Ein literarischer Sommergruß: Ferragosto – die Augustferien der Italiener

"Wenn bei Capri die Sonne im Meer versinkt...." - Sehnsuchtsziel mit Hindernissen (Foto: Uwe Krist)

Den Italienern gleich begeht unser Mitglied Uwe Krist gerade Ferragosto, die Augustferien. Und wie zuletzt die meisten Sommer ebendort. In Italien. Genauer gesagt im sonnigen Sorrent. Jener Region, die ihm schon seit den 1960er Jahren ans Herz gewachsen ist, als er damals in Neapel Archäologie und Kunstgeschichte studierte.

Im 8. Kapitel seines Buchs „Margherita und die Liebe zum Damenbart. Sorrentiner Sommerspitzen mit Fußnoten“ spürt der dem Phänomen Ferragosto nach. Nomen est omen: Das Buchkonzept basiert auf dem Zusammenspiel von in sich abgeschlossenen Kapiteln mit Kurzgeschichten-Charakter und korrespondierenden Fußnoten.

Aus dem Vorwort

Autor Uwe Krist auf seinem Sommerbalkon in Sorrent (Foto: privat)

Es ist jedes Mal wieder, als tritt man durch eine Matrix in dieses Land nicht nur der Zitronen.

Ich beziehe wie immer Quartier oberhalb der auch von Caruso besungenen Stadt Sorrent, auf halber Höhe der Westflanke der sorrentinischen Halbinsel mit einem einmaligen, phantastischem Panaroma – man verzeihe mir diese abgenutzte und dadurch fade Wortwahl, die hier aber absolut stimmig hinpasst; das inflationäre „atemberaubend“ klingt auf Italienisch als „mozzafiato“ gewiss etwas besser.

Rechts, also nach Osten, liegt malerisch – und gottlob still! – der Vesuv im trügerischen Wachkoma, unmittelbar unter meiner Terrasse duftet ein Zitronenhain. Davor, etwas abwärts im Blick, wellt sich der Golf von Neapel und am Horizont etwas links ankern die Inseln Ischia und Procida, die im rotglühenden Sonnenuntergang wie auf der Glut treibende schwarze Wolken aussehen.

Hier offenbart sich der genius loci, der ewige Geist der Region, besonders augenfällig und es ist, als kichere diese schlangengestaltige Figur mitunter ganz ungöttlich ein wenig in sich hinein.

Aber sie hilft uns stets auch, die Augen offen zu halten und uns das zu zeigen, was sie wohl mit dem wahren Kern der – ihrer – Dinge meint. Oder wie es, deutlich gescheiter, der späte Marcuse an der Kunst festmachte, die “das Glücklose des Bestehenden kompensiert“.

Natürlich sammele auch ich hier Klischees wie andere Nippes auf dem Flohmarkt. Aber sind – im Gegensatz zum Nippes – Klischees nicht auch eine Art verdichteter Wirklichkeiten, so eine Art Instant-Coffee-Realität, von der es – bis auf das Unmögliche – mehr als nur eine geben soll?

Und nichts gegen Nippes: hat der nicht auch oft genug seinen Wert im Verborgenen, geschützt vor jedwelcher Nachrede, im wirklich sehr Privaten außerhalb der üblichen Maßstäbe, in der Sehnsucht nach anderen Tagen, Menschen, Lieben und als Heilmittel für so manches Zerbrochene?

In Vielem fühlte und fühle ich mich jedes Mal nach dem Durchdringen dieser italienischen Matrix nicht als Akteur, sondern allenfalls als teilhabender Beobachter. Ich registriere und bewerte zwar normalerweise sonst nichts, bevor ich es nicht wirklich gesehen und wenigstens versuchsweise mir erklärt habe.

Aber dennoch bleibe ich hier immer wieder perplex und ohne jeden Versuch der Erklärung, dafür aber dankbar und demütig bei so viel Schönheit und überraschender Andersartigkeit vor dem bloßen Antlitz der Dinge stehen.

