Politische Turbulenzen beeinflussen die Reise-Entscheidung

Lilo Solcher

Politik hat viel mit Tourismus zu tun. Das hat das vergangene Jahr gezeigt. Reiseveranstalter wissen viel davon zu berichten, und es sind dann auch politische Turbulenzen, die den Tourismus in andere Bahnen lenkten.

Dass es die Ströme aus dem östlichen ins westliche Mittelmeer zieht, haben fast alle Veranstalter nach Krieg und Terror schon geahnt, auch dass es zum Teil unbeteiligte Nachbarländer trifft. „Der islamische Raum geht gegen Null,“ heißt es beim Studienreiseveranstalter Studiosus. Auch die Kreuzfahrt-Riesen haben umgeroutet und meiden inzwischen türkische Häfen. Das Wort von der „German Angst“ geht wieder um, sind es doch die Deutschen, die überaus sensibel auf Gefährdungen reagieren. Das Ammerländer Gespräch des Studienkreises für Tourismus drehte sich aber nicht nur um Länder wie Tunesien oder die Türkei, sondern auch um Dresden, dessen Image wegen der Pegida-Demonstrationen gelitten hat. „Wird die Politik zum Seismographen für den Tourismus?“ hieß die Frage, die letztendlich mit einem klaren Ja beantwortet wurde. Denn die Erschütterungen, die der Tourismus derzeit erlebt, sind zum größten Teil der politischen Entwicklung geschuldet.

Beispiel Türkei

Zwar hat der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan nach Meinung eines Experten in seiner Re- gierungszeit das Leben in der Türkei „grundlegend verbessert“, hat für mehr Bildung gesorgt, Krankenhäuser gebaut, die Infrastruktur verbessert. Aber mittlerweile hat er alles seinem Streben nach Allmacht untergeordnet und schreckt auch nicht davor zurück, Menschen wegen kleinster Vergehen ins Gefängnis zu werden. Kritiker werden mundtot gemacht, angebliche Unterstützer des gescheiterten Putschversuchs verschwinden, Journalisten fliehen oder werden verhaftet.

Auch aus diesen Gründen hat der Deutsche Reiseverband die Tagung in der Türkei abgesagt. Mit 40 Prozent waren die Buchungs-Rückgänge für das Land dramatisch. „Erdogan ist der Totengräber des Tourismus in der Türkei,“ konstatiert ein Veranstalter. Dennoch warnen Experten davor, den Kontakt abreißen zu lassen. „Die Türkei ist mehr als Erdogan.“ Tourismus könne durch den Meinungsaustausch auch stabilisierend wirken.

Beispiel Dresden

Viele Sachsen, so eine Hotelbesitzerin, seien „tief verzweifelt über das, was sich in Dresden abspielt“. Krawalle, Pöbeleien und die Pegida-Aufmärsche verstörten selbst Stammgäste. Sie empfänden das Land zunehmend als „unsympathisch und aggressiv“. Zu Unrecht, wie die Hoteliere meint. Denn die Mehrheit der Menschen sei keineswegs so. Auch deshalb empfindet sie die Vereinnahmung des Widerstandsspruchs „Wir sind das Volk“ als inakzeptabel. Es sei eben gerade nicht das Volk, das da am Montag in Dresden aufmarschiere. An den Pegida-Montagen empfiehlt sie den Touristen trotzdem, Semper-Oper und Zwinger zu meiden. Und den Sachsen rät sie zu mehr Zivilcourage.

Beispiel Marokko

Bei Urlaubsentscheidungen geht es den Menschen vor allem auch um die Sicherheit des Reiseziels oder auch das eigene Sicherheitsempfinden. Und das kann sich durch Vorkommnisse wie in Köln schnell än- dern. Die Ereignisse der Silvesternacht hatten deutliche Auswirkungen auf die Buchungslage in Marokko. Aber auch der Terror in den Nachbarstaaten und der Einfluss des IS sind für die hochfliegenden Pläne des Königreichs für den Tourismussektor eine Bedrohung.

Beispiel Tunesien:

Komplexer ist die Situation in Tunesien, das nach der Arabellion eine Zivilgesellschaft mit freien Wahlen entwickelt hat. Das wäre, so die Diskussionsteilnehmer,jederUnterstützung wert. Allerdings hat das Attentat in Sousse, bei dem Touristen das Ziel waren und 38 Menschen ums Leben kamen, nachhaltige Auswirkungen. „Wenn Touristen sich an ihrem Urlaubsort angegriffen fühlen, geht nichts mehr,“ so ein Veranstalter, der allerdings dafür plädiert, die Menschen vor Ort nicht im Stich zu lassen.

Tourismus, so die allgemeine Überzeugung, könne auch stabilisierend wirken. Immerhin steuert der Tourismus fast zehn Prozent zur weltweiten Wirtschaftsleistung bei. Außerdem ist jeder zehnte Arbeitsplatz dem Tourismus zu verdanken. Weltweit könne die Branche ein Wachstum verzeichnen – außer in Nordafrika.

 

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