Columbus Autorenpreis 2019 in Gold für die beste journalistische Leistung: „Wie ich nach Barcelona reiste und versuchte, ein guter Tourist zu sein“

Hinfliegen geht ja schon mal nicht. Aber worauf muss man noch achten, wenn man die Umwelt schonen will? Michael Allmeier lässt sich einen Urlaub lang coachen. Jeden Abend meldet er zwei Wissenschaftlern, was er isst. Und wie lange er duscht.

Im Hafen von Barcelona steht eine 60 Meter hohe Statue zu Ehren von Christoph Columbus. Sie erinnert daran, wie der Entdecker nach seiner Rückkehr willkommen geheißen wurde. Die Säule ist hohl; man kann hinauffahren für einen Blick über die Stadt. Da stehe ich jetzt, eingezwängt mit einer Gruppe Franzosen. Die spähen durch die Luken, suchen nach dem Montjuïc und der Kathedrale Sagrada Família. Ich befrage in Gedanken den Bronzemann über mir.

„Das war schon mal super, Christoph, dass Sie auf Ihrem ganzen Trip mit Windkraft ausgekommen sind. Aber der Müll – haben Sie den ernsthaft ins Meer gekippt? Und wozu die weite Reise? Hätten Sie nicht irgendwas in der Nähe entdecken können?“

Die Haltung zum Reisen wandelt sich, in den letzten Jahren mehr als in den fünf Jahrhunderten zuvor. Fernweh wurde lange Zeit als etwas Gutes verstanden, ein Weg zu Abenteuern und neuen Einsichten. Neuerdings hört man häufiger, dass Fernweh tatsächlich wehtut – und zwar allen anderen, wenn einer ihm nachgibt. Kreuzfahrtschiffe, die Giftschwaden ausstoßen. Bettenburgen, die Küsten verschandeln. Golfplätze und Gärten, die in heißen Ländern kostbares Wasser verschwenden. Und natürlich die Flugzeuge mit ihrem CO₂-Ausstoß … All das erscheint nicht länger bloß als Auswuchs des Massentourismus, sondern als direkte Folge des Verlangens, seine Freiheit global auszuleben. Wer heute vom Shopping in New York oder vom Kurzurlaub auf den Seychellen zurückkommt, überlegt besser, wem er davon erzählt. Sonst heißt es nicht mehr: „Wie war es denn?“, sondern: „Musste das sein?“

Stehen Fernreisende bald in der Schäm-dich-Ecke, zusammen mit SUV-Fahrern oder Rauchern? Es ist komplizierter. In diesem Konflikt geht der Riss nicht durch die Gesellschaft, sondern durch fast jeden Einzelnen – irgendwo zwischen Kopf, Herz und Bauch. Der Typ, der im Helikopter über den Grand Canyon fliegt, ist daheim womöglich der engagierteste Umweltschützer. Und findet bloß, dass er es jetzt mal ein bisschen krachen lassen darf.

Wenn man die Deutschen fragt, sagen mehr als die Hälfte, sie wollten möglichst umweltschonend und verantwortungsvoll reisen. Die allermeisten tun aber nichts dergleichen. Woran das liegt, kann ich auch ohne Feldforschung sagen. Bis vor ein paar Wochen dachte ich selbst: Verzichten im Urlaub, das ist paradox – wie ungesüßter Kuchen. Jetzt versuche ich es. Ich möchte wissen, wie sich das anfühlt, nach Jahrzehnten als Stratosphärenverpester ein guter Tourist zu sein.

Warum mich das ausgerechnet ins überlaufene Barcelona führt, sollte ich wohl erklären. Ich sah mich ja selbst eher mit dem Fahrrad schwedische Seen umrunden. Ein Klischee, wie ich jetzt weiß. Nachhaltigen Tourismus gibt es längst auch jenseits der Öko-Nischen. Man kann sogar guten Gewissens in das Auge des Sturms reisen, wenn man es richtig anstellt.