Bei aller Begeisterung für Italien, für dessen Kultur mitsamt dem Essen, der Musik, Kunst und landschaftlicher Ästhetik (neben dem großen Dreck in vielen Städten und an noch mehr Wegesrändern, dem Tod und Zerfall der Gegenwart), bei aller teutonischen Seelenhingabe an die große und selbst kleine bis kleinliche und ruinöse Geschichte oder das alltäglich Theatralische und Theatragische – nie sehen wir Reingucker so richtig hinter die Stirn.

Und wie es so ist im großen und kleinen Welttheater: immer wieder wechseln die Darsteller, manche kehren nie wieder, bleiben aber in der Erinnerung als Statuen unseres Stromerns mit dem Strom, als typische Figuren Sorrents und – vielleicht – auch ein wenig Italiens.

Auch wir beschreiben letztlich nur Vordergründiges, reduzieren Menschliches auf Mutmaßliches, Anscheinendes auf Scheinbares. Es sind so flüchtige Aussagen wie es flüchtige Begegnungen sind. Und, ja, auch ich produziere, wenn es gut geht, Klischees. Aber nicht und nie ohne Liebe.

8. Ferragosto – verloren im Netz der Verkehrsspinne

Pepe ist klein, knapp 1.65 Meter, etwas kugelig, 47 Jahre alt. Schwarze Haare mit grauen Verfärbungen, buschige Brauen, dunkle Augen, die man aber nur sieht, wenn Pepe mal die Sonnenbrille abnimmt.

Das aber geschieht äußerst selten, vielleicht unter der Dusche oder im Bett. Aber etwa eine stockdunkle mond- und sternenlose Nacht oder nur ein später Abend im „Grillo“ mit Freunden sind keine Gründe für derlei Gesichts-Exhibitionismus.

Was ich über ihn weiß, stammt von Giuseppe, dem Besitzer des Tabakladens unten im Haus von Pepe und Vater von Davide, der Dozent, der zwar an der Hochschule „Federico II“ am Corso Umberto I. in Neapel arbeitet, aber immer noch, weil es billiger ist, daheim wohnt im Hotel Mama. Er fährt mit dem Zug, der „Circumvesuviana“, werktäglich je eine gute Stunde nach Neapel und einige wenige Busstationen zur Uni. Und alles wieder zurück (33).

Wir haben viel Wein zusammen getrunken. Und uns ausgetauscht.

Pepe sieht meist etwas streng aus, wie eine Respektsperson, die keinen Widerspruch duldet.

Und so etwas ist Pepe auch. Er ist Busfahrer in Sorrent. Das ist – bei der hohen Arbeitslosigkeit auch hier – eine sichere Stellung, mit Verantwortung, wechselndem, immer auch internationalem Publikum.

Doch leider auf stets derselben Route. Sie führt vom Bahnhof über den Tasso-Platz runter die schmale Serpentinenstraße durch das ehemalige Mühlental ans Wasser in den Fährhafen Marina Piccola. Dauer der Fahrt etwa 15 Minuten.

Fahrkartenpalette: bunte Verwirrung (Foto: Uwe Krist)

Nun ist es ja nicht so, dass es in Sorrent nur diese eine Buslinie gibt. Im Gegenteil: das Verkehrsangebot ist verwirrend groß. EAV, SITA, M, CSS, LC… Das erfährt der Gast, der sich gutgläubig ein Ticket (oder gleich ein ganzes Paket) kaufen will.

Die Busse haben natürlich ihre festen Routen und sind beschildert mit dem jeweiligen Abfahrtsdort und Ziel und dem zum dazu gehörenden Buchstaben: A (Massa Lubrense – Meta) bis E (Circolare Sorrento Stazione – Via degli Aranci/Hilton).

