Der Urlauber als politische Macht

Jürgen Drensek

Wahrscheinlich geht es mir so, wie den meisten von Ihnen: es macht einfach kaum noch Spaß, Zeitung zu lesen, oder die Nachrichten bei ARD oder ZDF oder den guten Öffentlich-Rechtlichen Radio-Sendern zu empfangen. Die Welt scheint überwiegend aus negativen News bestehen. Getrieben von unangenehmen Akteuren, mit denen man wirklich nicht in einem Raum sein möchte. Weder real, noch im übertragenen Sinne.

Und dieses schlechte Gefühl ist die momentan die größte Herausforderung für die Reise-Industrie. Denn jahrelang lautete ihr Credo „Reisen verbindet“. Das Kennenlernen fremder Kulturen, das Erleben von Gastfreundschaft, der Dialog mit dem Fremden. Ok, umgesetzt wurde das nur von den wenigsten Veranstaltern. Aber mit der weißen Weste der Völkerverständigung hat sich auch die letzte Klitsche gerne geschmückt; selbst, wenn sie nur Bettenburgen an öden Touri-Stränden im Programm hatte.

Nun fällt der Branche ihr Feel-Good-Faktor krachend auf die Füße. Überall da, wo man zum Wohlfühlen zur Zeit wirklich keinen Anlass hat. Das fängt an in Deutschland, in Regionen, in denen die pöbelnd braunen AfD Horden den Ton bestimmen wollen, und geht nahtlos weiter zu ihren europäischen Kumpanen, die sich ebenfalls bewußt außerhalb einer traditionellen, demokratischen Diskussionskultur stellen und damit verstören.

Zu Gast bei Freunden kann man sich natürlich nicht mehr in der Türkei fühlen. Auch, wenn unsere Anzeigen-abhängigen Branchenblätter über Monate versucht haben, die Probleme klein zu schreiben, und die Veranstalter – und auch die ITB – zu gerne einen auf Doof machen bis heute: man würde sich grundsätzlich nicht in der Lage sehen, politische Entwicklungen in einem Ferienland zu kommentieren. Ach ja?

Fakt ist, die Türkei ist auf dem schlechtesten Wege, eine Vorzeige-Diktatur zu werden. Sie entwickelt sich seit vielen Monaten zurück zu einem islamistisch geprägten Mittelalter-Feudalstaat, in dem jede andere Meinung, als die des Kalifen mit Gewalt und Willkür unterdrückt wird. Nur, dass der Kalif des 21. Jahrhunderts ein psychisch fragwürdiger Narzist ist, der skrupellos eine lächerliche Ehre verteidigt, die ihm und seiner politischen Machtbasis schon lange abhanden gekommen ist.

Da ist er spiegelbildlich gleich zum widerlichen Parvenü westlich des Atlantiks, der einem jeden Tag in den Nachrichten Momente des Brechreizes verursacht. Alles nicht so schlimm, wie die Veranstalter mit ihren „alternative Facts“ versichern? Buchungslage super, Amerika beliebt wie eh und je? Dieses kollektive sich selbst Belügen wird sich nicht mehr lange durchhalten lassen.

Klar werden alte Reiseplanungen erst noch abgearbeitet, zumal bei den Währungsbedingt günstigen Veranstalterpreisen derzeit. Aber je mehr die Welt erschüttert wird durch die unberechenbaren Verrückten, desto mehr tangiert das auch Reise-Entscheidungen.

Das ist der große Unterschied zu früher. Selbst der unpolitischste Pauschalurlauber, der dazu neigte, sich nicht sein Leben durch übermäßigen Konsum von Nachrichten zu beschweren, kann dem wegen all der Sozialen Medien kaum noch entfliehen. Und wird berührt, erregt, verärgert.

Das ist das Gute im Schlechten. Die Öffentlichkeit politisiert sich wieder. Und nicht, wie früher, nur die revolutionären Jungen gegen die bräsigen Alten. Es geht quer durch intellektuelle Lager und alle Altersschichten.

Die touristische Industrie kann sich nicht mehr auf das Ruhekissen der Reisewarnungen durch das Auswärtige Amt zurückziehen. Lediglich Gefährdungslagen zu registrieren, das war früher.

Die diffuse Unbehaglichkeit am Counter bestimmt nun die Buchung. Eine Folge: die Türkei ist in diesem Sommer faktisch tot als normalpreisiges Reiseziel. Und das ist wunderbar. Selbst, da es mir persönlich leid tut um die wirklich überwiegend herzlichen und guten Gastgeber dort. Der mittlerweile enorme wirtschaftliche Druck auf Erdogan ist vielleicht die letzte kleine Chance, ihn zu disziplinieren. Nicht nur, dass er schon bettelnd bei der Bundesregierung vorstellig werden musste. Die Millionen Türken, die vom Tourismus leben und deren Familien von den Jobs abhängig sind, werden ihm hoffentlich durch ihren Leidensdruck bei der Abstimmung in der Wahlkabine jetzt einen Strich machen bei seinem Versuch, sich das Land zur Beute zu machen.

Der Tourist ist auf einmal ein durchaus politisches Wesen. Nicht dadurch, dass er sich aktiv engagiert. Das wäre dann wahrscheinlich doch zu viel verlangt. Aber durch das sehr probate und angesichts der übergroßen Auswahl an attraktiven Zielen auch sehr einfache Mittel des Liebesentzugs.

Das ist der Vorteil der deutschen Reiseindustrie in ihrer Stärke. Auch, wenn sie sich selbst nicht profiliert durch politische Verantwortung, sie schafft – durchaus eher von Eigennutz getrieben – die Umbuchungs-Alternativen, die bequemes Engagement erst möglich machen. Für die Ausrede, erst kommt das Fressen, dann die Moral, gibt es angesichts des reich gedeckten Tischs der anderen, ebenfalls schönen und bezahlbaren Sommerziele, keine Entschuldigung mehr. Und das ist die wirkungsvollste Tourismus-Kritik, mit der sich die ITB in der kommenden Woche auseinandersetzen muss.

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