Up, up and away – zum Tod von Gunther Träger

Gunther Träger
Gunther Träger

Und dann bist Du losgeflogen, Gunther. Über das Wasser, das sich nicht einmal gekräuselt hat bei Deinem Start. Über die Baumwipfel, die nicht einmal dazu genickt haben. In das Universum, dessen selbst kleinster Teil nichts davon bemerkt hat. Keiner hat es bemerkt, wie auch. Keiner hat gehört, wie der Propeller Kraft aufnahm, Schub und Drängen.

Und dann bist Du einfach losgeflogen.

In den Samtmantel Deiner Nacht. Flankiert vom Reigen Deiner Lichter, allesamt Sterne, schnurgerade und konzentriert als Deine Runway Center Line Lights. Den linken Stick nach hinten ziehen, manuell starten in den Nachthimmel. Ein großer Reisender hat abgehoben für seinen Nachtflug.

Antoine de Saint-Exupéry: “ Es gibt keine Lösungen im Leben. Es gibt Kräfte in Bewegung: die muss man schaffen; die Lösungen folgen nach.“

Es war die Passion Deines Lebens – das Fliegen. Und es war mehr als Starten und Landen. Deine Fotos aus der Himmelsperspektive sind die wortlosen Eintragungen in Dein Logbuch. Aber sie sind nur Annäherungen an die Wahrheit Deiner Erlebnisse, Deines Glückes. Selten war das bei einem Menschen so klar zu erkennen wie bei Dir.

Antoine de Saint-Exupéry: „Der Mensch wird nur der Welt gewahr, die er schon in sich trägt. Es braucht eine gewisse Spannweite, um dem Erhabenen die Stirn zu bieten und seine Botschaft zu empfangen.“

Ich saß einmal neben Dir da oben. Es war laut im engen Cockpit, unter uns breitete Andalusien seinen grünen Teppich aus, in den die weißen Dörfer eingenäht schienen. Du schriest mir etwas zu, aber der Kopfhörer gab nur Wortfetzen an mich weiter. Doch ich sah Dein Gesicht: so sieht pures Glück aus.

Nein, Du warst kein Glücksritter. Du hattest das Glück auch nicht gepachtet. Im Gegenteil: Es hatte Dich eine Zeit lang ausgesucht und Du hast dieses Geschenk genossen, solange es ging.

Antoine de Saint-Exupéry: „Das, worauf es im Leben am meisten ankommt, können wir nicht vorausberechnen. Die schönste Freude erlebt man immer da, wo man sie am wenigsten erwartet hat.“

Reisen war auch so eine Freude. Vier Jahrzehnte waren wir immer wieder einmal gemeinsam zu Besuch in dieser bunten – mitunter auch etwas verlodderten, jedoch niemals würdelosen – Welt. Auch dabei durfte ich mit Dir erkennen, wie schön es ist, das Andere zu finden, den anderen Zugang, den anderen Handschlag, die andere Helligkeit unter immer demselben Himmel. Für Dich hat es nie Eingeborene gegeben sondern stets Einheimische. Wir waren immer Gäste in der anderen, ihrer Welt.

Antoine de Saint-Exupéry: „Man kann die Welt nur nach dem verstehen, was man erlebt.“

Du hast mir Deinen Weg gezeigt, ohne ihn als den richtigen, einzigen darzustellen. Eckdaten wie hingeschüttelt: ZDF-Redakteur, PR-Berater von Helmut Kohl, als er noch Ministerpräsident in Rheinland-Pfalz war, Gründer und Chef der ihrer Zeit erfolgreichsten PR-Agentur C&C in Frankfurt. Pressesprecher von Neckermann und Reisen, Aldiana, Wyndham und Steigenberger Hotels, Werber für die DZT, die Dominikanische Republik, Zypern, dessen Honorar-Generalkonsul in Frankfurt er war, wie auch Mitglied des Consularischen Corps.

Und vor allem: unser aller guter Freund. Unser Reisegefährte. Unser fröhlicher, liebenswerter Kollege. Der mit dem breiten Lachen. So breit, dass die Ohrläppchen Besuch bekamen.

Aber er hatte auch, was vielen fehlt, seine Fluchtzone. Das Fliegen: er war einer der vier beliebtesten und am meisten gefragten Fluglehrer im Auftrag des Luftfahrtbundesamtes. Hier konnte er den schwerer werdenden Boden verlassen und abheben. Up, up and away. Seine Kreise ziehen am Himmel. Großes und Kleines besser unterscheiden lernen. Auch für ihn Wichtiges und Wahres, Nichtiges und Falsches. Es war sein Logenplatz da oben.

Aber der Himmel ist nicht immer himmlisch und will nicht immer warten. Beim Betanken rutschte er auf einer nassen Tragfläche aus und brach sich die Schulter. Es drohte, sagte man, dauerhaftes Flugverbot.

Antoine de Saint-Exupéry: „Denn nichts ist wahrer oder weniger wahr. Sondern nur mehr oder weniger wirksam… Es kommt darauf an, dass du auf etwas zugehst, nicht dass du ankommst; denn man kommt nirgendwo an; außer im Tode.“

Und jetzt ist er geflogen. Ganz alleine. Der Himmel ist weit und schön und blau. Ist er auch leer? Gunther ist zu seinem Aufklärungsflug gestartet. Wenn keine Wolken sind, sendet er seine Nachrichten als weiße, watteweiße Zeichen, die sich kreuzen.

Ach, nur lesen müsste man sie können!

Uwe Krist

3 Kommentare

  1. Ein guter Freund ist gegangen. Uwe Christ hat ihn würdig begleitet. Respekt. Danke Uwe.

    und: Machet jut, Gunther. Wir sehen uns.

    Sylvio Verfürth

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