Virtuelle, schöne, Neue Welt

Jürgen Drensek

Ich muss zugeben, am Anfang war ich ziemlich skeptisch, als ich von Virtual Reality las und ihrem Potential, im Tourismus eine Art Killer-App zu werden. Für mich klang das nach einer Synthese aus Zirkus-Attraktion und Hollywood für Arme. Diese klobigen Brillen von Oculus Rift und Co, die man sich aufsetzen muss, um sich irgendwelche 360-Grad-Panoramen anzuschauen in einer Bildauflösung, die allenfalls an VHS erinnert – wer will das schon, außer, um einen Marketing-Gag zu landen? So war mein Vorurteil. Nette Spielerei, damit Marken, wie zum Beispiel Thomas Cook ihr verstaubtes Neckermann-Image abstreifen und cool wirken im Vertrieb.

Mittlerweile habe ich mich etwas hineingekniet ins Thema und muss sagen, die Skepsis war voreilig. Mittlerweile weiss ich auch, dass 360 Grad Bilder nur eine billige Einstiegsdroge sind für Virtual Reality. So ein Appetithäppchen, noch preisgünstig zu produzieren, für den ersten Wow! Effekt. Richtige VR bekommt man heute nur unter Laborbedingungen präsentiert, wie zum Beispiel in der Berliner Zentrale von Exozet. Da ist dann nichts mehr mit nur um sich selbst drehen und ein Foto anschauen, da ist man mittendrin in der schönen neuen Welt. Man geht durch einen Raum und interagiert. Man spürt Wind und Wärme, man riecht die Wiese, hört die Vögel und wird irgendwann auch mit einem anderen virtuellen Wesen sprechen, das vielleicht real tausende Kilometer entfernt ist, aber in der abgeschirmten Brillenwirklichkeit einem gegenübersteht auf Armlänge.

Natürlich ist das noch Science Fiction. Aber nicht in dem Sinne, dass wir uns hier abstrakt über die Verwirklichung von Spielfilmen austauschen, wie Matrix oder das berühmte Holodeck auf Star Treck. Es ist aktuell nur deshalb noch Zukunftsmusik, weil die nötige Rechenleistung der Computer und Grafikkarten eine großflächige Verbreitung noch nicht so erschwinglich macht.

Abseits der Gaming-Industrie, die schon begierig die fantastischsten Szenarien entwirft, in der sich User in speziell vorbereiteten Spielkabinen mit Brille auf der Nase und Joystick in der Hand in fremde, abenteuerliche und meist auch gruselige Welten beamen – die im Moment des Spielens realer wirken, als die Wirklichkeit – ist natürlich auch die Reise-Branche dankbares Experimentierfeld. Wir gehören ja ebenfalls im weiteren Sinne zum Entertainment Komplex.

In Stufe Eins werden wir in den kommenden Monaten einen wahren Boom erleben. Bei den 360 Grad Bildern. Die sind mittlerweile sogar selbst herzustellen mit einer kostenlosen Google-App für das Smartphone. Und die selbst zusammen zu bastelnde Brille aus Karton liefert Google über Amazon für etwa 10 Euro. Smartphone einklemmen, App laden, und glauben Sie mir, es gibt niemanden – trotz der archaischen Präsentation, die an die Kinder-3D-Plastik-Guck-Teile aus dem Souvenierramsch der 60er Jahre erinnert – der nicht nach wenigen Sekunden begeistert mit Ahs und Ohs auf dem Büro-Drehstuhl rotiert.

Stufe Zwei werden dann die 360 Grad Filme werden. Da müssen die Produzenten zwar zur Zeit noch viel Geld in die Hand nehmen, aber die Ergebnisse sind jetzt schon mit iPhone und Co leicht genießbar. Geben Sie bei iTunes einfach mal VR in die Suchmaske ein, und Sie werden sich wundern, wie viele Apps es schon gibt. Von wunderschönen Arte Filmproduktionen in der Arktis, bis hin zu traumhaften Helikopter-Flügen über spektakuläre Landschaften und meditativen Momenten auf Bergwiesen.

Und dann sind Sie garantiert angefixt für Stufe Drei, den Aufenthalt in einer komplett digital produzierten Scheinwelt, wo Sie  in High Definition durch den leeren Louvre laufen mit ihrem persönlichen Guide an Ihrer Seite, oder neben dem Extremkletterer den Mount Everest erklimmen, Schritt für Schritt, bis zum grandiosen Sonnenaufgang.

Klar zischeln jetzt die Kulturkritiker. Und klar könnte man jetzt ganze Abhandlungen schreiben über das Erlebnis in der Wirklichkeit, das sich nie kopieren lässt. Aber können Sie sich heute noch ein Leben ohne Smartphone vorstellen? Mal gerade vor acht Jahren hat Apple es in seiner heutigen Genialität erfunden. Wenn eine Technik reif ist, dann wird sie kommen, wie eine Sintflut. Und die Reiseindustrie täte gut daran, nicht wieder, wie das so ihre Art ist, paralysiert und reaktiv immer nur auf Entwicklungen zu reagieren, sondern die Chancen am Anfang zu erkennen. Angesichts des digitalen Neandertal-Daseins, in dem die Branche sich aber nach wie vor eingerichtet hat, bleibt das wahrscheinlich nur ein frommer Wunsch.

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