Wandern über dem Nebelmeer

Das Elbsandsteingebirge begeistert bis heute Romantiker, Foto: Nicole Schmidt
Das Elbsandsteingebirge begeistert bis heute Romantiker, Foto: Nicole Schmidt

Das Elbsandsteingebirge, gerade mal eine Stunde von Dresden entfernt, ist das Highlight des Nationalparks Sächsische Schweiz – und es zu bewahren, eine Jahrhundertaufgabe. Nicole Schmidt war da.

Klitschnass vom Regen lehnen die Wanderer auf einem Sandsteinplateau hoch über der Elbe an einem Geländer und starren in den dichten Nebel. Da vorne irgendwo muss die Bastei doch sein, dieses gewaltige Felsenriff mit der weltberühmten Brücke. Eines der ältesten Reiseziele Deutschlands und Wahrzeichen der Sächsischen Schweiz bei Rathen, keine Fahrstunde südlich von Dresden. Aber da ist nur graue Suppe. Wie gut, dass wenigstens die Landschaftsmalerei auf einer Schautafel den Überblick behält. Die Tafel steht genau dort in der Natur des Elbsandsteingebirges, wo der Maler das Bild Anfang des 19. Jahrhunderts erschuf: Eine Märchenlandschaft mit mächtigen Tafelbergen, wilden Felsklippen, mystischen Schluchten. Das Wetter darauf ist auch nicht besser. Es gibt nur einen großen Unterschied: Der Maler lässt seine Figur über dem Nebelmeer spazieren. Die Wanderer stehen mittendrin.

Eine Viertelstunde später aber hört der Regen auf, die Nebelwand zerreißt. Weiße Schwaden ziehen aus dunklen Tälern, wabern um kühn aufragende Sandsteinformationen, fallen an Steilwänden bis fast zur Elbe hinunter. Sonnenstrahlen setzen sich durch und lassen Wolken von innen schimmern. Was für ein Glück wir heute Abend haben, nickt sich ein Paar mit Hund zu, neben den beiden Wanderern die einzigen Bastei-Besucher.

Am nächsten Morgen und bei Sonnenschein wird klar, warum. Wieder stehen die zwei auf einem Felsen über der Elbe, am Aussichtspunkt Bastei, aber alles andere als allein. Da sind zwei Busladungen Tagesausflügler, eine alte Dame mit ihrem Mann im Rollstuhl, Familien mit Kinderwagen, Kegel-Runden, eine Schulklasse, ein junges Liebespaar in Turnschuhen,
Wandergruppen mit Bergstiefeln: Alle drängen sich am Geländer. Sie gucken hinunter ins idyllische Flusstal, auf die Schiffe, die den Strom durchpflügen, auf die Felswelt ringsherum und rufen sich entzückt zu, das sei doch der helle Wahnsinn.

„Das ist noch gar nichts. An Spitzentagen stehen auf dem Parkplatz 165 Busse“ sagt Jens Posthoff, der wie alle Nationalpark-Ranger Besucher kostenlos auf Wanderungen mitnimmt. „Locker kommen wir hier auf zwei Millionen Touristen jährlich.“ Die Natur hält diese Massen aus, solange niemand die ausgewiesenen Wege verlässt, sagt der Ranger. Nur: Erholung und magische Natur-Erlebnisse erfährt in diesem Gewusel kein Mensch mehr. Aber wie das so ist mit den fünf-Sterne-Plus-Highlights: „Die allermeisten treten vor bis zur Aussicht, trinken Kaffee – und fahren wieder“, sagt der Ranger.

Doch es geht auch anders. Höchstens noch eine halbe Million wandert wirklich im Elbsandsteingebirge herum, auf den reichlich 400 Kilometern gut ausgeschilderter Wanderwege. Auch dank geschickter Besucherlenkung. Man muss schützen, was man liebt, sagt Posthoff. „Wir machen halt Zugeständnisse, damit für jeden etwas dabei ist, sorgen auf den Rennstrecken für gut begehbare, sogar betonierte Treppen und rollstuhlgerechte Wege.“ Es gäbe aber auch Gebiete, die nicht mehr betreten werden dürften. Oder die Ranger ließen die Markierungen für die Zugänge zu den Kletterfelsen bewusst vergilben und setzten Geländer davor, damit nicht jeder hingeht, obwohl es eigentlich erlaubt ist.

Tatsächlich. Spürbar stiller werden die Wege bereits, wenn man vom Basteifelsen hinabsteigt in den Amselgrund – so wie vor 200 Jahren die ersten Fremden, nur hatten die es viel beschwerlicher. Vor allem Künstler fühlten sich angezogen von dieser ergreifenden Landschaft mit der Elbe in der Mitte. Es waren Maler aus halb Europa, die mit Skizzenblock und Staffelei in die Zauberwelt der Elbwälder vorstießen. Und hingerissen diese bilderbuchschöne Naturkulisse mit ihren bizarren Felsformationen und riesenhaften Fichten festhielten. Die ideale Landschaft für den Geist der Romantik.

Natur, die Eintritt kostet: Vielbesuchte Bastei, Foto: Nicole Schmidt

Im Gefolge kamen Adlige und reiche Herrschaften, die von Sänften aus die Gegend erkundeten. Die wollten natürlich auch essen und trinken. So nahm der Tourismus seinen Anfang. Bis heute fahren die Ruderboote auf dem vor 80 Jahren extra aufgestauten Amselsee, und immer noch rauscht mächtig der Wasserfall auf Knopfdruck. Allerdings zahlt man nicht mehr in Pfennig, sondern in Cent. Neu ist das kleine Nationalpark-Info-Zentrum, hübsch verpackt in einer Hütte. Multimedial erfahren die Besucher dort staunend: Das ganze Gebirge, das sich beiderseits der Elbe zwischen der tschechischen Stadt Děčín und dem sächsischen Pirna erstreckt, ist ein Schwindel. Es handelt sich um den Grund eines Kreidemeeres – 100 Millionen Jahre alt. Als das Meer abfloss, blieben mächtige Sandsteinschichten zurück. In die fraßen sich Elbe und ihre Nebenflüsse hinein und räumten sie aus, bis eine bizarre Ruinenlandschaft aus Quadersteinen übrigblieb, die ganz allmählich weiter zu Sand verfällt.