Aus kühlen Ländern ins Warme fahren, das geht schon mal in Ordnung. So muss man weniger heizen, was Emissionen spart. Gut auch, die Nebensaison zu nutzen; das schont die Infrastruktur. Den Tipp mit Katalonien verdanke ich Petra Thomas, der Geschäftsführerin des Forums Anders Reisen. Das ist keine NGO, sondern ein Branchenverband von über hundert umwelt bewussten Reiseveranstaltern. Seine Stimme hat Gewicht, weil er schon aktiv war, als vom Klimawandel noch kaum jemand sprach. „Bei den Katalanen“, hat sie gesagt, „ist der Leidensdruck hoch. Deswegen lassen sie sich viel einfallen, um den Tourismus besser zu gestalten.“

Dass Umweltbewusstsein seinen Preis hat, ist noch so ein Klischee. Ich finde es bestätigt, als ich umständlich meine Zugfahrt von Hamburg nach Barcelona buche. Sie ist doppelt so teuer wie ein Flug und dauert dafür mindestens siebenmal so lang! Mein erster Impuls: die Anreise rasch durchzuziehen. So kennt man das ja vom Fliegen; so erwischt man aber gleich den schlechtesten Start. Reisepädagogisch betrachtet, ist der moderne Kurzurlauber eine Art Fast-Food-Junkie: Er stopft sich hastig mit Eindrücken voll und ist genauso schnell wieder hungrig. Nachhaltiges Reisen beginnt damit, dass man sich nachhaltige Eindrücke verschafft. Ich buche also eine besonders gemächliche Verbindung durch das Elsass und die Provence. „Machen Sie die Anfahrt zu einem Teil des Reiseerlebnisses“, riet mir Petra Thomas.

Eine Woche später sitze ich irgendwo bei Narbonne und starre auf Klatschmohnfelder. Eigentlich schön, etappenweise vom deutschen Frühling in den mediterranen Sommer zu rollen. Gerade allerdings steht der Zug seit einer Stunde auf freier Strecke – ein „Personenschaden“, wie der Schaffner erklärt. Die amerikanischen Rentner neben mir werden nervös. „Was hat er gesagt?“ – „Oh Gott, ein Toter!“ Dann stürmen sie das Bordbistro und kehren mit Taschen voller Getränkedosen und Schokoriegel zurück. Ist das jetzt die Entschleunigung? Ich hatte sie mir romantischer vorgestellt.

Ich nutze die Zeit für die Lektüre der Ratgeberbroschüren. Die gibt es wie Sand am Meer; und im Kern sagen alle dasselbe: „Reist näher, langsamer, länger“. Doch dann wird es verwirrend. Muss ich wirklich dem Saftverkäufer am Strand meine Trinkflasche zum Abfüllen hinhalten? Den Busfahrer bitten, dass er beim Warten den Motor abstellt? Oder sind das „symbolisch aufgeladene Nachhaltigkeitspraktiken“, mit denen ich zwar mein Gewissen, nicht aber die Umwelt entlaste?

Ich habe mir Beistand gesucht am Institut für Technischen Umweltschutz der TU Berlin. Annekatrin Lehmann und David Bossek arbeiten dort an einer Methode, die Menschen dabei helfen soll, ihre Ökobilanz zu berechnen. Sie nehmen sich die Zeit, mich auf meiner Reise zu coachen. Jeden Abend werde ich ihnen berichten – von meiner Verweildauer unter der Dusche bis zum Schlummertrunk aus der Minibar. Und sie werden kalkulieren, welche Umweltbelastung ich bin.

Am Abend des zweiten Reisetags erreiche ich Barcelona. Mein Hotel hat mir das Katalonische Fremdenverkehrsamt empfohlen. Auf den ersten Blick wirkt es nicht sonderlich ökig. „Wir hängen das nicht an die große Glocke“, erzählt ein Angestellter. Umweltfreundlich und genussfeindlich – viele Kunden setzen das gleich. Dabei ist man hier sehr auf Nachhaltigkeit bedacht. An allen Ecken wird Energie gespart; aus den Hähnen rinnt nur gedrosselt Wasser; überschüssige Speisen oder Shampoos werden an Menschen in Not verschenkt.

Alles prima, denke ich. Doch Berlin ist nicht begeistert. Der Pool auf dem Dach belastet die Ökobilanz. Der Wasserverbrauch, der Strom für die Pumpe, der Material- und Energieaufwand beim Bau … „Wozu braucht ein Ökohotel einen Pool?“ Die beiden sind nur deshalb so streng, weil ich sie darum gebeten habe. Ziel ihrer Forschung ist ja, dass die Belehrungen aufhören können, weil Dreckschleuderei so leicht messbar wird wie die Laufleistung oder der Blutdruck. „Zumindest das Wasser beheizen sie nicht“, schreibe ich kleinlaut zurück.

