Dresden: Offene Arme gegen offenen Hass

Heidi Diehl

Als der Dresdner Kreuzchor, der in diesem Jahr seinen 800. Geburtstag feiert, am 21. Dezember 2015 zum Abschluss seines Adventskonzerts im Dresdner Dynamo Stadion die „Ode an die Freude“ anstimmte, setzten 15.000 Besucher mit ein und trugen ihren festen Willen, „eines Freundes Freund zu sein“, hinaus in die Nacht. Stimmgewaltig wollten sie damit unterstreichen, dass sie nicht bereit sind, ihre Stadt Pegida und Co. zu überlassen. Sie wollten ein Gegengewicht zu den Negativschlagzeilen setzen, die die Berichterstattung über Dresden seit Monaten dominieren. „Bad News“ mit vielerlei Auswirkungen, nicht zuletzt auf den Tourismus.

„Natürlich könnte man es schönreden und betonen, dass Dresden auch im Jahr 2015 seinen Platz unter den beliebtesten Tourismusmetropolen Deutschlands festigen konnte und zu den sieben übernachtungsstärksten deutschen Großstädten gehört“, sagte Karla Kallauch, Sprecherin der Dresdner Marketing GmbH gegenüber „nd“. Das stimmt zwar, ist jedoch nur die halbe Wahrheit. Denn Fakt ist auch, dass die Stadt bei deutschen Gästen einen Rückgang von 4,2 und bei Übernachtungen von 5,1 % hinnehmen musste. „Pegida hat unserem Image geschadet.“ Für Kallauch ist die Zurückhaltung der Touristen irgendwo nachvollziehbar, dennoch meint sie: „Gerade jetzt sollte man nach Dresden fahren und so zum Ausdruck bringen, dass man sich von Pegida und deren Mitläufern nicht kleinkriegen lässt. Weder in Dresden noch irgendwo anders in Sachsen.“

Jetzt erst recht!

Genau nach diesem Motto „Jetzt erst recht“ positionierte sich in diesem Jahr das Land Sachsen auf der Internationalen Tourismusbörse (ITB), die vor einer Woche in Berlin zu Ende gegangen ist. Es warb nicht nur für seine Natur-, Kunst- und Kultur- schätze, sondern zeigte auch mit Auftritten von Vertretern aus Politik und Wirtschaft Flagge.

„Ja, wir haben ein Problem, und das kann und sollte man nicht verschweigen“, sagte Wirtschaftsminister Martin Dulig (SPD) bei seinem Besuch auf der Messe, auf der sich 30 sächsische Aussteller präsentierten. Für die landesweit rund 200 000 im Tourismus Beschäftigten sei Gastfreundschaft das Selbstverständlichste der Welt, ohne dies gebe es keinen Tourismus. Mit 7,4 Milliarden Euro Umsatz im Jahr gehöre die Tourismusbranche zu den wichtigsten Wirtschaftszweigen des Landes, das wer- de man sich nicht von ein paar Ewig- gestrigen kaputtmachen lassen, betonte der Minister. Selbstbewusst werde man sich im In- und Ausland präsentieren, sagte er. Das unterstütze das Wirtschaftsministerium auch finanziell, indem es für das Tourismusmarketing im kommenden Doppelhaushalt jährlich 9,35 Millionen Euro, fast eine Million Euro mehr pro Jahr als bisher, eingestellt hat.