Und es stehen auf den Fahrplänen noch weitere Hinweise darüber wann sie, wenn sie, überhaupt fahren, zum Beispiel: von F (in den Ferien) über G (täglich), H (nur an Festtagen), S (zur Schulzeit) bis N (außerhalb der Schulzeit).

Diese Ausführlichkeit ist absolut nicht wichtig und nötig, weil alles anders kommen kann. Wenn überhaupt der richtige Bus kommt. Und vor allem: wann.

Zudem man noch weitere Vorermittlungen anstellen muss:

Wohin soll die Reise gehen?

„Ah, Nastro Verde, Richtung Priora? Dann die roten Tickets.“

Und wenn ich von da oben runter will in die Stadt – kann ich dann ein Ticket im Bus kaufen?“

„No!“. Das „Nein!“ klingt empört, wie die Parade auf eine heftige Zumutung. „Alle Tickets gibt es im Tabacchi, im Trafik oder im Zeitungsladen! Und entwerten musst Du sie im Bus!!“

Und diese Violetten?

„Die sind für den Bus nach Meta und Massa Lubrense. Aber nur innerhalb der Stadtgrenze.“

„Kann ich damit auch an den Hafen fahren?“ – „Nein, das macht die andere Linie, die mit den kleineren, roten Bussen, dafür sind die weißen Tickets. Aber nur für den roten Bus an die Marina Piccola, den großen Fährhafen. Die Weiß-Violetten sind für den weißen Bus an die Marina Grande, den kleinen Hafen.“

Was sollen denn dann diese grünen Fahrscheine?

„Auch für die Fahrt in den Hafen, aber mit wieder einer anderen Linie. Steht doch drauf!“

Auch im Bus entwerten?

„Nein, natürlich nicht, da ist überhaupt kein Apparat. Deshalb werden sie vom Fahrer zerrissen. Wenn der Lust hat. Die Weiß-Violetten werden im Bus entwertet – wenn man überhaupt an den Apparat ran kommt. Meist ist es zu voll. Dann ist es egal. Aber man kann sie auch im Bus kaufen.“

Ach, also doch!?

„Ja, aber nur bei den roten Hafenbussen.“

Und so einen kleinen Roten steuert seit Jahren Pepe.

Er schwingt sich mit der Eleganz der Titelfigur aus dem „Nussknacker“-Ballett im Teatro di San Carlo in Neapel (das aber im Sommer wegen mangelnder Klimaanlage geschlossen hat) hinter das Steuerrad, hackt mit einem Ruck den Gang rein und los geht’s.

Stationen werden in ganz Sorrent und bei allen Linien grundsätzlich nicht angesagt, wie es ja auch grundsätzlich und offensichtlich keine Fahrpläne gibt, obwohl diese immer mal wieder an vereinzelten Haltestellen aushängen. Das aber sind wohl bloße Absichtserklärungen, auf die man mit absolutem Verlass absolut keinen Verlass hat.

Pepe ist das egal. Er fährt routiniert und lustlos. Früher hatte er mal geträumt von einer großen Busverbindung, etwa nach Amalfi, Positano, mit dem Flughafenbus gar nach Neapel. Wie gerne auch, statt wie jetzt in dünner, blauer Leinenhose und verschwitztem weißen Nylonhemd, in richtiger Uniform mit Mütze. Das wäre wie ein Pilot in einem Jumbo.

Aber er träumt schon lange nicht mehr von solchen Karrieren. Er fährt und fährt, blickt streng, aber zerreißt keine Biglietti zur Entwertung. Öffnet die Türen, schließt die Türen und bremst stets mit einem unangenehmen Ruck.

Er scheint sich insgeheim zu freuen, wenn dabei jedes mal die Körper hinter ihm im Paket herum klatschen, ohnehin dicht gepresst Haut an Haut, was ja keiner will, aber angesichts der absehbar kurzen Fahrt mit angehaltenem Atem übellaunig duldet.