Nach einem korrekten Frühstück (Fallobstmarmelade auf Biobrot) spaziere ich zum Treffpunkt für meine Stadtführung. Die Sagrada Família, einen Block vom Hotel entfernt, nehme ich nur zur Kenntnis. Mustertouristen sind gehalten, den ärgsten Trubel zu meiden. Der ist zwar gar nicht mehr so arg, seit es Eintrittskarten fast nur noch im Vorverkauf gibt und Ordnungsbeamte wie Schülerlotsen den Verirrten die Wege weisen. Doch selten sieht man so deutlich wie hier die zwei Seiten des Tourismus. Was schön ist: Die berühmteste Baustelle der Welt wird nach kaum 150 Jahren tatsächlich voll endet sein, dank unverhofft reichlicher Spenden. Was schlecht ist: Die Anwohner haben Angst. Antoni Gaudí forderte freie Sichtachsen – und ihre Heime stehen im Weg. In den Fenstern sehe ich Spruchbänder, „Unsere Häuser sind legal“. Das dürfte sich erledigt haben, wenn erst die 200 Glocken läuten, die der Großarchitekt eingeplant hat. Dann möchten wohl eh nur noch Touristen im Viertel wohnen.

Gaudí, das war schon ein Guter, sagt später mein Guide Juan: ein Recycler ante litteram, der in seinen berühmten Fassaden verbaute, was anderswo übrig geblieben war. Außerdem ein überzeugter Fußgänger und Vegetarier. „Er trug immer einen Beutel Erdnüsse in der Tasche. Daran haben sie ihn erkannt nach seinem Straßenbahnunfall 1926.“ Leider zu spät. Wegen seiner exzentrischen Erscheinung landete Gaudí im Armenhospital. Drei Tage später war er tot. „Der hätte bestimmt weitergelebt, wenn er nicht rumgelaufen wäre wie ein Penner.“

Juan darf so reden; er war selbst lange obdachlos. Ein Deutschspanier aus dem Schwarzwald. Wie er herkam – lange Geschichte, in der Hauptrolle Drogen. Heute arbeitet er in einer Suppenküche und bei einem Touranbieter, der nur Stadtführer wie ihn, also mit Straßenerfahrung, vermittelt.

Ich wusste nicht, was mich erwartet. Mir genügte, dass mein Geld an ihn ging und nicht an einen Tourismuskonzern. Dass wir zu Fuß unterwegs sein würden, abseits der Hauptattraktionen (da dürfen nur Guides mit Lizenzen hinein). Was dann kommt, ist nachhaltig, weil man es so schnell nicht vergisst. Juan zeigt mir die Stadt neben der Stadt, oft nur wenige Schritte entfernt vom Instagram-Barcelona. Wir spazieren über die Rambla, die mal ein Bollwerk war: „Sie trennte die Stadt von der Asi-Gegend.“ Auch das darf er sagen, er wohnt dort.

Am Hintereingang der Boqueria beginnt schon El Raval. „Barcelonas neues Szeneviertel“, habe ich gelesen. Juan versteht unter Szene etwas anderes. „Siehst du den Friseurladen da, gleich hinter der schicken neuen Filmothek? Da gehen die Kunden immer paarweise rein. Nach zwanzig Minuten kommen sie raus, die Haare genauso wie vorher.“ Der Laden hat nämlich ein Hinterzimmer. Und die Frauen, die hier auf Treppenstufen sitzen und in ihre Handys tippen – „alles Prostituierte“. Viele kennt Juan mit Namen, Kundschaft aus der Suppenküche. Er kennt auch die zwei Jungs, die uns entgegenschlendern. „Die kommen jeden Sommer zum Klauen. Für die ist das Arbeitsurlaub.“ Seit Touristen El Raval entdecken, vervielfachen sich auch hier die Mieten. „Barcelona wird verkauft“, sagt Juan. Nun bin ich froh, dass ich kein Airbnb-Apartment gebucht habe, obwohl das für die Ökobilanz am besten gewesen wäre.

