Facelifting für die Städte

Die Frauenkirche in Dresden; Foto: Eva Maria Mayring
Die Frauenkirche in Dresden; Foto: Eva Maria Mayring

Der Titel Kulturhauptstadt bringt Anerkennung und Aufmerksamkeit

von Eva-Maria Mayring

Leeuwarden in den Niederlanden und das maltesische Valletta sind die Kulturhauptstädte in diesem Jahr. Für 2025 kann sich auch wieder eine deutsche Stadt eine Chance auf den Titel ausrechnen. Womöglich Dresden, der Tagungsort der VDRJ. Doch wie wird eine Stadt Kulturhauptstadt?

Es war die griechische Kultusministerin Melina Mercouri, die 1985 den Vorschlag machte, europäische Städte nach kulturellen Gesichtspunkten auszuwählen und zu präsentieren. Damit sollte das gemeinsame kulturelle Erbe Europas betont und mehr Verständnis für das europäische Miteinander geweckt werden.

Mit Unterstützung der EU wollte man kulturelle Aspekte der Stadt, der Region und des betreffenden Landes in den Vordergrund rücken. Die Idee von Mercouri fand Anklang beim Europäischen Parlament und wurde 1999 in einem Ratsbeschluss angenommen. Von da an wurde jedes Jahr eine andere Stadt ausgewählt. Damit verband man auch die Hoffnung, die neu hinzugekommenen Mitglieder schneller und besser einzubinden.

Da die EU innerhalb kurzer Zeit eine Reihe von neuen Mitgliedstaaten aufnahm und die bisherigen Präsentationen der Städte meist positiv aufgenommen wurden, konnten ab 2009 zwei europäische Städte Kulturhauptstadt werden – eine aus den alten, die andere aus den neuen Mitgliedstaaten. In einer langwierigen Prozedur, die bereits sechs Jahre vor der endgültigen Wahlentscheidung beginnt, steht am Anfang das nationale Auswahlverfahren.

Die Kultusministerien der Länder fordern dazu auf, Bewerbungen einzureichen. Ein Kulturausschuss aus unabhängigen Sachverständigen prüft nach einem Kriterienkatalog die Vorschläge. Danach erstellt eine Jury eine Vorauswahlliste der Städte, die für eine endgültige Bewerbung infrage kommen. Innerhalb eines Jahres kann noch ergänzt und gefeilt werden. Vier Jahre vor dem Kulturhauptstadtjahr entscheidet die Jury, welche Stadt zur Wahl steht.

Die Initiative, eine Stadt ins Rampenlicht zu stellen, bringt viele Vorteile wie Aufmerksamkeit, Anerkennung und nicht zuletzt Investitionen. Und sie weckt das Interesse der Bürger an ihrer Stadt und deren Kultur. Auch der Tourismus bekommt neuen Aufwind. Die sich für den Titel bewerbende Stadt erlebt quasi ein Facelifting. Längst geplante Stadterneuerungspläne werden in die Tat umgesetzt, sogar in den vernachlässigten Vierteln rührt sich neues Leben. Wichtig ist auch die Finanzierung, sie muss sorgsam abgewogen werden, um trotz EU-Gelder das Stadtsäckel nicht überzustrapazieren. Und natürlich gibt es auch immer Gegenstimmen zur Kulturhauptstadt.

Aber die lange Liste der bisherigen Kulturhauptstädte kann sich sehen lassen. Wer zum Beispiel im Kulturhauptstadtjahr in Cork, Santiago de Compostela oder in Reykjavik war, wer die Metropol-Region Essen und das ungarische Pécs besucht hat oder Marseille und das slowakische Kosice, erinnert sich gerne an das Top-Kulturangebot mit vielen pfiffigen Ideen, an witzige Projekte, Installationen und Programme, die Stadt, Land und Leute einfallsreich präsentierten. Die meisten Städte profitieren bis heute vom Aufwind, den ihnen das Kulturhauptstadtjahr brachte.

Planungsworkshop zur Kulturhauptstadtbewerbung Dresden 2025
mit der Kulturbürgermeisterin Annekatrin Klepsch (3.v.rechts). Foto: Klaus Gigga

Kein Wunder, dass die EU-Länder gerne ihre Städte ins Rennen schicken. In sechs Jahren kann Deutschland wieder Bewerbungen für eine Kulturhauptstadt abgeben. Schon heute bereiten sich die Städte für diese Bewerbung vor. Sachsen-Anhalt hat Magdeburg mit dem Schwerpunkt Kultur ausgewählt. Chemnitz in Sachsen will unter anderem die Tradition der Textilindustrie aufleben lassen. Hannover macht sich für ein „Stadtentwicklungsprogramm mit kulturellen Vorzeichen“ stark. Hildesheim, schon Unesco-Welterbe, wirbt mit seiner Geschichte. Koblenz und Kassel haben, wie es heißt, aus finanziellen Gründen ihre Bewerbung zurückgezogen. Doch Dresden, der diesjährige VDRJ-Tagungsort, ist noch im Rennen.

Dresden und Nürnberg als Beispiel

Anhand von Nürnberg und Dresden soll gezeigt werden, wie die Vorbereitungsphase genutzt wird und wie unterschiedlich die Ideen und Schwerpunkte je nach Stadt ausfallen.