Nicht, dass Pepe von Grund auf gehässig ist. Früher, erinnern sich Freunde (beziehungsweise ehemalige Freunde), habe er nach Dienstschluss, wenn die letzte Fähre abgefertigt worden ist am späteren Abend, viel mit ihnen geredet, auch mal gelacht, einfach so, als sei ihm plötzlich irgendetwas eingefallen, das ihn amüsierte oder froh stimmte.

Doch diese unterhaltsamen Zeiten sind vorbei. Pepe wohnt in der Nähe des Bahnhofs allein in zwei kleinen Zimmern mit Miniküche, Toilette und Duschbad sowie einem kleinen Trittbalkon mit Blick auf die verkehrsreiche Hauptstraße unter ihm.

Doch er trat und tritt nie auf diesen Balkon, will wohl gar nichts beobachten. Er kocht meist seine Dosennahrung, trinkt den weißen Falinghina von den Reben aus der Gegend um Castellamare di Stabia.

Aber natürlich nicht den, den Angela Merkel mal bei einem Ischia-Urlaub nach einem Besuch auf dem Festland südlich von Neapel zu den Ausgrabungen von Pompei anschließend in der Hafentaverne von Castellamare di Stabia zu Paccheri Pasta mit Kabeljau, Oliven und Kapern getrunken hat. (34).

Später dann legt sich Pepe meist vor den Fernseher und sieht auf „Kanal Capri“ Filme von und mit Volksschauspieler Totò, bis er schlafen geht.

Pepe lebt allein, war noch nie verheiratet. Bis vor drei Jahren hatte er noch bei seiner verwitweten Mutter gelebt, bis auch sie gestorben war. Für ihn alleine war die Wohnung zu groß und zu teuer. Über das Busunternehmen bekam er seine jetzige kleinere und preiswertere Bleibe. Kein großes Schicksal. Ganz normal.

Sein Job allein stabilisiert ihn, verschafft ihm ein Minimum an Struktur.

Aber Pepe weiß, dass es jedes Jahr einen Höhepunkt für ihn gibt, ein ganz großes Theater, für das sich alle Malaisen vorher und bestimmt auch wieder danach lohnen. Jahr für Jahr. Mitte August ist seine hohe Zeit. Mit ihm, dem unscheinbaren Pepe als ganz wichtigem Akteur.

Nie im Jahr gibt es mehr Urlauber. Es ist der Höhepunkt des Sommers, genau am 15.August.

Dieses Datum hat einen besonderen Namen und Hintergrund: „Ferragosto“ – die Augustferien. Der Name rührt von den dreitägigen Feiertagen her, die im Jahre 29 v. Chr. Kaiser August nach seinem erfolgreichen Krieg in Ägypten und den Siegen über Kleopatra und Marcus Antonius bei Actium und Alexandria anordnete. Da ging in Rom wieder einmal voll die Post ab.

Eigentlich bis heute. Auch wenn die Kirche – um die unchristlichen Sitten einzuschränken – dieses Datum für die Himmelfahrt Marias neu reservierte.

Eine Himmelfahrt ist es mitunter auch tatsächlich – ganz irdisch freilich.

Diese Zeit lässt die meisten der über 60 Millionen Italiener kribbeln und ausschwärmen. Es ist die hohe Zeit des Urlaubs, und Pepes Bus schaukelt wie eine wegen heilloser Überfüllung bedrohte Barkasse durch die Stadt.

Es ist die Zeit, in der in ganz Italien das große Krabbeln beginnt. Wo man keinen Sand mehr am Strand sieht vor lauter besetzten Liegen. Wo die Staus auf den Autobahnen und vor den Mautstellen unendlich scheinen. Weder in Restaurants noch auf Parkplätzen, in Garagen, Bussen, Bahnen, auf Schiffen, Fähren, in Hotels, Pensionen oder auf Campingplätzen geht noch irgendetwas. Absolut nichts.

