Nachwuchspreis 2016

Zehn Tage Aufbruch

Zehn Tage Aufbruch

von Theresa Breuer

Theresa Breuer

© Jacob Russel

Es gibt Nächte, die beginnen mit einem Versprechen. Sie geloben Freiheit und dionysischen Rausch. Sie predigen den Kontrollverlust und verheißen Ekstase bis zum Morgengrauen. Diese Nächte, die nie enden sollen und doch immer viel zu schnell vorbei sind, versprechen Erfahrungen, die einen weiser machen. Und die einen manchmal die Unschuld kosten.

„Komm schon“, flüstert Bahar dem Mädchen neben sich zu, „es wird dir gefallen.“

Sie sitzen auf dem Boden eines Wohnzimmers in der iranischen Großstadt Shiraz.

 

Zigarettenqualm hängt in der Luft, auf dem Teppich kleben Asche und Schalen von Pistazien. Irgendjemand spielt viel zu laute Popmusik aus viel zu kleinen Handylautsprechern. „Mal ehrlich“, sagt Bahar, „du bist jetzt schon 23 Jahre alt, willst du wirklich bis zur Ehe Jungfrau bleiben?“ Das Mädchen streicht sich die dunklen Haare hinters Ohr und lächelt schüchtern. Noch bevor es antworten kann, klingelt es an der Tür. „Der Dealer, der Dealer“, ruft jemand aufgeregt.

 

Wie fast alle Nächte, die voller Verheißung sind, beginnt auch diese mit Alkohol.

Der Dealer nimmt ein ­Bündel Geldscheine entgegen und drückt der Gastgeberin zwei Plastiktüten in die Hand. In der einen ist Wodka, der nach Nagellackentferner schmeckt. In der anderen Wein, der beim Trinken zwischen den Zähnen hängen bleibt. Der Alkohol ist selbst gebrannt, denn offiziell verboten, wie fast alles, was junge Leute im Iran und überall sonst auf der Welt gerne ausprobieren.

 

Ein Mann mit Hipster-Bart und Holzfällerhemd schenkt aus. Fayrouza, eine 25-jährige Fotografin aus Teheran, rollt einen Joint aus purem Gras zu ihrem Drink und zieht sich ihren Schleier vom Kopf. Keines der Mädchen auf der Party trägt das Kopftuch, das auf den Straßen der Islamischen Republik Pflicht ist. ­Sobald sie den Raum betreten, nehmen sie ihre Mäntel ab. Darunter kommen rote Kleider und Metallica-Shirts zum Vorschein. Viele haben sich die Haare bis auf ein paar Zentimeter abrasiert, einige sind tätowiert. Fayrouza trägt Piercings in der Lippe, Nase und Augenbraue.

 

Nach drei Runden Shots wollen sie mehr. Raus aus der Wohnung, rein ins Leben. Immerhin ist Nowruz, das iranische Neujahrsfest. Zwei Wochen lang ist das Land völlig lahmgelegt. Schulen und Universitäten sind geschlossen, die meisten Geschäfte auch. Menschen besuchen ihre Verwandten, picknicken und zelten im ganzen Land.

Die Gruppe beschließt, an das Grab des berühmten Dichters Hafis zu fahren. Während der Feiertage hat seine Grabstätte die ganze Nacht geöffnet. Als sie dort ankommen, sind die jungen Frauen so betrunken, dass sie sich die Zigaretten falsch herum anzünden. Ein Mädchen greift nach den Armen fremder Männer. „Lasst uns um das Grab tanzen“, schreit sie und schwingt ein Bein in die Luft. Sie reichen eine Flasche mit einem Wodka-Limonade-Gemisch herum und verziehen nach jedem Schluck so sehr das Gesicht, dass Spaziergänger im Vorbeigehen den Kopf schütteln. Doch niemand weist die Meute zurecht.

