Lang, bunt und schön

Redaktion von Tagesschau / ARD Aktuell in Hamburg (Foto: Hektor Haarkötter)
Redaktion von Tagesschau / ARD Aktuell in Hamburg (Foto: Hektor Haarkötter)

Multimedia-Reportagen als neuartige Darstellungsform im Online-Journalimus
von Hektor Haarkötter

Die Multimedia- oder Web-Reportage ist vielleicht die erste wirklich genuin online-journalistische Darstellungsform. Ihre Produktion ist ohne digitale Werkzeuge nicht denkbar, ihre Rezeption ist gebunden an eine digitale Laufzeitumgebung – etwa einen Webbrowser oder eine Smartphone-App. Gleichzeitig ist sie die Erzählform, die schlagkräftig unter Beweis stellt, dass Onlinejournalismus keineswegs nur Häppchenjournalismus sein muss und aus möglichst kurzen Textbites zu bestehen hat. Denn solche Multimedia-Reportagen zu lesen, anzuschauen und anzuhören, kann gehörig Zeit in Anspruch nehmen. In diesem Beitrag wollen wir uns darum mit diesen online-journalistischen Erscheinungsformen auseinandersetzen, die auch als „longform journalism“ bezeichnet werden. Wir werden sehen, was „digitales Erzählen“ heute ausmacht und – vor allem – wie man es selbst machen kann.

Die Multimedia-Agentur 2470media logiert, wie man das von einem onlinejournalistischen Startup auch erwartet, standesgemäß in einem Loft im Berliner Wedding. 2470media hat sich komplett auf digitales Storytelling spezialisiert und in Deutschland wesentlich zur Entwicklung von Multimedia-Reportage, Webreportage oder Multistory beigetragen. Die u.a. mit dem Grimme-Online-Award ausgezeichneten Stücke kombinieren multimodal Foto, Video, Text und weitere grafische Elemente. In einer dieser neuartigen Reportagen wird die Schweizer Fotografin Daisy Gilardini porträtiert, die sich auf Tierfotografie in arktischen Regionen spezialisiert hat. Für sie bietet die neue Darstellungsform mit ihrer Kombination aus Film-, Foto- und Textelementen die Möglichkeit, mal nicht in schnellen Schnitten zu berichten, sondern „entschleunigtes Erzählen“ zu bieten. Denn Multimedia-Reportagen haben Zeit…

Longform journalism

„Fasse dich kurz!“ ist die Regel, die Web-Usability-Experte Jakob Nielsen Onlinejournalisten mit auf den Weg gibt. Doch es gibt auch Gegenanzeigen, denen zufolge in der Kürze auch digital nicht immer die Würze liegt. Mit dem „longform journalism“ kehrt journalistisches Erzählen im Internet an seine technologischen Wurzeln zurück, denn das World Wide Web mit seiner Sprache HTML (Abkürzung für: Hypertext Markup Language) hat ja ursprünglich den Text als Erzählmedium von den längenmäßigen Beschränkungen des nur gedruckten Texts befreien wollen. Einige herausragende Beispiele zeigen, dass auch lange Erzählformen im Internet Leserinnen und Leser finden: David Granns 16 000-Wörter-Artikel über eine möglicherweise unrechtmäßige Hinrichtung auf der Internetseite des New Yorker brachte es auf nahezu 4,5 Millionen Abrufe. Die Multimedia-Reportage „Snowfall“ auf der Internetseite der New York Times, die manchen als Paradebeispiel dieser neuen Gattung gilt, fand in einer Woche über 3,5 Millionen Leser – und das, obwohl ihre komplette Lektüre inklusive aller integrierten Webvideos mehrere Stunden in Anspruch nimmt.

Screenshot „Snowfall“

Am 19.Februar 2012 gerieten 16 Extremsportler bei einer riskanten Freeskiing-Tour am Tunnel Creek in den Cascades im Nordwesten der USA in eine Lawine. Vier von ihnen wurden unter ihr begraben, nur einer überlebte. Der amerikanische Sportjournalist John Branch schrieb über dieses Unglück eine Reportage, für die er sechs Monate lang recherchierte. Die New York Times machte daraus eine Multimedia-Reportage: Snowfall. Mit diesem Webfeature hat die alte Dame aus New York so sehr Maßstäbe für diese neue journalistische Darstellungsform gesetzt, dass heute manchmal das Verb „snowfallen“ für die Erstellung dieser Art von Scrollytelling-Reportagen benutzt wird. Stilbildend ist diese Reportage vor allem, weil die Macher sich auf die Story und damit auf den Text konzentrieren. Die multimedialen Elemente, vor allem Videointerviews, aber auch viele Animationen und Grafiken, reichern die Geschichte nur an, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Zum ästhetischen Eindruck von Snowfall gehört auch das „parallax scrolling“ (es scheint dabei, dass die einzelnen Ebenen auf der Webseite sich unterschiedlich schnell bewegen, sodass der Eindruck einer Bewegung in der Bewegung entsteht).