Die Tour endet im Armenhospital, wo Gaudí damals lag. Heute ist hier die Katalanische Staatsbibliothek untergebracht. Im Schatten der neugotischen Mauern sitzt ein Grüppchen junger Leute mit Rucksäcken und Flaschen. Juan mustert sie genau. „Urlauber und Penner“, sagt er dann, „kannst du manchmal kaum unterscheiden.“

Auf den Abend hatte ich mich gefreut: Geplant war das Gourmetmenü bei einem Spitzenkoch. Nun schaue ich mir die Karte noch einmal an: importierte Gemüse, bedrohte Fischarten, sogar Rindfleisch (Methan!). Außerdem Käse, der umwelttechnisch nicht viel besser ist. Widerwillig storniere ich. Eine unbedenkliche Verpflegung muss her.

Es ist peinlich, im Restaurant erst mal nach dem Abfall zu fragen; aber der Chef zeigt ihn mir gern: drei Eimer, kaum größer als meine daheim, für den ganzen Betrieb. Da liegt ein Stück Pappe im Wertstoffsack. Ricard Jornet erspäht es sofort. Er greift rein und sortiert es um.

Für Menschen, die lieber aufs Meer schauen als in den Müll, ist das Lasal del Varador zunächst nichts Besonderes – eins von vielen Strandlokalen an den Ausläufern von Barcelona, eine halbe Stunde mit dem Bummelzug nach Norden. Ricard sieht es mehr als Testlabor: Wie umweltbewusst kann man kochen?

Er kauft seine Waren unverpackt, wo immer das möglich ist. Schenkt den Gästen gratis gefiltertes Leitungswasser aus. Heizt mit Solarenergie, kühlt mit Ventilatoren. Fleisch ist fast ganz von der Karte verbannt; der Fisch kommt komplett von kleinen Booten aus der Umgebung. Das muss man unterstützen, denke ich – mit gegrilltem Tintenfisch, gedämpften Muscheln und einer prima Paella.

Gut und mit gutem Gewissen kochen ist für Ricard so ziemlich dasselbe: „Die Lebensmittel sind nicht nur frischer, wenn du sie von den Nachbarn kaufst. Du weißt auch, wer die Leute sind, die hinter den Waren stehen.“

Wissen die Gäste seinen Einsatz zu schätzen? Schon, sagt Ricard, nur viel mehr bezahlen möchten sie dafür nicht. „Aber ich habe eine Lösung gefunden.“ Er zeichnet mir sein Geschäftsmodell auf eine recycelte Serviette. Beim Strom zum Beispiel spart er Geld; öko ist auch ökonomisch. Doch ohne ein bisschen Idealismus geht die Rechnung nicht auf: „Ich möchte meinen Kindern keinen Saustall hinterlassen.“

Ricard ist nicht der missionarische Typ. Als ich von meiner Zugfahrt erzähle, nickt er schuldbewusst. „Fünf Jahre habe ich durchgehalten“ – fünf Jahre ohne Fliegen. „Dann ergab sich die Chance, Costa Rica zu sehen. Und ich fand es da so toll.“ Er ist rückfällig geworden. Doch bald soll Schluss sein, für immer. Ich stelle mir ein Treffen der Anonymen Vielflieger vor.

Das, denke ich auf dem Heimweg, war doch wohl ein guter Tag. Berlin berichtigt mich: „Ein ökologisches Restaurant zu unterstützen ist natürlich lobenswert und definitiv sinnvoll.“ Bloß habe ich auf der Zugfahrt mehr CO₂ verursacht, als das bisschen Biofisch wettmachen kann. „Daher wäre es besser gewesen, in ein näher gelegenes Restaurant zu gehen und dort eine vegane oder vegetarische Mahlzeit zu essen.“

Nach drei Tagen Barcelona denke ich, ich habe den Bogen raus. Mein „Treibhauspotenzial“ pendelt sich von den 15 Kilogramm CO₂ am Anfang auf etwa ein Drittel ein. Außerdem messen die Forscher der TU meinen Anteil am Sommersmog und an der Versauerung der Seen. Ich habe keine Ahnung, was die Werte bedeuten. Aber sie sind jetzt grün unterlegt, nicht mehr gelb oder rot.

Macht es Spaß? Schwer zu sagen. Ich bin zu beschäftigt damit, Versuchungen auszuweichen. Sicher wird es besser, wenn ich die Großstadt verlasse und ins Grüne fahre.

