Tourismusstandort Deutschland

Wattwandern an der Nordsee bei Büsum (Foto: Heidi Diehl)
Wattwandern an der Nordsee bei Büsum (Foto: Heidi Diehl)

Strukturwandel betrifft auch den Tourismus.
Wie sehen die Lösungen aus?

Jährlich werden in Deutschland gut 290 Milliarden Euro Umsatz durch
den Tourismus erwirtschaftet. Da könnten andere Branchen glatt neidisch
werden. Und mit rund drei Millionen Beschäftigten arbeiten in keinem anderen
Wirtschaftsbereich mehr Menschen.

Von Heidi Diehl

Damit das auch so bleibt, sind Anstrengungen, nicht nur der Touristischen Unternehmen, Kommunen und Länder notwendig, sondern mehr als bisher auch der Bundesregierung. Denn: Die Rahmenbedingungen für den Tourismus haben sich in den letzten Jahren grundlegend verändert, ein Strukturwandel – national wie international – ist im vollen Gange. Wer da nicht mithalten kann, wird gnadenlos vom Markt verdrängt. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Deutschen wirtschaftlichen Instituts für Fremdenverkehr, Berlin (dwif ).

Über notwendige Maßnahmen, die touristische Infrastruktur in Deutschland den veränderten Bedingungen anzupassen und welchen Beitrag Kommunen, Länder und der Bund dazu leisten können und müssen, diskutierten in Berlin Mitglieder aller Fraktionen des Tourismusausschusses des Deutschen Bundestages gemeinsam mit Vertretern aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur und Medien.

Die Rahmenbedingungen für den Tourismus haben sie sich in den letzten Jahren grundsätzlich geändert, so das dwif. Deutliche Einkommenssteigerungen und ein höherer Anteil an freier Zeit quer durch die Bevölkerung führten zu größeren Anforderungen an die Entwicklung einer qualitativ höheren und differenzierteren touristischen Infrastruktur. Dadurch, so Karsten Maruhn vom dwif, habe sich auch der Wettbewerb auf den touristischen Märkten enorm verstärkt. Reisen würden immer kürzer, und „insbesondere junge Leute unterscheiden heute nicht mehr groß, ob sie für drei Tage mal schnell an die Ostsee fahren oder nach New York fliegen“. Hinzu komme, dass immer mehr Einzelattraktionen wie Ferienresorts und Freizeitparks neu auf den Markt drängen und zum Wettbewerbsdruck beitragen.

Neben übergreifenden veränderten Rahmenbedingungen, so das dwif, müsse man auch die regionalen Unterschiede innerhalb der Tourismuswirtschaft sehen. In wirtschaftlich schwach entwickelten Regionen meist in ländlichen Gegenden könnte der Tourismus dazu beitragen, Arbeitsplätze zu sichern. Aber auch städtische, vom Tourismus geprägte Regionen, stünden vor neuen Herausforderungen, um wettbewerbsfähig zu bleiben.

Die Touristen seien anspruchsvoller und preissensibler geworden, deswegen werde es zunehmend wichtiger, die Angebote themenorientierter und zielgruppengerechter auszurichten. Der Kampf um Gäste, so das Institut, ist härter geworden, was dazu führe, dass – um sie zu halten oder zu gewinnen – die Preise zum Teil enorm gesenkt würden. Dadurch steige der Druck auf kleine und mittelständische Unternehmen und in kleineren Regionen, so dass letztlich die Schwächsten aufgrund zu geringer Reserven und Liquiditätsschwierigkeiten aus dem Markt aussteigen (müssten).

Um die Wettbewerbspositionen zu verbessern, sei es deshalb dringend notwendig, in die touristische Infrastruktur zu investieren, wozu Hilfe durch die Kommunen, Länder und den Bund unabdingbar sei, argumentiert das dwif. Neben Hotellerie, Gastronomie und Freizeiteinrichtungen gehören dazu auch öffentliche Einrichtungen wie Straßen, Energie- und Wasserversorgung sowie Verkehrsmittel. Zunehmend größere Gewichtung bekämen Breitbandausbau und alternative Mobilitäts- und Verkehrsangebote.

Vor allem junge Zielgruppen machten ihr Reiseziel oftmals davon abhängig, ob es freies WLAN gibt und ob die touristischen Angebote für sie „fotografierbar und auf Instagram postbar sind“. Beim Breitbandausbau und dem öffentlichen WLAN hinke Deutschland in weiten Gebieten noch immer anderen Ländern hinterher, was schnell zu einem Wettbewerbsnachteil werden könne.

Nicht nur in diesem Bereich ist ein größeres Engagement von Kommunen, Ländern und Bund gefragt, sondern auch bei anderen Investitionen. Bei einer dwif-Umfrage gaben rund 30 Prozent der Freizeiteinrichtungen an, alle zwei Jahre investieren zu müssen, um am Ball zu bleiben. Größere Unternehmen erhielten dafür häufig Unterstützung durch EU-Mittel oder von kapitalstarken Industriepartnern. Kleinere seien da im Nachteil, rügt das dwif.

Der Strukturwandel im Tourismus betrifft zunehmend auch Regionen, die jahrzehntelang ihre Betten problemlos füllen konnten. Inzwischen bleiben diese oftmals leer, weil sich die Ansprüche, zum großen Teil generationsbedingt, stark verändert haben. Die Folge ist, dass manche, über viele Jahre gewachsenen Strukturen nicht zukunftsfähig sind und daher von nachkommenden Generationen auch nicht mehr als Geschäftsmodell angestrebt werden.

Diese Entwicklung wirkt sich negativ auf die touristischen Betriebe aus aber auch auf die Infrastruktur und die einheimische Bevölkerung. In der Hotellerie werden künftig vor allem Budgetangebote, Luxus- und Kettenbetriebe bzw. themen- und/oder zielgruppenspezifische Unternehmen nachhaltig Markterfolg haben, prophezeit das Institut. Ein Trend, der weltweit sichtbar ist.

Vor allem im Dienstleistungssektor gibt es noch viel zu tun. Nutzerfreundliche Öffnungszeiten, zeitgemäße Gastronomie, Tourismusinformationen, Einzelhandel, Kultur- und Sporteinrichtungen – das sind Mindestanforderungen an eine qualitative Struktur. Darüber hinaus natürlich ein Gäste freundliches Verhalten der Bevölkerung. In einigen Destinationen, wo der Overtourism-Effekt greift, ist das jetzt schon problematisch. Um hier gegenzusteuern, müssten die Einwohner in Entscheidungen über Entwicklungen mit einbezogen werden und möglichst selbst von den Angeboten profitieren können.

Noch immer seien für viele Destinationen die Übernachtungszahlen der wichtigste Gradmesser für die Qualität und den Erfolg im Tourismus. Das, davon ist das dwif überzeugt, wird sich künftig ändern. Tourismus sei viel mehr: Freizeitattraktionen, Tagestourismus, Airbnb oder Ferienwohnungen fänden in diesen Statistiken nicht statt. Diese Anbieter aber müsse man mit einbeziehen, um Synergieeffekte zu generieren und die Regionen touristisch voranzubringen.

Dies ist ein Artikel aus der aktuellen Ausgabe des Columbus-Magazins.

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