Von der Seele des Bildes – Wie überlebt ein Reisefotograf in der heutigen Zeit?

Holger Leue hält den richtigen Moment fest: Ein Zügelpinguin springt von einem Eisberg; Foto: Holger Leue
Holger Leue hält den richtigen Moment fest: Ein Zügelpinguin springt von einem Eisberg; Foto: Holger Leue

Von wegen „Ein Bild sagt mehr als tausend Worte“. Fotos werden in der heutigen Zeit oft unterschätzt. Schließlich hat jede und jeder ein Handy, mit dem man Fotos schießen kann. Und die sind oft gar nicht schlecht. Gelungene Schnappschüsse eben. Was Profi-Fotografen liefern, ist allerdings etwas anderes. Holger Leue berichtet, wie ein Reisefotograf heute noch ein Auskommen haben kann.

Wie ist das bei Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, wenn es um die Wurst geht? Also wirklich um die Wurst. Und Sie zwei Möglichkeiten zur Auswahl haben: beim Discounter als Produkt aus der Massentierhaltung oder beim Fleischer im Dorf, von dem Sie beste Produkte bekommen. Natürlich sterben Sie nicht von der Discounterwurst, werden satt und haben mehr im Portemonnaie, aber die bessere Option wäre ohne Zweifel die zweite. Und genauso verhält es sich, wenn man sich das Bild des Reisefotografen vor Augen hält.

Rundherum haben meine seriös arbeitenden Berufskollegen und ich mit einer zunehmenden Zahl an „Discounter-Offerten“ zu tun, mit Leuten, die den Preis für Produkte drücken.

Heutzutage glauben ja viele, die einen Fotoapparat bzw. ein Smartphone mit integrierter Kamera besitzen, dass sie Fotografen sind – und stellen ihre Bilder zur Veröffentlichung für das berühmte Paar aus Apfel & Ei oder sogar kostenlos zur Verfügung. Nur damit sie dann ihre Namen irgendwann irgendwie gedruckt sehen: ein Prozess der „Selbst-Befriedigung“, wenn man das so nennen darf.

Mittlerweile gibt es einfach ein Überangebot an Bildmaterial von Microstock-Agenturen, die Bilder von Amateuren oder Halbprofis vermarkten, ja, den Markt regelrecht überschwemmen. Was zu der Frage führt: Wie kann man als Profi-Reisefotograf in der heutigen Zeit überleben, sein Auskommen haben?

Gerne vergleiche ich die Fotografie mit dem Schreiben. Praktisch jede und jeder kann schreiben (oder glaubt, schreiben zu können), aber nur wenige so gut, dass andere auch bereit sind, dafür zu bezahlen. Da gilt es, viel Überzeugungsarbeit zu leisten, Strategien zu entwickeln, auch Nischen entdecken. Der Markt ist knallhart, auch für einen wie mich, der seit einem Vierteljahrhundert als Reisefotograf in der weiten Welt unterwegs ist.

Mischung aus Einnahmequellen

Für das persönliche Survival ist eine gesunde Mischung aus Einnahmequellen erforderlich. In meinem Fall sind das vor allem Auftragsarbeiten für Kunden aus der Touristik (Fremdenverkehrsämter, Reiseveranstalter, Reedereien), aber auch Direktverkäufe an bzw. Aufträge für Magazine/Verlage, einige Selfpublishing-Projekte – und natürlich Erlöse über Bildagenturen. Über die Bilddatenbanken der Bildagenturen werden meine Bilder weltweit verbreitet. Und glücklicherweise werden meine Arbeiten von den marktführenden Anbietern (Getty Images und Lookphotos) repräsentiert, die auch noch adäquate, wenn auch sinkende Honorare für Bildnutzungen verlangen. Extrem im Sinkflug begriffen sind übrigens auch Honorare bei Zeitschriften und Zeitungen. Noch extremer: die „pro Bild“-Erlöse bei Bildbänden und Reiseführern. Die sind fast schon unverschämt niedrig. Eine besondere Herausforderung ist es also für Bildredaktionen, die nicht nur mit dem Angebotsüberschuss zu kämpfen haben, sondern auch mit dem Druck der Verlagshaus-Controller. Da heißt es: Preise drücken, Preise drücken.

Farbkontraste im portugiesischen Porto; Foto: Holger Leue

Eigen-Präsentation

Will man sich trotzdem gut positionieren, ist natürlich die Eigen-Präsentation wichtig. Qualität und Zuverlässigkeit unterstreiche ich dadurch, dass ich nicht ohne Stolz heraushebe, dass ich Auftragsarbeiten in über 100 Ländern umgesetzt habe und meine Fotos bereits in mehr als 100 Bildbänden, Reiseführern und Kalendern sowie in zahlreichen Zeitschriften erschienen sind.

Aber es gibt auch eine Art dauerndes „Tagesgeschäft“, um auf sich aufmerksam zu machen, sich aus der Masse und der Konkurrenz abzuheben. Viel Wert habe ich auf die Konzeption und Verwirklichung meiner umfangreichen Website www.leue-photo.com gelegt, auf der mehr als 10 000 Highlights aus aller Welt in geographisch angeordneten Galerien zu sehen sind. Und über Social Media bringe ich meine Arbeiten (und entsprechend die Produkte meiner touristischen Kunden) einem breiteren Publikum näher, ob über Facebook oder Instagram. Spielerischer Clou: Jeden Tag poste ich ein Bild – entweder „live“ von einer Auftragsproduktion, oder aber eines, das an dem Kalendertag der Veröffentlichung fotografiert wurde. Das ist der Vorteil eines über Jahre kreierten und sorgsam gepflegten Bildarchivs.