In der Spitalgasse 1 in der Nürnberger Altstadt plant seit Mai 2017 Prof. Hans-Joachim Wagner mit seinem sechsköpfigen Team. Es wird am Bewerbungsbuch für die EU gearbeitet, Themengruppen werden konzipiert und die verschiedenen, kulturellen und sozialen Koordinaten abgestimmt. Der Musikwissenschaftler und Kunsthistoriker Wagner, unter anderem tätig als Kurator, Referent an der Oper Koblenz und im Management der Kunststiftung NRW in Düsseldorf, ist, wie Nürnbergs Oberbürgermeister Ulrich Maly erfreut feststellte „bestens vernetzt“. Bis September 2019 müsse das Bewerbungsbuch (Bid Book) fertig sein, sagt Wagner: „Gefällt es der Jury, haben wir noch ein Jahr, Verbesserungen vorzunehmen und Details zu ändern.“

Worauf setzt Wagner? Nürnberg verfügt über ein großes kulturelles Erbe wie die Altstadt, die Kaiserburg, die städtischen Museen und das Staatstheater. Doch Wagner will die Probleme der Stadt nicht ausblenden. Nürnberg habe mit 45 Prozent einen hohen Migrationsanteil, gibt er zu bedenken und bedauert: „In den 1970iger Jahren gab es für Alt und Jung, alle Nationalitäten und soziale Schichten, die sogenannten Kulturläden. Heute sind sie geschlossen.“ Der Manager will für alle Bevölkerungsschichten adäquate Möglichkeiten schaffen, Kinder, Jugendliche und Bürger aller Altersgruppen ansprechen und miteinander in Dialog bringen. „Von daher ist der partizipative Aspekt ganz wichtig.“

In einem Facebook-Account werden die Bürger gefragt: „Was wollt ihr?“ In einem „open call“ wird zum Beispiel abgestimmt, wie die Präsentation des bekannten Spielzeugmuseums zu einem Platz vor allem für Kinder werden kann. „Bei diesem hoch partizipativem Prozess muss ein Stimmungsbild geschaffen werden,“ sagt Wagner. Für ihn gehören die Identifikation der Bürger mit ihrer Stadt und das grüne Nürnberg ebenso dazu wie die nationalsozialistische Vergangenheit.

Nürnberg beim Dürerhaus; Foto: Eva Maria Mayring

Diese unterschiedlichen Aspekte sollen auf zeitgemäße Weise präsentiert und gelebt werden – auch im Umfeld. Zur sogenannten Europäischen Metropolregion gesellen sich neben Nürnberg auch Sonnenberg, Hof, Ansbach, Kitzingen und Coburg. Auch hier will Wagner mittels einer App virtuelle Räume erschließen.

Drei Themen stellt der Leiter des Bewerbungsbüros in den Vordergrund: Stadtentwicklung, Arbeit, Spielen und das historische Erbe, und er ist überzeugt davon, dass Nürnberg gute Chancen hat. „Ich mache diese Arbeit mit vollster Überzeugung und denke keine Sekunde ans Scheitern.“

Auch in Dresden ist der Prüfungskatalog mit den 60 Fragen für das Bewerbungsbuch in Arbeit. Stephan Hoffmann, Theaterpädagoge und Referent für kulturelle Bildung leitet mit vier Mitarbeitern das Bewerbungsbüro und nennt die wichtigsten Gründe für die Bewerbung Dresdens zur Kulturhauptstadt. Sie lägen im „Reichtum an Kunst und Kultur“, deren Potenziale man nutzen wolle, um eine „neue Stadtkultur für die Gegenwart und Zukunft zu entwickeln“.

Außerdem stehe Dresden als „Kristallisationspunkt für die Herausforderungen der Gegenwart wie die europäische Gesellschaft insgesamt“. Getragen wird
die Bewerbung von Oberbürgermeister Dirk Hilbert, dem Stadtrat und einem Kuratorium mit 30 Persönlichkeiten aus Kunst, Lehre, Forschung, Wissenschaft und Wirtschaft. Aber auch die Bevölkerung ist involviert.

Laut Hoffmann soll die Bewerbung „die lokale Identität und den Dialog in der Bürgerschaft stärken und Anlässe für Kultur für alle und von allen zu schaffen“. Hierbei werde auch das Umfeld Dresdens eine Rolle spielen – die Sächsische Schweiz, Meissen, Pirna, bis zur tschechischen Grenze.

Auf der Suche nach gemeinsamen Interessen standen ein „grünes Dresden“ und ein „öffentliches Dresden“ ganz vorne. Für Stephan Hoffmann die richtige Wahl. Denn seine bevorzugte Kulturhauptstadt sei Aarhus 2017 gewesen. „Die ganze Stadt war so erlebbar, ganz egal wo man sich befand.“ Aarhus ist eine Stadt mit einer blühenden Kulturszene, verfügt über weite Strände, grüne Oasen, moderne und historische Architektur und eine innovative Gastronomie. All das zusammen ergab einen facettenreichen, bunten Bilderbogen der das internationale Publikum anzog und begeisterte.

2019 stehen die bulgarische Stadt Plowdiw und Matera in Süditalien als Kulturhauptstädte fest. Seit 1985 erhielten dann mehr als 50 Städte diese Auszeichnung der EU.

Dies ist ein Artikel aus der aktuellen Ausgabe des Columbus-Magazins.

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