Reiseführer: Hungrige Gäste sind lästig!

Dr. Martin Wein

Eine gelungene Gruppenreise funktioniert wie eine gute Reportage. Als Reiseleiter lernt man nebenher gleich seine journalistische Zielgruppe und ihre Bedürfnisse kennen. Martin Wein weiß, wovon er spricht: Er ist Journalist und Reiseleiter.

Es muss jetzt schnell gehen. „Ein Traum im Süden“ war das Programm dieser Dalmatien-Reise überschrieben. Acht Tage Sonne zwischen Kotor im Süden und Zadar im Norden. Doch gerade peitscht ein Oktober-Sturm Regengüsse über die östliche Adria. 25 Reisegäste stapfen unter Pelerinen und tanzenden Regenschirmen durch knöchelhohe Bäche immer dem Reiseleiter hinterher. Ein Besuch der angeblich größten Befestigungsanlage Europas steht hier in Vieliki Ston am Eingang zur gewöhnlich malerischen Halbinsel Peljesac eigentlich auf dem Programm. Anschließend soll es in die Salinen gehen und am Nachmittag auf die Insel Korçula.

Doch bei diesem Wetter ist das alles Makulatur. Um die Zeit anders zu nutzen habe ich noch im Bus eine Kostprobe der hier gezüchteten Austern versprochen – notgedrungen im Blindflug. Ob und zu welchem Preis es die Meeresfrüchte auf die Schnelle gibt, steht in den Sternen. Die Restaurants auf der Hauptgasse erscheinen mir stark frequentiert und entsprechend teuer. Also beherzt abbiegen in eine Seitengasse. Und ja keine Unsicherheit aufkommen lassen.

Bloß keine Unsicherheit

Eine gelungene Gruppenreise funktioniert wie eine gute Reportage. Sie hat einen Einstieg, Höhepunkte und Ruhephasen, Erklärzeiten und ein Finale. Als ich vor Jahren gefragt wurde, ob ich gelegentlich mal eine Studienreise betreuen wollte, habe ich deshalb sofort zugegriffen. Seither gehe ich für eine Volkshochschule ein- bis zweimal im Jahr mit Gefolge auf Tour und zeige nicht selten das, was ich auf meinen Recherchereisen vorher entdeckt habe. Dabei kommt man der eigenen Zielgruppe erfreulich nahe. Denn Menschen, die sich einem Reiseleiter anvertrauen, sind meist in der zweiten Lebenshälfte und haben fast immer auch mindestens ein Zeitungs-Abo. Schnell lernt man, was ihnen wichtig ist – und was man ihnen zumuten kann.
Das ist, kurz gesagt, eine ganze Menge, solange die Gäste sich sicher fühlen und das Gefühl haben, etwas Besonderes zu erleben. Auf Island bin ich mit einer Gruppe mal nachts um 23 Uhr auf Wal-Safari gegangen, weil sie es gerne wollte und sonst keine Zeit dazu war. Die
Sonne schien am Horizont, wir hatten die
Bucht für uns allein, der Buckelwal blies und geangelt wurde auch noch. Da die Fische dann im Hafen noch frisch gegrillt wurden, ist es sehr spät geworden – aber alle waren glücklich. Mit den Anforderungen von Automaten-Check-in, Bodyscannern, automatisierter Passkontrolle und langen Wegen – etwa in Frankfurt zum Gate A 89 – sind diese Reisenden allerdings allein oft überfordert. Und die Airlines, Flughäfen oder auch die Bahn lassen sie einfach stehen.