Ich solle mir ein Taxi bestellen, meinten sie im Öko-Resort. Kommt nicht infrage. Stolz zerre ich meinen Koffer die letzten Kilometer von der Bushaltestelle über die staubige Landstraße. Nicht bedacht habe ich die Sonne, die mir in den Nacken brennt. Wenn ich jetzt Sonnencreme kaufe, versauen mir das Öl und der Kunststoff sicher die Tagesbilanz. Berlin versteht mein Dilemma: „ein Zielkonflikt zwischen Gesundheit und Umweltbelastung“. Die gute Nachricht: Er ist lösbar, „wenn Sie sich nicht mehr der Sonne aussetzen“. Ich kaufe die Creme und esse dafür am Abend keinen Käse.

Der Grüßaugust im Mas Salagros trägt ein leuchtend rotes Stirnband und eine Tischdecke als Hemd. Es ist die Vogelscheuche, die im Gemüsegarten vor dem Stall mit Hühnern und Ziegen steht. Das Resort liegt gut versteckt in den Hügeln des Naturparks Serralada Litoral. Der Inhaber einer Ökosupermarktkette hat das mittelalterliche Anwesen gekauft, um einen neuen Maßstab zu setzen: das erste 100 Prozent ökologische Hotel auf der Iberischen Halbinsel.

Schön ist es hier. In blühenden Sträuchern summen die Bienen, über den Pfad aus Schieferplatten huschen Eidechsen. Der Page bringt mich zu meinem Zimmer. Er zeigt mir, was hier alles für die Umwelt getan wird, von der wärmedämmenden Dachbepflanzung bis zur recycelten Eingangstür. Ich staune, wie oft man das Wörtchen „Öko“ verwenden kann. Dann sind wir im Zimmer; er sagt: „Es ist heiß hier!“, und stellt erst einmal die Klimaanlage auf 18 Grad.

Ich verbringe meine Zeit mit Wandern, Lesen, Müllvermeiden. Und natürlich petze ich alles nach Berlin. Ist es konsequent, Ökowein aus Chile zu holen und Bioseife aus China? Sollte der Verkaufsdirektor nicht wissen, ob man in seinem Hotel das Wasser aufbereitet? Oder bin ich derjenige, über den man sich wundern muss? Ein verantwortungsbewusster Urlauber wollte ich werden, kein Öko-Inquisitor. Ich beschließe, mich locker zu machen.

Dafür bin ich am passenden Ort. Das Haus hat fünf Sterne, wirbt aber nicht damit. Warum, das ahne ich, als ich ein Gespräch auf der Restaurantterrasse belausche. Ein junges Paar, Holländer, schick gekleidet. Sie trinken Cava und schauen, wie die Sonne hinter den Hügeln versinkt. Ihr Telefon klingelt. „Ja, wir sind noch unterwegs. In einem Öko- Resort.“ Die beiden werden nicht gerüffelt, wenn sie wieder zu Hause sind.

Kann Luxus nachhaltig sein? Ich zweifle allmählich daran. Nicht, wenn man ihn als süßen Überfluss versteht: mehr Platz, als man braucht; mehr Auswahl, als man überblickt; mehr Chancen, sich gehen zu lassen. Stolz sind sie im Mas Salagros auf die Wellnessanlage im Stil eines römischen Bads. Da mache ich es mir einen Nachmittag lang bequem, ohne lang zu fragen, was Berlin davon hält. Der Pool in Barcelona war mickrig gegen die sechs Becken hier. In einem ist das Wasser körperwarm und mit Salz gesättigt. Ich sinke rücklings hinein und fühle, wie es mich trägt. Alle Muskeln entspannen sich. Ich bin doch selbst ein Stück Umwelt, denke ich noch; auch mein Wohl ist wichtig. Im Halbschlaf erscheint mir Greta Thunberg. Ihre Augen durchbohren mich.

Zwei Tage später sitze ich wieder im Zug, das erste Stück meines Heimwegs. Ich schaue aufs Meer hinaus und grüble vor mich hin. Meine Ökobilanz kenne ich jetzt bis weit hinterm Komma. Sie ist leider wieder im roten Bereich, wie immer an Unterwegs-Tagen. Den Spaß auf der anderen Seite kann ich nicht bilanzieren. Und selbst wenn das ginge: Was wöge mein flüchtiges Glück neben meinem Anteil am Klimakollaps? Berlin kann mir nicht weiterhelfen. Berlin ist ausgeflogen – eine Konferenz in Brasilien. Einen Rat haben sie mir noch mitgegeben: Wenn schon baden, dann im Meer – „natürlicher geht es nicht“.

