Ist die Türkei noch zu retten?

Jürgen Drensek

Man muss sich den amerikanischen Blick auf die Welt sicher nicht grundsätzlich zu eigen machen, dafür sind die Amis zu wenig reiseerfahren und außerdem sehr prominent vertreten in der Hitliste der weltweit am meisten gehassten Nationen. Als Weltpolizist mit oder wider Willen hat man naturgemäß ein höheres Bedürfnis, sich zu schützen. Und auch Israelis haben zwangsläufig ihren sehr spezifischen Sicherheits-Radar, zumal in muslimischen Ländern. Aber wenn beide Regierungen nun sehr klar vor der Türkei warnen, dann ist das keine diskussionswürdige Befindlichkeit mehr, sondern höchstwahrscheinlich das Ergebnis einer professionellen Gefahrenabschätzung auf Grundlage geheimdienstlicher Erkenntnisse.

Neu und pikant in diesem Zusammenhang die ausdrückliche Einschließung der Touristenregion am Mittelmeer; also beileibe nicht mehr „nur“ die Metropolen Ankara und Istanbul, von denen nur die zweite ein touristischer Magnet ist.

Wenn zwei Nationen, die in ihrer Aufklärungs-Professionalität dem deutschen BND um Lichtjahre voraus sind, zu solchen Warnungen kommen, dann sollten auch bei unserer touristischen Industrie alle Warnglocken klingeln. Zumal, wenn begleitend die großen internationalen Kreuzfahrt-Unternehmen bereits heute vorausschauend selbst für das kommende Jahr Häfen in der Türkei aus dem Programm nehmen.

Man kann es sich nicht mehr schönreden. Die Türkei ist ein Pulverfass. Gelenkt von einer unprofessionellen Regierung und vor allem einem ehrpusseligen, dem Despotismus zugeneigten Präsidenten außer Kontrolle, aufgerieben durch einen politisch motivierten Bürgerkrieg gegen die Kurden und eine Schlingerhaltung gegenüber den IS-Terroristen, belastet durch Millionen syrischer Flüchtlinge und durch eine unklare Haltung gegenüber radikalen religiösen Leitlinien aus dem gedanklichen Mittelalter, hat sich das Land binnen von Monaten zu einer Region entwickelt, die alles andere ist, als ein sicherer, unbeschwerter Urlaubshafen.

Die Absage der Jahrestagung von Schmetterling in Kusadasi war ein erstes Fanal in der Branche und wurde entsprechend emotional diskutiert. Wenn schon die Profi-Touristiker um Leib und Leben fürchten in der Türkei, wie sollen sie dann überzeugend Urlaub dorthin verkaufen an verunsicherte Familien? Vielleicht ist es auch dieses verheerende Bild in der Außenwahrnehmung, das den DRV noch zögern lässt, offiziell zu verkünden, dass auch die DRV-Tagung im Herbst durchaus nicht mehr sicher gesetzt ist.

Gut drei Wochen nach Schmetterling dämmert die Erkenntnis in den Führungsetagen der Veranstalter, dass die Türkei als Ziel für den Sommer 2016 kaum noch zu retten ist. Trotz massiver Preisnachlässe und keiner ernstzunehmenden griechischen Alternative. Das schmerzt. Denn ungleich zu Tunesien und Ägypten ist man wirtschaftlich viel stärker in der Türkei engagiert; von den viel höheren Gästezahlen gar nicht zu reden.

Es ist verständlich: Man kann die Türkei nicht fallen lassen, wie eine heiße Kartoffel. Dafür sind die Partnerschaften zu eng, und die wirtschaftliche Lage der im Tourismus Beschäftigten eh schon prekär genug angesichts des russischen Boykotts. Nicht zuletzt deshalb gibt es auch den Druck auf das Auswärtige Amt, sich in Punkto Reisewarnung zurückzuhalten. Die deutsche Regierung ist wegen der Flüchtlinge in einer unwürdigen Pudel-Position gegenüber Erdogan und die deutsche touristische Industrie hat zu viele wirtschaftliche Interessen südlich des Bosporus.

Aber wenn man ägyptische oder tunesische Maßstäbe nehmen würde, müsste noch diesen Monat die Reisewarnung für die Türkei kommen. Das ist wirklich keine gute Situation für die Berater in den Reisebüros.

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