Improvisationstalent ist wichtig

Wie damals auf Island muss ich auch in Dalmatien improvisieren. Aus einer offenen Tür in Vieliki Ston schaut ein Mann in den Regen. Durch das Fenster daneben ist eine urige Gaststube zu sehen – mit Spitzendeckchen und allerhand Fotos und Bildern an den Wänden. Genau das Richtige. „Zwei Austern und ein Glas Wein dazu jeweils für 25 Leute – was kostet das?“, frage ich leise, aber bestimmt. Ein Glücksfall. Der Mann ist geschäftstüchtig und die Freundlichkeit in Person. „4,50 € pro Mann mein Freund – kommt nur alle rein“, ruft er. Minuten später sitzen alle im Trockenen und das schlechte Wetter ist für die nächste Dreiviertelstunde erst einmal vergessen. Nach Korçula fahren wir dann eben morgen ganz früh. Auch der Tag in Dubrovnik beginnt schon um 7.30 Uhr, damit wir die wunderschöne Altstadt wenigstens für zwei Stunden fast für uns haben. Als die anderen Busladungen kommen – der Besuch ist zum Glück auf einen Tag ohne Kreuzfahrtschiff terminiert – sind wir schon im Rektorenpalast. Den meiden fast alle Gruppen wegen des Eintrittsgeldes.

Zwei Tage später geht es nach Montenegro. Dass Busfahrer Mario nur bruchstückhaft Deutsch spricht und kein Wort Englisch, weiß ich inzwischen. Das macht es nicht einfacher, denn Absprachen sind kaum möglich. Zum Glück habe ich für den Tag in Slobodan einen lokalen Kollegen. Der macht Mario schnell klar, dass wir wegen schlechten Wetters nicht die Passstraße über die Berge nehmen wollen. Lieber eine Kaffeepause im Grandhotel Splendid, das angeblich dem James-Bond-Film „Casino Royale“ von 2006 als Kulisse diente.

Als wir dort einfahren, kommen auch andere Busse, dazu schwarze Limousinen und Polizisten auf Motorrädern. Ein Page eilt auf unseren Bus zu, aber ein Typ mit schwarzer Sonnenbrille schüttelt den Kopf. Eine Delegation der NATO wird eben erwartet, um über den Beitritt des kleinen Landes zu verhandeln. Die Sicherheitskräfte sind aufgeregt. Besser wäre es, wenn wir schnell abreisen würden. Doch jetzt werden die Gäste unruhig, die zu Recht auf eine Kaffee- und Sanitärpause warten. Ins Hotel sind es noch zweieinhalb Stunden Fahrt. Das geht nicht in einem Rutsch.
Slobodan schlägt die neue Luxus-Marina Porto Montenegro vor und schwärmt am Mikrofon vom süffigen Wein der Gegend. Den probieren wir schließlich an der Marina – aus Zeitgründen zahle ich die Rechnung. Die späte Rückkehr ins Hotel ist mir damit verziehen. Alle sehen ein: Es ging nicht schneller. Die meisten Konflikte auf Reisen entstehen, wenn Gäste sich nicht ernst genommen fühlen. Man muss ihnen deshalb erklären, warum Dinge nicht wie zu Hause sind und wie man damit umgeht. Und man braucht ein kleines Budget für Unvorhergesehenes. Im Hotel Adlon hat jeder Mitarbeiter dafür 1000 Euro im Monat – und braucht nicht einmal 50! Ein Reisetag hat zehn, maximal zwölf Stunden. Das ist anstrengend für jeden. Deshalb nie zu viel Information auf einmal – und das Wichtigste: möglichst mehrfach. Schließlich kann man eine kleine Unterhaltung zwischendurch niemandem verübeln.
Viele Guides machen es sich einfach und geben möglichst viel Freizeit. Doch schlecht vorbereitet und im Augenblick überfordert, wissen die wenigsten Reisenden damit wirklich viel anzufangen. Es kommt also auf die richtige Dosis an und geeignete Optionen. Die Gäste sollen sich ja nicht ausgesetzt fühlen, sondern als mutige Entdecker in die Fremde eintauchen. Ein ausgeteilter Stadtplan vor dem Rundgang beruhigt, auch wenn ihn im Zweifel niemand brauchen wird. Eine professionelle Kollegin hat mir mal ihr persönliches Überlebensmantra anvertraut. „Ich sag dir eins: Hungrige Gäste sind lästig.“