Das setze ich jetzt um. Die Tristesse von Calella und Lloret de Mar liegt schon hinter mir. Mein Ziel ist ein Campingplatz im Norden der Costa Brava, im Naturpark Aiguamolls de l’Empordà. Da sollte sich auch das Luxusproblem nicht mehr so schmerzlich stellen.

Castell Mar ist auf den ersten Blick ein Strandcampingplatz wie tausend andere, mit Zelten und Wohnwagen dicht an dicht. Nur wer darauf achtet, bemerkt die Nistkästen an den Laternen oder die Rückzugsräume für Eidechsen und Kaninchen. Beim Abendessen plaudere ich mit dem Besitzer. Wir schauen von seiner Restaurantterrasse auf das Meer und die Bausünden im Nachbarort. „Ein Gutes hat der Klimawandel“, sagt er. „Der spült das alles irgendwann weg, und in den Ruinen nisten dann Kormorane.“

Jordi Sargatal ist kein ganz typischer Tourismusunternehmer. Er war kaum 18, „ein Hippie und Vogelnarr“, sagt er, als 1976 das Marschland vor seiner Tür erschlossen werden sollte. Ein Jachthafen war geplant – noch größer und schöner, wie es hieß, als die Betonklötze ringsum. Schlecht allerdings für die zigtausend Zugvögel, die im Schilf Station machten auf ihrer Reise nach Afrika. Jordi und ein paar Freunde stellten sich mit Schlafsäcken und Spruchbändern den Baggern in den Weg. „Viel Mut brauchte es dafür nicht. Franco war ja gerade gestorben; und die Polizei musste beweisen, dass sie demokratisch war. Die haben uns sogar beschützt, als die Bauern aus dem Dorf mit Gülle nach uns warfen.“

Acht Jahre dauerte der Kampf. Dann waren die Aiguamolls ein Naturschutzgebiet, mit Sargatal als Direktor. Den alten Campingplatz übernahm er später, weil niemand ihn wollte. Nach und nach krempelt er ihn um – zum Basislager für Bird watcher und Erlebnispark, der Kinder für die Natur begeistern soll. Toll, sagt Jordi, dass heute so viele junge Leute für Klimaschutz kämpfen. „Noch besser wäre es vielleicht, die kleinen Schlachten zu schlagen.“

Fliegt er selbst? „Sehr oft.“ Allein in den letzten paar Monaten nach Kanada und China, um Vögel zu gucken. Und nach Mauretanien. Da leben Mönchsrobben, die er gern hier ansiedeln will. „Ich weiß schon, gut ist die Fliegerei nicht.“ Er nickt in Richtung Marschland. „Ich kann bloß hoffen, ich habe Kredit.“

Das war ein Scherz. Doch er beschäftigt mich später im Wohncontainer. Kann man bei der Ökobilanz überhaupt je ins Plus geraten? Oder geht es ein Leben lang darum, die eigene Schuld zu verringern? Und wenn ich daheim alle überzeuge, dass nachhaltiger Urlaub Spaß macht – gibt mir das genug Kredit für eine Japanreise im Herbst?

Das Baden im Meer am nächsten Tag kann ich natürlich vergessen. Das kalte Wasser ist ein Nachteil der Nebensaison. Dafür nimmt Arnau, Jordis Sohn, mich mit auf einen Ausflug durch das Naturschutzgebiet. Er studiert Ökologie und hat die Vogel-Leidenschaft von seinem Vater geerbt. Auf Holzstegen laufen wir durch den Sumpf. Hellgrünes Schilf in graublauem Wasser, so weit das Auge reicht. Eine 5000 Hektar große Wellnesslandschaft für Vögel.

Im Dorf Roses treffen wir Pau, dem ein Ökobootsverleih gehört. Wer unterwegs tüchtig Müll aufklaubt, bekommt die Miete erlassen. Pau paddelt mit uns auf dem Fluss Fluvià durch das Marschland bis an die Küste. Ein netter Kerl – wie wirklich jeder, dem ich auf dieser Tour begegne. Das ist die schönste Überraschung meiner Woche als guter Tourist: wie viel Herzlichkeit man erlebt.