Ferragosto, Rolladen runter: Urlaub oder Finte? (Foto: Uwe Krist)

Ferragosto – das bedeutet: ein Land, eine ganze Nation im Ausnahmezustand.

„Vado al mare“ – „Sind ans Meer gefahren“ signalisieren Zettel an vielen Geschäften in den größeren Städten. 70 Prozent reisen an die Strände, der Rest in die kühleren Berge. Alle sind weg, unterwegs.

Nicht alle. Über drei Millionen kinderlose Italiener – mit steigender Tendenz, so die italienische Psychologenvereinigung „Help me“ – haben kein Geld für Urlaub, keine Lust oder keine geeigneten Mitreisenden – und fahren trotzdem. Aber nur scheinbar. Sie verstecken sich mit sehr viel Phantasie und Akribie zuhause und spielen nach außen hin den Klassiker „Urlaub“.

Das machen sie, damit Kollegen und den nächsten Nachbarn, mit denen sie die meisten unmittelbaren Berührungspunkte haben, nicht auffällt, dass sie sich nichts mehr leisten können.

Sie bringen rechtzeitig ihre Blumen zum Nachbarn, damit der sie gießt, während sie angeblich auf Reisen sind. Sie ordern die Zeitungen um. Sie lassen ihre Post von Freunden abholen. Haustiere werden in der Restfamilie verteilt.

Sie mogeln manchmal mit Postkarten, die sie angeblich aus dem Urlaub abgeschickt haben. In Wahrheit aber wurden diese Karten längst früher besorgt und frankiert mit ihren Grüßen in den Kasten gesteckt.

In der Wohnung haben die Mystery-Urlauber Lebensmittel und Getränke, Toilettenpapier, Selbstbräuner-Crèmes und Medikamente, Tabakwaren, Weine, Lesematerial und Videokassetten für die Dauer des „Urlaubs“ gehortet.

Und vor allem: sie bewegen sich wie Schweigemönche. Kein TV- oder Radiogeräusch darf nach draußen dringen, das Telefon ist auf Anrufbeantworter gestellt, kein Husten oder Niesen. Kein Handy-Klingeln oder Türenschlagen. Die Kinder sind gegen alle Erziehungsprinzipien überhäuft mit DVD-Kassetten und elektronischem Spiel-Müll.

Piano, pianissimo.

Und dann, nach drei Wochen, kehren sie offiziell wieder mit großem Tamtam zurück. Scheinbar schwere aber leere Koffer werden laut durchs Treppenhaus geschleppt. Fenster zum Lüften aufgerissen. Nachbarn begrüßt, Hunde und Pflanzen zurückgeholt.

„Ach, wie schön war es wieder! Dieses Meer, dieser Himmel!!“

Aber es soll doch dort während Eurer Zeit sintflutartigen Regen gegeben haben – nach den Waldbränden?!

Solche Schrecksekunden sind nicht immer einkalkuliert. Da hätte man doch die Wettervorhersagen auf Telegiornale 1 oder 2 besser und vor allem regelmäßig schauen sollen.

Improvisieren.

„Ja, ja, genau!. Es war eigentlich ganz schrecklich!“

Blitzartiges Nachdenken.

„Aber wir hatten da gerade, welch ein Glück, einen Ausflug gemacht, rund achtzig Kilometer weiter. Reine Natur. Kein Regen, keine Brände. Glück gehabt“.

Ja, wirklich Glück gehabt. Die Ausrede wird geschluckt. Denn es ist wohl auch so, dass sie das programmierte Glück hatten, in einer Solidargemeinschaft zu leben, in der derlei Ausreden und Urlaubsgespinste zur Substanz gehören, aus der diese Luftschlösser bestehen.

Keiner würde diese Version anzweifeln, dafür haben sie selber viel zu viel Empathie und den leicht korrodierten Charme erfahrener, langnasiger Pinocchios aus dem toskanischen Collodi. Na also, tutto a posto!