Legendäre Picknicks

Das habe ich immer beherzigt. Gerade auf Naturreisen sind unsere Picknicks inzwischen legendär. Die Leute lieben es, wenn mein Tischleindeckdich mitten im nichts steht. Lachs und Kaviar braucht es da nicht – Brot, Käse, Wurst, Tomaten, Obst, Joghurt und ein paar Kekse zum Kaffee aus der großen Thermoskanne reichen völlig aus. Natürlich haben wir in Alaska zusammen gegrillt – zum großen Erstaunen unseres dortigen Fahrers. Der hatte viel zu viel Angst vor Bären und blieb lieber im Bus.
In Dalmatien braucht es solche Übungen natürlich nicht. Aber als am vierten Abend der Service beim Abendessen nicht funktioniert und die rosa Törtchen vom ersten Abend immer noch auf dem Büfett auf Liebhaber warten, marschiere ich in die Küche. Die Köchin fährt für uns eine große Kuchenplatte auf. Ihr Engagement beruhigt die Gemüter. Und dann sollen alle natürlich auch etwas mit nach Hause nehmen – neben Fotos und Souvenirs vor allem ein Gefühl für das Land, seine Menschen und seine Geschichte. Da die meisten lokalen Guides noch immer mit einem Schwall von Daten, Begriffen und Namen jonglieren, bleibt nur bei den wirklich Interessierten etwas hängen. Im Vorfeld komprimiere ich alle Informationen auf das Wesentliche. Woran sollen sich die Gäste später noch erinnern?

Die Kathedrale in Sibernik ist wunderschön und böte viel Anlass zu einzelnen kunsthistorischen Betrachtungen. Sensationell aber ist ihr Gewölbe. In einem einzigen breiten Bogen spannt es sich ganz ohne Mörtel über das Kirchenschiff. Sehenswert ist auch das filigrane Taufbecken in einer Nebenkapelle. Das sage ich und erspare uns auch nicht den Extra-Eintritt dafür. Heikel auf Reisen sind für mich immer besonders der erste und letzte Tag. Am Anfang sind die Erwartungen hoch und die Skepsis ist groß. Man kennt sich noch nicht untereinander.

Sekt, Häppchen, gute Gespräche

In Dalmatien angekommen, hat die Gruppe schon einen langen Tag hinter sich. Das Hotel ist gut, aber erst für die kommenden Tage ist schönes Wetter angesagt. Ein Glas Sekt mit Häppchen und eine Vorstellungsrunde öffnen die Gesprächskreise. Niemand soll außen vor bleiben. Bei anderen Reisen haben wir schon Bingo oder Stühlerücken gespielt. So etwas schweißt zusammen. Am letzten Tag wächst auch nach der schönsten Tour die Unruhe vor der Rückreise. Die Gruppe beginnt sich aufzulösen.
Für mich ist ein Reiseprogramm trotzdem erst am Flughafen zu Ende. Bis dahin soll niemand stundenlang auf gepackten Koffern sitzen und an Zuhause denken – schon gar nicht aus Langeweile. In Dalmatien schlage ich deshalb noch einen Besuch im neuen Kunstmuseum in Split vor. Danach gibt es ein zünftiges Mittagessen und eine Stadtführung in Trogir. Ein Juwel zum Schluss. Die Stadt liegt nur zehn Minuten vom Flughafen entfernt. Eine kürzere Transferzeit ist nicht möglich.
Auf diese Weise jammert niemand darüber, dass alle schon um zehn Uhr die Zimmer räumen müssen und wegen des späten Fluges erst nach Mitternacht zu Hause sind. Und dass uns Slobodan mit dem Hotel Splendid in Montenegro einen Bären aufgebunden hat, bekommt auch niemand mit. Zwar spielt „Casino Royal“ im Land, aber für die Dreharbeiten logierte die Filmcrew in Karlsbad.

Martin Wein

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