Um vier Uhr morgens brechen alle auf, nach Hause. Sie wanken zu ihren Autos. In Schlangenlinien rast die Fahrerin die noch leeren Straßen entlang. Auf der Rückbank packt einen litauischen Rucksacktouristen die Wehmut: „Fühlt sich an wie zu Hause“, sagt er, „es ist dunkel, es ist kalt, und der Fahrer ist betrunken.“

 

Als der Morgen anbricht, ist das Mädchen von der Party keine Jungfrau mehr.

 

Die Reise beginnt 16 Stunden vorher, in einer Neubausiedlung in Shiraz. Der Fotograf und ich stehen in einem schmucklosen Betonbau, vor Appartement 30 B. Ein verschlafener Mann öffnet die Tür, Abdin. Er trägt einen schwarzen Schnauzbart und einen Pullover, auf dem „Forced to work, born to chill“ steht. „Habt ihr Zigaretten dabei?“, fragt er hoffnungsvoll, während er zum Frühstück aus einem großen Becher Eiscreme löffelt. Wir steigen über leere Zigarettenschachteln und Essensreste und stellen unsere Rucksäcke ab. Unter den Decken auf den Sofas schauen ein blonder und ein brünetter Schopf hervor. Die Wohnung gehört dem brünetten Schopf, Merzah, beziehungsweise ihren Eltern, die während der Nowruz-Feiertage Verwandte besuchen.

 

In der gegenüberliegenden Ecke sitzt Ako im Schneidersitz und mustert uns stumm. Zehn Tage lang will er mit einer Gruppe per Anhalter durchs Land fahren. Vor zwei Jahren ist Trampen zu Akos Lebensinhalt geworden. Damals war er mit Freundinnen wandern. Sie verliefen sich und hielten irgendwann ein Auto an, baten den Fahrer, sie in die nächste Stadt mitzunehmen. „Da ist mir klar geworden, dass Trampen eine anthropologische Erfahrung ist“, sagt er. „Ich begegne Menschen, denen ich in meinem Umfeld nie begegnen würde. Mache Erfahrungen, die ich sonst nicht machen würde.“

 

Sich per Anhalter fortzubewegen war bis dahin so unbekannt, dass es im Persischen nicht einmal ein Wort dafür gab. Ako begann, Bilder seiner Reisen auf Instagram zu posten. Die jungen, nach Freiheit hungernden Perser liebten ihn dafür. Inzwischen ist eine kleine Bewegung daraus entstanden. Über 23 000 Menschen folgen Ako. Nicht nur im Internet. Sie schreiben ihm, manchmal sogar Liebesbriefe, rufen ihn an, wollen ihn begleiten.

 

Ako, 26, trägt ein Stirnband, das seine Locken bändigt, Khakihosen und ein viel zu großes T-Shirt mit Bart Simpson darauf. Sein schmaler, asketisch wirkender Körper verliert sich fast darin. „Was erwartet ihr euch von dieser Reise?“, fragt er uns nach einer Weile. Ich sage, dass wir erfahren wollen, was junge Menschen im Iran bewegt, was ihre Hoffnungen und Träume sind. Dass wir herausfinden wollen, wie sich dieses Land verändert, das im Westen lange als islamistischer, von Wahnsinnigen regierter Staat dargestellt wurde, der nach außen aggressiv und intern repressiv agiert.

 

Ako nickt langsam, dann sagt er: „Wenn ihr auch gekommen seid, um Liebe zu verbreiten, heiße ich euch willkommen.“

 

Wir beschließen, den Basar von Shiraz zu erkunden, und verlieren uns sofort. Abdin und ich wandern durch die Gassen der Altstadt, vorbei an flanierenden Familien, die Eis essen und Selfies von sich machen, und klettern auf den höchsten Hügel der Stadt.

 

Abdin, 24 Jahre alt, erzählt, wie Ako ihn zum Trampen inspirierte und wie sie sich das erste Mal auf der Straße begegneten, vor eineinhalb Jahren. „Das hat mein Leben verändert“, sagt er. Er erzählt, dass er sein Leben früher nicht genießen konnte. Seine Eltern verlangten von ihm, dass er Bauingenieurwesen studiere. Was Ordentliches, wie sie sagten. Dabei wollte Abdin schon immer Künstler werden. „Früher hatte ich nicht den Mut zu re­bellieren“, sagt er. Studium, Militär, Hochzeit, Kinder – so sah der Plan seiner Eltern aus. Abdin fügte sich. Bis sich die Eltern trennten.