Und: „Nächstes Jahr wieder, schon wegen der Luft.“ Ganz bestimmt, klar doch, und ganz bestimmt wieder heimlich daheim.

Für Pepe wäre derart Urlaubstheater nie in Frage gekommen, der kann gar nicht so krumm denken. Vor wem sollte er sich denn überhaupt verstecken? Und er hat ja seine Aufgabe: Busfahren. Vom Bahnhof zur Marina Grande. Von der Marina Grande zum Bahnhof. Acht Stunden am Tag. Manchmal auch sonntags. Dann verdient er mehr und er hat ja auch sonst nichts vor.

Eindeutig: Pepe ist der Held am Volant, der unerschütterliche Fels in der Brandung der zusammengepressten Leiber, der Pilot – „Fly me to the moon!“ -, der er immer sein wollte, der seine Maschine durch die Turbulenzen des Verkehrs und der bis auf die Straßenmitte drängenden Warteschlangen an den Haltestellen steuert.

Es ist seine Zeit. Nie wird er mehr gebraucht. Dann sitzt er abends wieder erschöpft und für seine Person so etwas wie glücklich im „Grillo“. Trinkt einen Wein mehr. Lässt in Gedanken seinen Bus noch einmal wie wild um die Ecken rumpeln. Genießt das kollektive, babylonische Geschrei der wie in Garben gepressten Menschen hinter ihm.

Diese, unfähig zum eigenen Handeln, verfallen schließlich unisono und nabuccohaft („Teure Heimat, wann seh‘ ich dich wieder?“) wenigstens in erleichtertes Aufstöhnen, wenn er den Bus wieder einmal in letzter, allerletzter Sekunde vor dem Absturz in die nur dem entsetzten Publikum suggerierte brodelnde Tiefe souverän abgefangen hat und mit einem finalen Ruck am Hafen bremst.

Und er, der kleine, unbekannte, unscheinbare, unbeachtete Busfahrer Pepe genießt diesen seltenen aber sich jährlich wiederholenden orgiastischen Augenblick der Selbstberauschung, die ihn, bravo!, groß macht im Ferragosto! Prima! Primissima! Grazie mille!

Italienische Idole: Immer an der Wand lang (Foto privat)

Fußnoten

(33)

Wie er nutzen in Italien extrem viele Menschen, mit 70 Prozent meist Männer zwischen 18 und 35 Jahren (Frauen zu 60 Prozet), so die nationale Statistikamt Iastat, die Segnungen des „Hotels Mama“. Die Gründe sind zum einen die mit über 40 Prozent sehr hohe Jugendarbeitslosigkeit und damit kein Geld für die Miete, , zum anderen die gepflegte Bequemlichkeit der „Bamboccioni“, der Riesenbabies.

Spitzenreiter der Nesthocker in Europa ist Kroatien, am frühesten flügge sind die Finnen. Während in Deutschland 59 Prozent der Frauen und 73 Prozent der Männer zwischen 18 und 24 Jahren bei den Eltern bleiben und im Durchschnitt mit 23,9 Jahren (Frauen) und 25,1 Jahren (Männer) das eigene Weite suchen, nabeln sich Italiener erst mit über 30 Jahren ab, wie auch mit Mühe Davide, der Freund von Pepe.

(34)

Diese Paccheri sind Nudeln mit großen Hohlräumen – so groß, dass man im Mittelalter den streng für die Ausfuhr verbotenen (weil um ein Vielfach besseren) italienischen Knoblauch ins Gebiet des heutigen Österreichs schmuggelte – angeblich gingen bis zu fünf Zehen ins teigige Versteck (seltsam, dass die Zöllner das nicht rochen) – und man reichlich daran verdiente.


Aus: „Margherita und die Liebe zum Damenbart – Sorrentiner Sommerspitzen mit Fußnoten“

Von Uwe Krist

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