1719-2019 – 300 Jahre Abenteuerreise für die Seele

Von Uwe Krist

Bestimmt hat er vor gut 300 Jahren gesoffen, dass sich die schwarzen Eichenbalken an der Decke des „Llandoger Trow“ in Bristol bogen. Ein obergäriges Ale nach dem anderen, es war ja schließlich – die Euphemie der Säufer – auch hier in Wales flüssiges Brot. Und das machte auch die Zunge locker. Besonders die von Alexander, der oft und gerne hier an der hölzernen Theke herumhing.

Er schwadronierte, bis sich die Balken wieder in die andere Richtung bogen. Man hörte ihm zu oder auch nicht, dann sabbelte er allein vor sich hin. Und als ihm gar keiner mehr zuhörte, verschwand er aus der Bar an der Kings Street und im walisischen Nebel der Geschichte der Bedeutungslosen.

Aber die Geschichte ist, sofern sie Bewusstsein hat und einen Nerv für späte Kicks, mitunter aufmerksam. Und hatte zur Abwehr totalen Vergessens einen sicher auch trinkfesten aber wacheren Zuhörer an Alexanders Seite gesetzt. Und der hörte ihm – im Auftrag der Geschichte – sehr wohl und sehr gut zu.

Was der da auf dem Hocker vor sich hin blabberte, war schon ein Ding! Unglaublich!! Auch wenn das schon Jahre her waren, aber immerhin!

Und weil der Mann nicht nur gut zuhören konnte, schrieb er das, was er da beim Prasseln und Knacken des hohen, steinernen Kamins an der Wand neben ihnen hörte, auf – das abenteuerliche Leben von Alexander, einem Menschen in der Ödnis des Raumes, der Zeit und der Ewigkeit. Und das hatte viel, viel später sogar seinen Platz in der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt gefunden.

Die Biere haben sich – auch in England – verändert, das „Llandoger Trow“ ist seit diesem April nach 335 trinkfesten Jahren geschlossen. Aber die Story lebt. Im Übrigen war sie nicht die einzige literarische Trouvaille mit reiseemblematischen Effekten. Es gibt – etwa 160 später – ebenfalls hier im Pub einen Gast Robert, der in sein eigenes literarisches Werk Stimmung und Ort diesseits und jenseits dieser Theke übertrug. Auch hier schoben und schieben sich noch immer zu den gelesenen Texten im Kopf die Bilder und Zielprojektionen, die sonst untätig im Hippocampus gespeichert sind, fast schmerzhaft nach vorne.

Das allein ist noch nicht so dramatisch, das wird es erst, wenn sich dazu die Sehnsucht nach Betreten dieser Bilder meldet. Wenn es quasi eine suchtvolle Liebe ist, die zu diesen Orten drängt. Eine der schönsten Begründungen für das Reisen und fern dessen, was heute allgemein Tourismus heißt. Eine unstillbare „amour fou“, die der Neurologe Antonio Damasio von der US-Universität Iowa tatsächlich für einen „kurzfristigen Hirnschaden“ hält.

Autor Uwe Krist als moderner Robinson Crusoe im Jahre 1975

Kurzfristig freilich waren unsere beiden Geschichten nicht. Im Gegenteil – die Erlebnisreise von Alexander zum markanten Beispiel dauerte im wahren Leben zwar „nur“ vier Jahre und vier Monate, aber was sind das für Zeitsplitter, wenn die Literatur schon bei nur einer Ein-Tages-Reise gewaltig ausholt und so etwa einen Leopold Bloom durch 18 lange, verwirrende Episoden und bis zur 987. Seite (allein in der Taschenbuchausgabe) durch nur eine, nämlich seine und James Joyce‘ Stadt Dublin streifen lässt.

Und die hindernisreiche Suche auf der „Schatzinsel“ des Schotten Robert Louis Stevenson – ebenfalls aus dem „Llandoger Trow“ – war auch kein literarisches Kinkerlitzchen. Sie erschien 1882 als Mehrteiler in der Zeitschrift Young Folks. Die englische Erstausgabe in Buchform folgte 1883 in London.