Das ist einzigartig in Europa. Und all das zu bewahren, ist eine Jahrhundertaufgabe für den Nationalpark. Er schützt seit 1990 auf deutscher Seite, seit 2000 auch auf tschechischer die weitgehend naturbelassenen Bereiche. „Eine werdende Wildnis“, erklärt der Ranger. „In den Kernzonen greifen wir nur dort ein, wo es unbedingt nötig ist, wo Gefahr droht, und wir sorgen dafür, dass Weißtanne, Eichen und Buchen wieder mehr Platz finden.“

Eine Ahnung von dieser Wildnis bekommen die Wanderer, als sie vom Amselgrund Richtung Hohnstein wandern, wo das Kasperle herkommt, auf einer Etappe des gut gekennzeichneten Malerweges. Auf 112 Kilometern folgt er quer durch das Elbsandsteingebirge den historischen Pfaden der Künstler. Stufen wurden dafür in den Fels gehauen oder mit Holzbohlen in die Erde verankert. Es gibt Geländer und Haltegriffe, Brücken, Stege und unbefestigte Pfade.

Weich federn die Schritte beim Aufstieg zum Hockstein mit seiner herrlicher Aussicht, über steile Stufen geht es zwischen senkrechten Wänden die Wolfsschlucht hinunter ins Tal des Polenzflusses, das mit seinen Farnen, Moosen und Flechten schon jetzt wie ein Urwald aussieht. Am Himmel kreist ein Wanderfalke. Still und weitgehend unbemerkt, erzählt Posthoff stolz, hätten sich selbst Luchse und Schwarzstörche ihren Lebensraum im Elbsandsteingebirge zurückerobert.

Darüber freut sich auch sein Kollege Jiří Rak, den die Wanderer am nächsten Morgen auf der böhmischen Nationalparkseite treffen. „Das Elbsandsteingebirge hört ja nicht einfach an der Grenze auf. Und seit der Euro-Region arbeiten wir grenzüberschreitend in der sächsisch-böhmischen Schweiz zusammen.“. Deshalb war es auch ganz einfach, hier herzukommen. Ab Nationalpark-Bahnhof Bad Schandau, wo auch die Schaufelraddampfer zur Schrammsteintour ablegen, mit der Fähre nach Hřensko und dann mit dem Bus weiter zur Haltestelle Prebischtor.

Dort geht Rak mit seinen Gästen durch wild wuchernde Natur steil bergauf und hinter der letzten Kurve staunen sie nur noch mit zurückgelegtem Kopf. Über ihnen erhebt sich das größte Naturfelsentor Europas. Imposant, gewaltig, aber auch zerbrechlich. Das tschechische Pendant zur Bastei. Nur viel leerer. Keinen Menschen treffen sie auf dem Weiterweg über den Gabrielensteig bis nach Mezní-Luka, wo sie in einem Gasthaus herrliches Gulasch und Knödel essen.

Man könnte jetzt in den Soorgrund steigen und mit einem Kahn auf der Wilden Klamm fahren. Das nächste Mal. Auf dem Rückweg zurück nach Sachsen wartet nämlich noch die schöne Gräfin Cosel auf der Burg Stolpen – zumindest ein Bild von ihr. August der Starke hatte seine verstoßene Mätresse dorthin verbannt. 49 Jahre lang lebte sie auf dieser mächtigen Basalt-Festung wie in einem Gefängnis. So nah dran war sie an der Elbe und diesem verrückten Gebirge. Und hat den Fluss doch nie gesehen.

Info

  • Wanderführer: Immer auf dem neusten Stand ist der „Rother-Wanderführer“, mit 51 detailliert beschriebenen Rad- und Wandertouren.
  • Übernachten: Morgens früh aufstehen und im ersten Sonnenlicht die Bastei genießen: Vom Berghotel Bastei direkt auf dem Felsplateau aus sind es nur ein paar Schritte dorthin; 01847  Lohmen/Bastei, Tel. 035024/7790, www.bastei-berghotel.de
  • Burg Stolpen: Die gut erhaltene ehemalige Grenzfeste erhebt sich zwischen Elbsandsteingebirge und Lausitz auf einer Basaltkuppe und erzählt das traurige Schicksal der Gräfin Cosel; Schlossstraße 10, 01833 Stolpen, Tel. 035973/23410, www.burg-stolpen.de
  • Einkehren auf deutscher Seite: Wunderbare, frisch renovierte Berghütten stehen für Wanderern offen, besonders schöne auf dem Pfaffenstein oder an der Brand-Aussicht.
  • Einkehren auf böhmischer Seite: Nach der Wanderung in der Umgebung des Prebischtors empfiehlt sich das Gasthaus Na Vyhlídce (zum Ausblick) im Dorf Mezná am Ausgang der Edmundsklamm, unbedingt Gulasch und Knödel probieren, dazu gehört auch eine Pension, Mezna 80, 40717 Hrensko, Tel. 00420/412554065, www.penzionnavyhlidce.eu
  • Informationen:

Dies ist ein Artikel aus der aktuellen Ausgabe des Columbus-Magazins.

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