Im Schilf entdecken wir Vögel, wie ich sie noch nie gesehen habe: buntscheckige Bienenfresser, schwirrende Eisvögel, Grünspechte, Seeregenpfeifer. Auch einen Purpurreiher, der offenbar selten ist; Arnau und Pau strahlen sich an. „Warum ausgerechnet Vögel?“, frage ich die beiden. „Was macht sie für euch interessanter als alle anderen Tiere?“ Sie legen die Paddel ab und denken einen Moment nach. „Der Menschheitstraum vom Fliegen“, sagt Arnau dann. „Bewunderung“, meint Pau. „Sie sind die Herren der Lüfte.“ Ich schaue von den Vögeln am Ufer zu den Kondensstreifen am Himmel. Haben wir uns den Traum erfüllt, oder haben wir ihn verraten?

Info
Die Reportage „Wie ich nach Barcelona reiste und versuchte, ein guter Tourist zu sein“, erschienen am 27. Juni 2019 in der Zeit, sollte während der ITB mit dem Columbus Autorenpreis 2019 für die „Beste journalistische Leistung“ ausgezeichnet werden.
Dieser und alle weiteren ausgezeichneten Beiträge der Columbus Journalistenpreise der VDRJ für das Erscheinungsjahr 2019 für Text,
Radio und Film sind zum Nachlesen, Reinhören und Anschauen online verfügbar.
„Besondere journalistische Leistung“: Michael Allmaier, Jahrgang 1969, Redakteur im Ressort Z, Die Zeit

Sie haben einen eigenen Wikipedia-Artikel. Kann man als Journalist mehr erreichen?

Nein, mehr als das ist nicht möglich, mir jedenfalls nicht. Und ich lege Wert auf den Hinweis, dass ich diesen Eintrag nicht selbst verfasst, nicht einmal verändert habe. Was ich jetzt, als glücklicher Preisträger, vielleicht tun sollte – Columbus 2019! Oder wären Sie so nett? Dann könnte ich in dieser Hinsicht meine Unschuld bewahren.

Erst das FAZ-Feuilleton, jetzt Ressort Z. Den Menschen vom Niederrhein sagt man nach, sie schweifen so gerne ab, dass ihr Erzählen ganz ohne Thema auskommt …

Ganz ehrlich: Vor sowas habe ich Angst. Es gibt genug Journalisten, die irgendwann zu der Überzeugung gelangen, sie selber seien die Nachricht. Das war mein erster Kulturschock, als ich aus der Feuilletonwelt im Reisejournalismus ankam: nach Jahren voller „man“ und „wir“ auf einmal „ich“ zu schreiben. Erst tat ich es verschämt, dann immer dreister, weil ein persönlicher Ton ja persönliche Reaktionen hervorruft – und oft sind sehr liebenswürdige dabei. Irgendwann ist man dann ein Parleur, ein eitler Fatzke und merkt es nicht einmal. Darum versuche ich zumindest, bei der Sache zu bleiben. Das Reisen an sich ist ja schon Abschweifung genug.

Welche Lehre ziehen Sie aus Ihrem Versuch als „guter Tourist“ mit verheerender Umweltbilanz?

Von meiner Tour habe ich zwei Eindrücke mitgenommen. Erstens: Nachhaltig reisen geht nicht so leicht wie Bio-Gemüse kaufen. Je weiter ich mich in die Welt hinaus bewege, je mehr ich mir gönne, umso stärker belaste ich die Umwelt. Aus diesem Dilemma kommt man nicht heraus. Zweitens: Ich mag die Leute, die es trotzdem versuchen. Von den Berliner Forschern, die mein Experiment begleitet haben, bis zu den Fremdenführern und Campingplatzbetreibern in Katalonien – da war nicht einer, der dem Klischee des Gutmenschen entsprach. Alle trugen ihre Gewissenskonflikte mit sich herum und hatten Verständnis für meine. Ich glaube, man muss nicht auf alles die richtige Antwort haben. Es ist schon mal etwas wert, wenn man sich die richtigen Fragen stellt.

Wir danken den Sponsoren der Columbus-Autorenpreise 2019:

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