Urlaub machen bei Rassisten?

Jürgen Drensek
Jürgen Drensek

Es ist in dieser Woche in Touristiker-Kreisen viel diskutiert worden über eine neue Unwägbarkeit, die die Tourismus-Planung nachhaltig beeinflussen könnte. Nicht nur wie bisher die Terrorgefahr oder Unglücke werden Reiseströme neu lenken – immer mehr werden es auch die politischen Verhältnisse vor Ort sein. Der Reisende fängt vielleicht an, darüber nachzudenken, ob ihm auch das gesellschaftliche Umfeld behagt, wo sein Urlaubsdomizil angesiedelt ist.

Die Wahl in Mecklenburg Vorpommern mit dem erschreckend starken Abschneiden der rechtsradikalen AFD vor allem im Osten des Landes – und da vor allem auf der Ferieninsel Usedom – war der Katalysator. Klar, aus dem Bauch heraus möchte man ein schnelles Urteil fällen. Nein! zum Urlaub in einer Region, in der fast die Hälfte der Wähler Nazis sind, oder Rassisten, oder zumindest unterbelichtete Schwachköpfe, die für Verantwortung in der Demokratie zu blöd sind. Schublade zu. Es gibt schließlich noch andere schöne Gegenden in Deutschland.

Selbst schuld, wenn das Wahlvieh es übersieht, dass seine einzige Überlebenschance im Fremdenverkehr steckt. Ich nutze jetzt bewusst das antiquierte Wort. 18.000 Übernachtungen je 1000 Einwohner. Die Region hatte bisher die mit Abstand höchste Tourismus-Intensität bundesweit. 5,1 Milliarden Euro beträgt der Bruttoumsatz der Tourismus-Wirtschaft in Mecklenburg Vorpommern. Das sind 10 Prozent am Primäreinkommen in diesem strukturschwachen Bundesland. Und wichtiger: 173.000 Menschen leben vom Tourismus; davon, dass Fremde in ihre Heimat kommen. Auf Usedom sind es 85 Prozent der Einwohner. Und wenige hundert Kriegsflüchtlinge dort in östlichen Ecke Deutschlands reichten aus, dass die völkischen Parolen der rechten Hetzer zu so einer geistigen Besoffenheit am Wahltag führten.

Was wird das für Auswirkungen haben? Wird der Goldene Herbst schon zum Desaster für die Küste, bevor der Winter eine kleine Ruhepause für das Tourismus-Marketing bereithält? Wird das kommende Jahr ein Minusgeschäft? Ähnlich wie in Dresden, wo die braunen Montagshorden und die Nazi-Brandstifter in den eh verlorenen Dörfern eine unappetitliche Gefühlslage bei aufrechten Demokraten verursacht haben, die mittlerweile zur Reisezurückhaltung führt? Trotz des guten Jobs der Marketing-Fachleute der wunderbaren Stadt, wenn man Dresden auf seine Hardware reduziert.

So, wie Politiker die gesellschaftliche Katastrophe klein schwadronieren mit dem pomadigen Anbiedern an die angeblich besorgten Bürger, die man ernst nehmen müsse, so pfeifen auch die Touristiker, um keine Angst zu bekommen im dunklen Wald. Der Urlauber wird sich angeblich nicht beeinflussen lassen von solchen politischen Blähungen. Egal ob es die Ausbreitung eines menschenverachtenden Denkens in Deutschland und um Deutschland herum ist, die despotische, die Grundrechte und die Freiheit bedrohende Amokfahrt der frömmelnden AKP in der Türkei, oder die schon viel weiter fortgeschrittenen quasi Diktaturen in islamischen Ferienregionen am Ufer des Mittelmeers – solange der Urlauber es vor Ort ausblenden kann, und er persönlich nicht betroffen ist, wird er nach der ersten Schrecksekunde sich weiter in die Parallelwelt der Ferienmacher flüchten. So die zynische Hoffnung der Branche.

Als Beleg wird gerne darauf hingewiesen, dass ausgerechnet der Iran gerade boomt. Ein Land das vor kurzer Zeit noch zur Achse des Bösen zählte und nun wirklich auch aktuell keine Demokratie ist mit nur rudimentären Freiheitsrechten, wie wir sie als selbstverständlich erachten. Mehr noch: je exotischer das Ziel, desto weniger würden die Touristen sich interessieren für die politischen Lebensumstände derjenigen, die nicht nach zwei Wochen das Land einfach verlasen können wieder. Wissen sie, dass ausgerechnet auf den Malediven weltweit die meisten Menschen in Gefängnissen weggesperrt sind, auf die Einwohnerzahl bezogen? Zehnmal mehr, als in Deutschland? Nein! Interessiert es die Urlauber in ihrem Overwater-Bungalow? Nein!

Das Schlimme ist: Wahrscheinlich werden die Zyniker recht behalten. Beeinflussend für die Auswahl des Ferienziels sind nur egoistische Gründe. Wenn Rundum-Versorgung gewährleistet ist, das Sicherheitsempfinden nicht spektakulär gestört wird und Drangsalierung nur die Einheimischen betrifft, wird gerne die Realität ausgeblendet im Tourismus. Und im fast schon Bös-Deutsch der Funktionäre auf feierlichen Tagungen gibt es sogar die Absolution solchen Verhaltens durch die gewagte These, dass Reisen grundsätzlich ja völkerverständigend den Bereisten nützen würde. Wie beruhigend, dass es im Fremdenverkehr offensichtlich Fremde Erster und Zweiter und Holzklasse gibt. Also mit reinem Gewissen auf zu den Rassisten im eigenen Land und anderswo. Wir tun schließlich was Gutes…

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