten, die vielleicht nicht so vordergründig in der Debatte sind. Wie den Klimawandel und seine Auswirkungen auf den Tourismus. Was bewirkt er in Hinsicht auf ökologische Probleme und die ökonomische Abhängigkeit der Menschen vor Ort? Wie wird sich der Tourismus verändern und wohin? Kurzum: Themen zur Zukunft des Tourismus in Deutschland würde ich gern stärker in der Öffentlichkeit diskutiert sehen und die Reisejournalisten dabei als starke Partner an meiner Seite wissen.

Zur Person:
Markus Tressel gehört der Fraktion Bündnis90/Die Grünen an und ist seit 2009 Mitglied des Deutschen Bundestages und dort unter anderem Mitglied im Tourismusausschuss. Er ist Sprecher für Tourismuspolitik und ländliche Räume der Grünen. Der 39-Jährige lebt im Saarland, ist verheiratet und hat zwei Kinder.

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