Lichterschlange vor dem Leuchtturm auf Formentor / Mallorca (Foto: Holger Leue)

Fotos und Texte

Gerne und oft kooperiere ich mit PR-Agenturen, doch nur die wenigsten betrachten die Reisefotografie als so wichtig wie Reisetexte. Ein Grund ist sicherlich, dass man „nur“ Fotos nicht so einfach in hochkarätigen Medien platzieren – und sich den entsprechenden Werbewert schönrechnen kann. Doch hochwertige Fotos sind meiner bescheidenen Meinung nach ebenso wichtig wie ein guter Text – oder sollten zumindest so von der Touristik samt PR-Maschinerie so gesehen werden. Insbesondere bei Reisethemen ist der perfekte Aufmacher immens wichtig – denn nur mit echten Eyecatchern fängt man den Leser.

Win/win für alle ist, wenn Top-Autor und Top-Fotograf zusammenarbeiten. Nicht zwingend gemeinsam reisend (das geht von den unterschiedlich ausgelegten Ansätzen der Recherche oft gar nicht), aber durch Absprachen, die sich bestens ergänzen und dann zum Ganzen fügen. Philosophisch gesprochen: Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.

Überzeugendes Potenzial

Meine Kunden aus der Touristik versuche ich so zu überzeugen: Nicht nur höchste Qualität für die Erstverwertung, sondern mit Potenzial für viele weitere Veröffentlichungen. Also durch weitere ergänzende Direktverkäufe an Publikationen, und ganz besonders durch mögliche Nutzungen über Bildagenturen. Nehmen wir als konkretes Beispiel das Thema Kreuzfahrt, einen meiner Schwerpunkte. Wenn man bei der Bildagentur Getty Images den Suchbegriff „cruise ship“ eingibt, werden derzeit 10 499 Bilder angezeigt – und stolze 1708 davon wurden von mir fotografiert. Natürlich sind die Schiffe, mit denen ich am häufigsten unterwegs war, entsprechend überproportional vertreten. Das gibt meinen Kunden besonders gute Aussichten, denke ich.

Der Blick von oben auf die Bucht von Primorje-Gorski Kotar in Kroatien. (Foto: Holger Leue)

Der perfekte Augenblick

Während in der Bilderflut, die über die Bildschirme der Welt schwappt, die Qualität oft zu wünschen übrig lässt, versuche ich, dass man meinen Bildern ansieht (und da dürfte ich stellvertretend für meine Kollegen sprechen), dass sie eine Seele haben. Natürlich gehören erstklassiges Equipment und optimale Technik dazu. Doch die Kamera ist lediglich ein Werkzeug – ein wirklich gutes Bild entsteht oftmals hinter dem Sucher. Es gilt, einen Moment auf kunstvolle Weise einzufangen. Nicht als Schnellschuss wie bei Laien, sondern beflügelt von einer Mischung aus Handwerk, Kunst, dem persönlichen Hang zur Perfektion. Das Resultat kann dann spielerisch leicht aussehen. Doch oft genug wird vergessen, was für eine Menge an Arbeit dahintersteckt. Ich stelle immer höchste Ansprüche an mich selbst (auch wenn natürlich nicht immer alles klappt).

Jeder Tag, den ich unterwegs verbringe (auf Montage, wenn man so will), ist jedoch nur Teil des Gesamtbildes – und alles andere als Urlaub, um einem gängigen Vorurteil entgegenzutreten, sondern die stete Suche nach dem besten Licht, der besten Perspektive.

Riesiger Aufwand, großes Gewicht

Für jeden Produktionstag benötigt es mindestens noch einen Bürotag, um die erforderlichen Bearbeitungen vorzunehmen: z.B. das aufwändige Sichten und Filtern des Bildmaterials, das Optimieren der RAW-Dateien unter Nutzung eines ausgefeilten Programms, schließlich noch das akribische Beschriften und die systematische Archivierung der Bilder.

Und wo wir jetzt einmal beim spezielleren Teil sind: Ich habe unterwegs – im Gegensatz zu „Handy-Discounter-Fotografen“ – wirklich immer viel zu schleppen: zwei zwei Canon Vollformat-Kameras, lichtstarke Objektive mit extremem Weitwinkel- und Telebereich, Blitzgerät, eine Kompaktkamera, eine GoPro, ein Karbonstativ, ein MacBook, mehrere Backup-Laufwerke und sogar eine DJI Mavic Pro-Drohne, die hochauflösende Aufnahmen aus der Vogelperspektive ermöglicht.

Wer hätte jemals gedacht, dass eines Tages Kameras fliegen können? Die Kunden von mir sind jedenfalls begeistert von solch außergewöhnlichen Luftaufnahmen – ein weiterer guter Ansatz, denke ich, um sich von Low-Budget-Anbietern abzuheben. Was zählt, ist Qualität. Und die hat halt ihren Preis. „You get what you pay for“ und „Was nichts kostet, ist auch nichts“ sind Sprüche, die ihre Berechtigung haben – auch in der Reisefotografie.

Dies ist ein Artikel aus der aktuellen Ausgabe des Columbus-Magazins.

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