Rückläufige Übernachtungen

Dass die Übernachtungszahlen 2015 in Dresden erstmals seit sechs Jahren zurückgingen, ist zu einem erheblichen Teil sicher auf den Imageverlust der Stadt durch Pegida zurückzuführen. Doch damit allein könne man den Rückgang nicht erklären, ist Karla Kallauch überzeugt. Die am 1. Juli 2015 eingeführte Beherbergungssteuer für Touristen in Höhe von rund sieben Prozent des Übernachtungspreises trage auch mit dazu bei, dass Besucher wegblieben. Das bestätigt Janine Freisberg, Marketingdirektorin im Hotel „Holiday Inn Dresden – Am Zwinger“. Dennoch leide das Hotel mehr unter den fremdenfeindlichen Aktionen vor ihrer Haustür. „Wir haben 2015 vor allem Tagungsgäste verloren und bekommen insbesondere dienstags nach den Pegida-Demos verstärkt Stornierungen, vor allem von deutschen Gästen. Im vergangenen Jahr haben wir sogar schon Sicherheitspersonal zum Schutz der Gäste eingestellt. Viele bleiben montagabends im Hotel, so dass wir inzwischen häufiger an diesen Tagen spezielle Angebote wie Küchenpartys oder Kochkurse anbieten“, sagt sie.

Die Dresden Marketing GmbH hat im vergangenen Jahr eine Markenanalyse in Auftrag gegeben, um unter anderem herauszufinden, wie sich die Berichterstattung der Medien über Pegida und andere fremdenfeindliche Aktionen auf den Besucherzustrom auswirkt. „Negative Wirkung auf den Dresden-Tourismus hatte der Imageverlust unserer Stadt aufgrund der fremdenfeindlichen Parolen bei den Pegida-Demonstrationen vor allem im Inland“ sagte Bettina Bunge, Geschäftsführerin der Dresden Marketing GmbH im Ergebnis der Studie. „Viele haben sich bewusst gegen einen Dresden-Besuch entschieden und ihre Privat- oder Geschäftsreise abgesagt.“ Bei ausländischen Besuchern zeigt sich indes ein anderes Bild: Je weiter die Entfernung von Sachsen, desto weniger spielt Pegida eine Rolle, weil das in den Medien keine oder nur eine untergeordnete Rolle spiele. So legten die Übernachtungszahlen von Gästen aus den USA um 9,4 Prozent zu (absolut 85 923), bei Spaniern konnte sogar ein Plus von 88,7 Prozent verzeichnet werden (45 205), und aus China kamen 43,4 Prozent (44 295) mehr Gäste als noch 2014.

Keine Sippenhaft

„Wir werden uns wegen einiger unverbesserlicher Pegida-Demonstranten nicht als ganzes Land in Sippenhaft nehmen lassen“, so Bettina Bunge. „Wichtig ist uns Glaubwürdigkeit, Authentizität und natürlich die Offenheit, auch aktuelle Probleme nicht zu verschweigen. Gleichermaßen gefragt sind die Dresdner Bürgerinnen und Bürger, die weltoffene, internationale Seite ihrer Stadt zu präsentieren und vorzuleben. Unsere aktuelle Tourismuskampagne ›Dresden. Gemeinsam feiern‹ zeigt, dass nur mit den Bürgern und Gästen gemeinsam unsere schöne geschichtsträchtige Stadt für Menschen aus aller Welt at- traktiv sein wird.“

Auf vielfältige Art zeigen die Einwohner der Stadt, dass Dresden nicht Pegida ist. Die Mehrzahl der Dresdner bietet offene Arme gegen offenen Fremdenhass. Im Privaten wie in der Öffentlichkeit. Das wollen sie beispielhaft auch am 3. Oktober beweisen, wenn in Dresden die zentrale Fei- er zum Tag der Deutschen Einheit unter dem Motto »Brücken bauen« statt- findet. Denn: »Nicht zuletzt liegt es an jedem Einzelnen, welches Bild wir aus Sachsen in die Welt senden – und ob es uns zukünftig wieder gelingt, mit einem Bild zu werben, das neugierig macht und Interesse an unserem Land weckt«, wie Wirtschaftsminister Martin Dulig bei seinem Besuch auf der ITB sagte.

Wir veröffentlichen diesen Artikel mit freundlicher Genehmigung der Zeitung „Neues Deutschland“ in leicht gekürzter Form.

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