Trump schadet Deutschland-Tourismus

Die gute Nachricht zuerst: Das weltweite Tourismusgeschäft wird im laufenden Jahr nach Einschätzung des World Travel and Tourism Council (WTTC) schneller wachsen als prognostiziert. Den Chinesen und Indern sei Dank. Die schlechte Nachricht: Der Boom geht in diesem Jahr ganz offensichtlich an Europa vorbei. Der Deutschland-Tourismus leidet.
Der bislang als „sicher“ betrachtete Kontinent hat in der Wahrnehmung von Asiaten, aber auch bei Reisenden aus Nordamerika ganz offensichtlich seine Unschuld verloren. Und die aktuellen Zahlen lassen keinen Zweifel aufkommen, wie die negative Entwicklung ihren Lauf genommen hat: Paris – für Asiaten und Amerikaner Inbegriff der europäischen Sehnsuchtsmetropole und Start beziehungsweise Ende von „Europa in einer Woche“ – ist durch die Terroranschläge der vergangenen Monate wahrlich „entzaubert“ worden. Die Anschläge von Brüssel und Nizza haben das Reiseziel Europa ins Mark getroffen.

Deutschland-Tourismus leidet

Und auch der Deutschland-Tourismus hat zu spüren bekommen, in welcher Dimension und mit welcher Härte sich Terror und die weltweite Berichterstattung auf die Attraktivität unseres Landes unmittelbar auswirken können. Der Anschlag in der Regionalbahn bei Würzburg, bei dem Reisende aus China zum Teil schwer verletzt wurden, und der Amoklauf von München haben in Hongkong umgehend zu einer Reisewarnung für Deutschland geführt. Einzeltäter hin – komplett andere Umstände her: Über Nacht – so scheint es – ist Sicherheit ein Thema bei Menschen geworden, die durch unser Land touren möchten. Auch wenn die meisten Deutschen die Angst vor Terror bereits wieder verdrängt haben und die Furcht vor Reisen auf den europäischen Kontinent nicht nachvollziehen können, wenn die Zahl der Übernachtungen von internationalen Reisenden für das erste Halbjahr weiter positiv sind und die Terroranschläge von Würzburg und Ansbach in der Wahrnehmung der Bürger im eigenen Land sehr differenziert betrachtet werden: Der Terror ist definitiv real und wir wissen jetzt mehr denn je: Sicherheit lässt sich auch in der Provinz nicht garantieren.

Gutes Timing sieht anders aus

Der „Spiegel“ schreibt: „Neues Zivilschutzkonzept, Gesichtserkennung, Rucksack- und Burkaverbot: Die deutsche Politik überschlägt sich mit Ideen gegen Terrorgefahr und Islamismus. Die Menschen werden so erst recht verunsichert.“ Dazu tragen übrigens nicht zuletzt auch die jüngsten medienwirksamen Absagen von sogenannten „Promi-Events“ für das Oktoberfest bei, die sich in Windeseile in den Sozialen Netzen in aller Welt verbreiten. Denn es sind eben nicht nur die Deutschen, die sich gerade „Angst machen“. In einer global-vernetzten Medienwelt findet die im eigenen Land geführte Diskussion um die Sicherheit, mit Sicherheit im letzten Winkel des Globus Beachtung. Das mag den einen beruhigen. Doch so mancher potentielle Deutschland-Tourist wird sich fragen, warum die Bundesbürger gerade jetzt aufgefordert sind, Lebensmittelvorräte anzulegen. Gutes Timing geht anders. Und man fragt sich zurecht, warum die Politik gerade jetzt mit der Überarbeitung eines Papiers um die Ecke kommt, das vor ein paar Jahren in Auftrag gegeben worden war. In Deutschland ist der Sachverhalt schnell und für (fast) jedermann nachvollziehbar erklärt, im Ausland dürfte die Kommunikation zur – sicherlich längst überfälligen – Aktualisierung des Zivilschutzkonzeptes allerdings erklärungsbedürftig sein. Wer hat hier die Federführung gehabt? Alles eine Frage einer durchdachten und sensiblen Kommunikation – ohne das übliche politisches Gerangel im Sommerloch: Wie sage ich es „meinen“ Leuten? Und vor allem: Wie vermeide ich Verunsicherung und Spekulationen – auch bei den Menschen nebenan, die mich eigentlich besuchen wollen, ohne mich beim „hamstern“ zu beobachten.

Fakten sind Nebensache!

Wie sich Ängste schüren, Vorurteile sukzessive aufbauen und ganze Länder über Kommunikation mit falschen Behauptungen diskreditiert lassen, ist aktuell eindrucksvoll in den USA zu beobachten. Auch wenn er sich dessen wohlmöglich nicht bewusst ist – mit Donald Trump bewirbt sich ein wahrer Agitator um die US-Präsidentschaft, der sich nicht nur auf Deutschland und Bundeskanzlerin Angela Merkel eingeschossen hat. Was Berichte über Terror auf dem europäischen Kontinent nicht schaffen – mit seinen bewussten Falschaussagen und Verdrehung von Fakten sorgt er bei einer nicht unerheblichen Zahl von Nordamerikanern für erhebliche Verunsicherung im Hinblick auf Auslandsreisen. Auch wenn ihn die Wähler im November nach dem Stand der Dinge nicht ins „Weiße Haus“ schicken werden – seine Halbwahrheiten erreichen in diesen Tagen und Wochen beinahe jeden amerikanischen Haushalt. Und richten Schäden an, die auch über schwere Marketingmaßnahmen nur schwerlich zu reparieren sind. Denn bekanntlich outen sich derzeit fast die Hälfte aller Wahlberechtigter in den USA als „Trump-Fans“. Aussagen des Kandidaten, wonach die Kriminalitätsrate in Deutschland „durch die Decke“ geht oder er – in Anspielung auf die Silvesternacht von Köln – die Situation der Frauen in Deutschland anprangert und in dem Satz zusammenfasst „Alles besser als das, was in Deutschland passiert“, sind zweifellos die Anti-Werbung schlechthin für Reisen nach Deutschland und Europa.

Merke: Selbst ohne politisches Mandat lässt sich Gehör finden, lassen sich Vorurteile aufbauen. Fakten sind Nebensache – nur laut genug muss man sein!

Der Artikel ist zuerst beim „Verband Internet Reisevertrieb“ (VIR) erschienen. 

Thomas Wilde ist Geschäftsführer von Wilde & Partner und VIR-Beirat für PR.

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