Technisches Vorbild für Snowfall ist die Multimedia-Reportage „Glitter in the Dark“ über die Sängerin Natasha Kahn und ihre Band, die auf der einflussreichen Independent-Website PITCHFORK.COM erschienen ist.

Die ehemalige Chefredakteurin der New York Times, Jill Abrahmson, hat zusammen mit dem Journalisten Steven Brill eine Internet-Plattform für „longform journalism“ ins Leben gerufen: Jeden Monat soll dort ein lang erzählter, ein „perfekter“ Beitrag erscheinen, für dessen Produktion bis zu 100 000 Dollar zur Verfügung stehen sollen. Die hohe Summe darf nicht verwundern, denn der technische und personelle Aufwand für diese exemplarischen Ausführungen eines neuen „digital storytelling“ ist groß. Die „Credits“ unter der Snowfall-Reportage führen 16 Mitwirkende auf, die nach Bekunden des Autors und Reporters John Branch sechs Monate lang an dem Werk gearbeitet haben. Auch das crossmediale Projekt „Mein Vater, ein Werwolf“, das Redakteur Cord Schnibben als Beauftragter für digitale Neuentwicklungen gleichzeitig für das Nachrichtenmagazin Spiegel, spiegel online und Spiegel TV entwickelt hat, zählt mehr als 20 Projektbeteiligte.

Screenshot „Mein Vater, ein Werwolf“

Die Netzreportage „Am Berg der Fahrrad-Verrückten“ auf Zeit online ist ebenfalls beispielhaft für die neue Darstellungsform. Ein Porträt über die Familie Castillan, die auf L’Alpe d’Huez, der berühmten Bergetappe der Tour de France, ein Hotel betreibt, wird ergänzt um eine Geschichte dieses Fahrradrennens, die Technikentwicklung der Rennräder, medizinische Informationen zum Blutdoping und einen Leistungsvergleich von Profi- und Amateurradlern – ein Gesamtkunstwerk, eine Multistory.

Screenshot „Am Berg der Fahrrad-Verrückten“

Johannes Klaus, der schon mit seinem Blog reisedepeschen Furore gemacht und u.a. den Grimme Online-Award gewonnen hat, hat mit travelepisodes eine Plattform für Reisereportagen geschaffen, die ausschließlich mit „Scrollytelling“ funktioniert. Viele bekannte Reisejournalistinnen und Reisejournalisten stellen hier das Material zur Verfügung, aus denen Klaus, im Hauptberuf Webdesigner, Multimediareportagen zusammenstellt. Die Geschichten sind so beliebt, dass sie auch den Weg zurück in die „Holzklasse“ der analogen Medien gefunden haben und schon in einem zweiten Band ganz traditionell als Buch erschienen sind.

Es gibt durchaus Gründe, solche Erzählformen mit ihrer neuartigen Kombination aus und der Integration von (langem) Text, grafischen sowie Audio- und Videoelementen als eine neue journalistische Darstellungsform anzusehen und vielleicht als die erste wirklich genuine Online-Erzählform – von sehr experimentellen Formen der Webfrühzeit vielleicht abgesehen.

Wie bei allen echten Innovationen sind am Anfang noch nicht einmal die Begrifflichkeiten recht klar: Sprechen wir von „Multimedia-Reportagen“, von „Multi-Storys“, von „digital storytelling“, von „long reads“? Egal welchen Namen das Kind am Ende erhalten soll, für den redaktionellen Alltag sind, worauf auch John Branch hinweist, solche ausufernden Erzählprojekte viel zu aufwändig.

Was nottut, sind also technische Werkzeuge, die die Herstellung solcher Formen von „longform journalism“ vereinfachen, den personellen und zeitlichen Aufwand minimieren und die Produktion solcher erzählerischen Beiträge in die (online-journalistischen) redaktionellen Abläufe (beispielsweise in die je hauseigenen Content- Management-Systeme) einpassen lassen.