Die Erzählung von Alexander in der Mündung des Orinoco wurde ebenfalls gehörig gestreckt und gepimpt – von 52 auf 336 Monate, also auf 28 Jahre. Und wer da von Langzeiturlaub spricht, ist entweder zynisch oder unbelesen oder beides. Jedenfalls bewegte seinerzeit das Schicksal von Alexander die Welt ungewöhnlich heftig.

Auch im deutschsprachigen Raum hatten derlei Traumreisen gute Konjunktur – angeregt durch ein reisefreudigeres Bürgertum, das nun auch selbst vermehrt – zwar nicht standesgemäß aber fröhlich aktiv-analog oder zumindest in der Phantasie zum britischen Jungadel auf die Grand Tour ging.

Und auch eine neue Romantik, die nicht mehr in sich selbst erstickend sogar eine Todessehnsucht als finales Reiseziel verklärte, ließ die Koffer packen – und zwar ohne das letzte Hemd, aber mit den herrlichen Schwarten voller Abenteuerlust.

Zahlreiche Autoren nämlich hatten sich und ihre Leerschaft – durch Alexander angeregt – in ähnliche Trance-Zustände versetzt, Gottfried Schnabel, Johann David Wyss, Johann Georg Peyer, Joachim Heinrich Campe oder Leonard Eisenschmied und Ludwig Hevesi.

Alles nur wegen Alexander. Und auch der Berichterstatter ließ sich – jung – von der Sehnsuchtsmania verführen, dieses Abenteuer physisch und später beschreibend zu probieren. Auch wenn es auch nur eine Kostprobe war, die er lieber jetzt, in gereiftem Alter, probiert hätte mit weniger Eitelkeit, Überschätzung und dem Unwissen, wie man so etwas besonders Schönes auch besonders genießen kann.

So blieb ihm damals nach Wochen des Alleinseins auf einer Mikro-Insel im Indischen Ozean (hier zitiert aus dem Schulbuch „wtd texte deutsch“ im Westermann Verlag, Braunschweig, der diese Geschichte auch publiziert hatte) wohl nur die Erkenntnis:

„Das Abenteuer – hier ist es lautlos, ohne Seele, unfassbar. Gewalt wird mir im Kleinen angetan. Wut und Tränen über Mückenstiche und Ameisen! Ich habe einmal wie besessen Strandkrabben zertreten in einem Rausch der Zerstörung, des Tötens, des Aufbäumens gegen die übermächtige und unbarmherzige Natur. Die hat sich einen Dreck darum geschert…“

Das war vor fast 45 Jahren. Fast ein Jubiläum. Dagegen kann, wenn er noch könnte, Alexander ein echtes Jubiläum feiern. Denn die einmalig tolle Geschichte aus dem Pub „Llandoger Trow“ hatte der schottische Seemann aus dem Dörfchen Lower Largo, Alexander Selcraig (oder Selkirk), als seine eigene Lebenskurve ausgerechnet dem Schriftsteller Daniel Defoe erzählt. Und dessen daraus resultierenden Buch über seinen Helden Kreuztnaer (später Crusoe) – möglicherweise auch angeregt durch einen Zeitungsartikel schon 1713 im „The Englishman“ von Richard Steel, dem Selcraig seine Story wohl auch erzählt hatte – erschien vor genau 300 Jahren, im Jahre 1719 als englische Erstausgabe unter dem Titel:

„The Life and Strange Surprizing Adventures of Robinson Crusoe of York, Mariner: Who lived Eight and Twenty Years, all alone in an un-inhabited Island on the Coast of America, near the Mouth of the Great River of Oroonoque; Having been cast on Shore by Shipwreck, wherein all the Men perished but himself. With An Account how he was at last as strangely deliver’d by Pirates. Written by Himself”.

Dreihundertmal hoch das volle Glas und Lloniannau! Prost!

Wer Robinson Crusoe (wieder mal) lesen würde, kann den kompletten Text über das „Projekt Gutenberg“ lesen: https://gutenberg.spiegel.de/buch/robinson-crusoe-747/1

Wer den Text lieber als EPUB-Datei auf einem E-Book-Reader lesen möchte, kann den Text des Projekt Gutenberg ins EPUB-Format konvertieren lassen: http://www.epub2go.eu/

Verwandte Artikel:

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*