Münchner Runde: Tourismus und Terrorismus

Lilo Solcher

„Wir leben in finsteren Zeiten“. Das war schon bei Bert Brecht so und ist heute so wahr wie damals. Nur die Hintergründe sind andere. Die Terroristen des Islamischen Staats treffen die freie Gesellschaft mit ihren Anschlägen ins Mark. Die Flüchtlingskrise spaltet Europa. Und es geschieht etwas, was seit dem Mauerfall niemand erwartet hätte: Der Kontinent mauert sich sein. All das geht auch nicht spurlos an der Tourismus-Industrie vorbei. „Dies sind entsetzliche Zeiten für die Reiseindustrie“, sagte ein Experte am Rand der ITB. Die Terrorismusdrohung verletzte die globale Reise-Gesellschaft. Mit der Frage, wie der Terrorismus den Tourismus verändert, beschäftigte sich deshalb die Touristische Runde München am 7. April 2016.

Laut einer Emnid-Umfrage haben die Anschläge der letzten Zeit für 31 % der Deutschen  unmittelbare Auswirkungen auf ihre Reisepläne. Rund 21 % gaben an, keine hauptsächlich muslimischen Länder besuchen zu wollen. Jeweils 10 % wollen künftig Besuche in Großstädten oder auch Flugreisen vermeiden. 8 % bleiben gleich ganz zu Hause.
„Wir sind entsetzt und eingeschüchtert, ja auch verschreckt“, sagte die Dekanin der Fakultät für Tourismus an der Hochschule München, Prof. Dr. Sonja Munz, in ihrem Eingangstatement. Sie wies aber auch darauf hin, dass man Reiseziele ersetzen könne und das Reisevolumen deshalb nicht unbedingt abnehmen müsste.

VDRJ-Mitglied Mario Köpers von Europas größtem Reiseveranstalter, der TUI, nannte als Ausweichziele das westliche Mittelmeer, vor allem die Kanaren, Griechenland und die Fernstrecke mit „riesigen Zuwächsen“. „Wir können und wollen niemanden zwingen in die Türkei oder nach Tunesien zu reisen,“ stellte der TUI-Mann klar. Aber „wir lassen unsere Partner nicht im Regen stehen.“ Köpers ist überzeugt davon, dass der Terrorismus Europa noch lange beschäftigen werde. Das allgemeine Lebensrisiko sei zwar ein Stück weit gestiegen, aber die Wahrscheinlichkeit, Opfer eines Verkehrsunfalls zu werden, sei immer noch wesentlich größer.
Peter Höbel, Geschäftsführer der Unternehmensberatung für Krisenmanagement, Crisadvice, sieht das ähnlich. Er vergleicht die Angst vor Terror mit der Angst vor dem Fliegen. Beide Ängste seien irrational im Vergleich zu anderen Lebensrisiken. „Die Ausweichstrategie der Reisekonzerne“ kritisiert Höbel als falsche Risikokommunikation. Der Terror sei ubiquitär, er habe eine neue Qualität zu Wasser, zu Land und in der Luft. Darauf könne und müsse man mit höheren Sicherheitsstandards und Wachsamkeit reagieren nicht aber mit Panik.
Für Frano Ilić, Pressesprecher von Studiosus, ist Sicherheit nicht nur eine Frage des Terrors. Allerdings seien die Anschläge auf das Word Trade Center die Initialzündung für den Veranstalter gewesen, das Thema Sicherheit stärker zu beachten. Studiosus reagiere auch mit differenzierten Möglichkeiten wie dem kostenlosen Umbuchungsrecht bis vier Wochen vor Abreise, das für Ägypten, Tunesien und die Türkei gelte aber eben auch für Nepal, Kenia, Madagaskar, Israel und den Sudan. Im übrigen sei der Iran bei Studiosus das beliebteste Fernreiseziel.
Eine Renaissance der Pauschalreise hat Reiserechtler Prof. Dr. Ernst Führich in diesen eher unsicheren Zeiten festgestellt. Sie vermittle den Kunden ein Gefühl der Sicherheit. Kritisch sieht er die  Reisewarnungen des Auswärtigen Amts, wo „Rangeleien zwischen wirtschaftlichen Interessen und politischen Rücksichtnahmen“ Unsicherheit erzeugten.

Einen ausführlichen Bericht der aktuellen Touristischen Runde München finden Sie hier. 

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