Digitales Storytelling

Die neuen Formen des faktualen Ezählens im Internet – etwa in der Art des „longform journalism“ – finden heute oft in der Gestalt der „Onepager“ statt. Als Onepager werden Websites bezeichnet, die aus einer einzigen HTML-Seite bestehen. Der Begriff „Onepager“ ist also eigentlich die Kurzform des Terminus „Onepage-Website“. Auf einem Onepager werden die Inhalte komplett auf einer langen, nach unten laufenden Seite präsentiert. Die einzelnen Bereiche sind häufig durch grafische Elemente voneinander abgegrenzt und bilden so einzelne Sektionen, Abschnitte oder Kapitel. Diese sind durch Scrollen oder Navigation mit Sprungmarken direkt ansteuerbar.

Navigiert wird innerhalb des Webauftritts, nicht mehr wie beim klassischen Hypertext, indem von Link zu Link geklickt wird, sondern durch einfaches Scrollen auf ein und derselben Webseite – was nicht bedeutet, dass nicht Hyperlinks in den Erzählfluss eingearbeitet sein können. Das hat auch damit zu tun, dass heute, wie man schon in der ARD/ZDF-Onlinestudie 2014 nachlesen kann, mehr als 50 Prozent der Zugriffe auf online-journalistische Inhalte über mobile Endgeräte, also Smartphones und Tablets, erfolgt. Bei diesen Endgeräten mit Touchbedienung weist das Scrollen eine höhere Nutzerfreundlichkeit gegenüber hergebrachten Menü oder Linkstrukturen auf. Diese Art von Storytelling wird darum auch als „Scrollytelling“ bezeichnet.

Ein weiteres wesentliches Merkmal digitalen Storytellings ist, dass es integrativ ist: Es kombiniert und integriert verschiedene Medientypen und -quellen. Entsprechend könnte man digitales Storytelling auch als „konvergentes Storytelling“ bezeichnen. Es gibt hier Überschneidungen, aber auch Abgrenzungsprobleme zu Begriffen wie multimediales oder crossmediales Storytelling. Häufig werden Arbeiten des digitalen Storytellings als „Multimediastory“ oder „Multistory“ bezeichnet. Allerdings taugen diese Termini womöglich nur bedingt, um wirklich innovative Darstellungsformen zu definieren – immerhin war „Multimedia“ schon im Jahr 1995 „Wort des Jahres“. Schließlich integriert auch ein Fernsehfeature Erzählelemente aus diversen Quellen (Bild, Ton, Grafik, Musik, Animation etc.).

Aller Anfang: Das Storyboard

Wie bei jeder Reportage und eigentlich überhaupt bei jedem professionell zu erzeugenden journalistischen Beitrag bedarf es vor dem Loslegen der Planung. Bei der Multimedia-Reportage gilt dies umso mehr, damit die multimodalen Mittel auch effektiv zum Einsatz kommen und gut ineinandergreifen. Als probat hat es sich erwiesen, ein Storyboard zu erstellen. Ein Storyboard ist die skizzenhafte Visualisierung eines erzählerischen Ablaufs in seiner zeitlichen Folge. Besonders bei zeitbasierten Darstellungsformen bietet sich diese Form der Vorab-Visualisierung sehr an. Effektiv ist, wie in einem Comicstrip für jeden Bildschirminhalt oder jede Bildschirmportion einen eigenen Kasten vorzusehen und ihre Beziehungen und Links untereinander mit Strichen kenntlich zu machen. Das Storyboard sollte neben dem jeweiligen Inhalt der journalistischen Erzählung auch kenntlich machen, in welcher Form das jeweilige Erzählelement dargeboten wird, also ob als Text, als Grafik, als Video etc.

Werkzeuge zum Selbermachen

Wer heute selbst „Multimedia-Reportagen“, „Scrollytelling-Reportagen“ oder „Multi-Storys“ produzieren will, muss kein Heer von Programmierern und Grafikern mehr in der Hinterhand haben. Es gibt (kostenlose) Tools, die es recht einfach machen, auf spielerische Art solche neuartigen Reportagen herzustellen. Hier sollen beispielhaft drei vorgestellt werden:

