Silberner Columbus für die beste journalistische Leistung: Andrea Böhm, ZEIT-Magazin

Andrea Böhm: Die Flut ist zurück

Erschienen in Die Zeit

Textauszug

Das Wasser ist kaum einen Meter tief, zu flach für den Außenbordmotor. Unvermittelt öffnet sich die Landschaft. Wir gleiten auf einen See. Hören nur noch die Bugwellen und das rhythmische Eintauchen des Stocks, mit dem der Bootsführer das mashouf voranschiebt. Starren wie hypnotisiert auf das Wasser, blinzeln kurz, wenn ein Eisvogel in leuchtendem Türkis im Sturzflug einen Fisch aus dem See erbeutet. Ein schwacher Wind raut den See ein wenig auf, die Welt, die sich auf der Oberfläche des Wassers spiegelt, scheint zu schwingen. Silbrige Fischschwärme gleiten am Boot vorbei. Hundert Meter weiter sitzen ein Mann und eine Frau in ihrem Boot, fast regungslos, nur ihre Hände bewegen sich, um Netze einzuholen. So könnte es bleiben. Einfach sitzen, schauen, jedes noch so leise Geräusch auskosten.

Alasadi sieht mich triumphierend an. Er weiß, welchen Rausch diese Landschaft bei Neuankömmlingen auslöst. Und wie man die mit ein paar Worten wieder aus der Verzückung reißt. „Vor ein paar Jahren“, sagt er, „war das alles Salzwüste. Saddams Wüste.“

 

Begründung der Jury:

Die Gewinnerin der Kategorie Beste journalistische Leistung ist Andrea Böhm. Die im Libanon stationierte Nahost-Korrespondentin der Wochenzeitung Die Zeit, Jahrgang 1961, macht sich auf die Suche nach dem biblischen Garten Eden – im Irak. Obwohl man „sturzbetrunken oder Selbstmordattentäter sein [muss], um heute die Wörter ,Paradies‘ und ,Irak‘ im selben Satz auszusprechen“, wird sie im Marschland Al-Ahwar fündig: Vor Jahren mietete hier der Ingenieur Jassim Alasadi einen Bagger, riss ein Loch in die betonierte Ufermauer des Euphrats und verwandelte „Saddams Wüste“ wieder in eine berauschende Landschaft. Die „spektakuläre Geschichte“ (Antje Blinda) ist nicht nur „sehr bildend“ (Dr. Heidrun Braun) und „wahnsinnig kenntnis- und detailreich“ (Philipp Laage), sondern stellt auch einen „interessanten Gegenpol zu all den Negativschlagzeilen dar, die sonst aus dieser Region kommen“ (Mona Contzen), begründet die Jury ihr Urteil.