  • Sway ist ein webbasiertes Programm aus dem Hause Microsoft und zählt offiziell zur MS Office-Suite, wo es sogar als „Powerpoint-Killer“ gehandelt worden ist. Es ist in der Bedienung durchaus komplex, bietet dafür aber gestalterisch auch viele Möglichkeiten. So lässt sich die Laufrichtung des „Scrollytellings“ frei definieren (also nicht nur vertikal von oben nach unten) und es lassen sich relativ bequem vorhandene Powerpoint-Präsentationen importieren. Die Integration von Mediendateien jeder Art sind bei diesem wie den ähnlichen Tools eine Selbstverständlichkeit.
  • Spark ist ein ebenfalls webbasiertes Programm aus dem Hause Adobe, das mit Programmen wie Photoshop, dem Videoschnittsystem Premiere oder dem Vektorgrafikprogramm Illustrator bereits Marktführer im Bereich der Multimedia-Software ist. Spark bietet verschiedene Modi der Nutzung, je nachdem ob man Multimedia-Reportagen oder die in Social Media beliebten Text-Bild-Collagen herstellen möchte. Stärke der Anwendung ist eindeutig die Präsentation von Fotos und Illustration und deren Kombination mit Textelementen, aber genau das macht sie für (reise-)journalistisches Scrollytelling interessant.
  • Pageflow.io ist eine Anwendung, die aus der Onlineredaktion des Westdeutschen Rundfunks stammt, die auch die anschaulichsten Beispiele für mit Pageflow erstellte Reportagen ins Netz gestellt hat (reportage.wdr.de). Pageflow bietet eine große Variabilität an gestalterischen Möglichkeiten, neben der Einbindung von Audio- und Videomaterial beispielsweise auch Vorher-Nachher-Vergleiche und einige typographische Gestaltungsoptionen. Pageflow ist weniger eine Anwendungssoftware als ein serverbasiertes Mini-Content-Management-System. Dieses ist quelloffen und kann kostenlos installiert werden, hat dafür aber einige etwas exotische Ansprüche an die Serverumgebung. So arbeitet es ausschließlich mit dem Web Application Framework „Ruby on Rails“ zusammen. Es gibt aber kommerzielle Angebote, bei denen der Storyteller gegen Bezahlung um diese Schwierigkeiten herumkommt.

Bei der Auswahl der digitalen Werkzeuge ist darauf zu achten, in welcher Weise der eigene Beitrag am Ende publiziert werden soll. Soll er in die eigene Website integriert werden und kann er in der Laufzeitumgebung des Softwareherstellers verbleiben? Letzteres ist für viele professionell arbeitende Redaktionen eher unwahrscheinlich, zumal auch die hoffentlich hohen Klickzahlen und damit die „Währung“ des Internets nicht für die eigene Seite zählen und damit eine Monetarisierung über Onlinewerbung nicht möglich ist. Also ist zu prüfen, ob die Software einen „embedding code“ zur Verfügung stellt, mit dem die fertige Reportage in die eigene Internetseite eingebettet (embedded) werden kann.

Manches digitale Werkzeug bietet diese Möglichkeit nur um den Preis, dass das fertige Produkt mit dem Logo des Softwareherstellers „gebrandet“ ist – auch das ist nicht jedermanns und jeder Redaktion Sache.

Ausblick für Reisejournalisten

Multimedia-Reportagen sind eine faszinierende neue Möglichkeit der journalistischen Produktion, vor allem wenn man bei der Recherche viel eigenes Medienmaterial in Form von Bildern, Videos oder Sprachaufnahmen gesammelt hat. Damit ist diese Gattung natürlich prädestiniert für den Reisejournalismus. Es gibt kaum eine bessere Art, große Mengen an Multimedia-Material einem Publikum auf augenfällige Art und Weise zu präsentieren und mit informativem Text zu kombinieren. Die Einarbeitung in die webbasierte Software erfordert gar nicht so viel Computer-Know-How und lohnt die Mühe.

Zur Person

Hektor Haarkötter, Prof. Dr., lehrt Kommunikationswissenschaft mit Schwerpunkt politische Kommunikation an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg. Zuvor hat er viele Jahre als Filmemacher und Regisseur gearbeitet und dafür unter anderem auch den Columbus-Filmpreis in Gold gewonnen.

Lesetipp:

Im Herbst 2018 erschien von unserem Autor im Herbert von Halem Verlag Journalismus.online – Das Handbuch des Online-Journalismus (ca. 400 S.) mit vielen Tipps und Tricks auch zu Multimediareportagen.

ISBN 978-3-7445-1108-7, 35,00 Euro

Dies ist ein Artikel aus der aktuellen Ausgabe des Columbus-Magazins.

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