 

Danach brach Abdin den Kontakt zu seinem autoritären Vater ab und begann, Theaterwissenschaften zu studieren. Er drehte einen Kurzfilm über einen jungen Mann, der zu einem Schmetterling mutieren will. Zwei Semester hat er noch vor sich. „Und dann muss ich meiner Mutter beibringen, dass ich auf gar keinen Fall heiraten will“, sagt er. „Ich würde jede Frau unglücklich machen. Wie kann ich ein Ehemann sein, wenn ich selber noch so unreif bin?“ Und dann: „Wollen wir einen rauchen?“

 

In diesem Moment kommt Ako den Berg hinaufgestürmt. „Habt ihr den Wodka?“, brüllt er und grinst, als er Abdin die Flasche schwenken sieht. Angetrunken klettern wir den Berg weiter nach oben, höher und higher, bis wir irgendwann oben den Sonnenuntergang anschauen. „So viel Schönheit und so viel Elend an einem Ort“, sagt Er­shad, während er auf Shiraz runterblickt. In der Dämmerung wanken wir den Berg zurück hinunter, geradewegs auf die Party zu, auf der Er­shad uns in drei Stunden auffordern wird, Shots zu trinken.

 

Es ist ein zähes Erwachen am nächsten Morgen. Der Fusel hinterlässt auch bei den trinkfesteren Iranern Kopfschmerzen. In Merzahs Wohnung versammeln sich die Bekanntschaften von letzter Nacht. Die meisten kennen sich erst seit ein paar Stunden, viele über Instagram. Gemeinsam wollen wir nach Ghalat, ein Dorf etwa eine Stunde von Shiraz entfernt. Iraner nennen es auch „Little Amsterdam“. Das Städtchen lebt davon, auf den umliegenden Feldern illegal Marihuana anzubauen.

 

Ako schreibt unsere Namen auf Zettel und lost die Teams aus, in denen wir trampen wollen. Neun Leute, darunter Fayrouza, die Fotografin, Yasmine, das Mädchen mit dem Metallica-Shirt, und Bahar, der gerne iranische Mädchen von ihrer Jungfräulichkeit befreit.

 

Ich lande in einem Team mit Abdin. Wir winken ein Auto heran, in dem zwei junge Typen sitzen. Aus den Boxen dröhnt DJ Beatbang, der so klingt, wie sein Name es verlangt. Der Fahrer trägt Sonnenbrille, Baseball-Cap und ein T-Shirt, das ein Piktogramm von einem Hochzeitspaar zeigt, darüber steht: „Game over“.

 

Der Beifahrer dreht sich zu uns um und ruft: „Wollt ihr Gras?“ Sofort beginnt er, Tabak aus einer Zigarette zu krümeln und die leere Kippe bis zum Rand mit Marihuana zu füllen. Der Fahrer tritt aufs Gaspedal, dreht die Musik noch lauter, zieht ein paarmal kräftig am Joint und kann wegen des Rauchs kaum noch aus dem Fenster schauen. Kurzerhand beschließen die Typen, uns nach Ghalat zu begleiten. „Hab gehört, da geht was“, schreit der Fahrer gegen den Beat an.

 

Als wir Ghalat erreichen, halten die Jungs am erstbesten Kiosk und fragen, ob man hier Gras kaufen könne. Man könne, gibt der Kioskbesitzer zurück, und reicht ihnen drei Plastiktütchen über die Theke. Mit zufriedenem Grinsen rasen sie wieder davon. Abdin und ich stehen an einer Straßenkreuzung, die an Wildwestfilme erinnert. Dunkle Regenwolken ziehen am Horizont auf, hinter der Stadt ragen kantige Berge in den Himmel. Viele Häuser sind aus Lehm und Stein gebaut und halb verfallen. Wir sehen uns nach den anderen um, als ein Auto neben uns hält. Der Fahrer steigt aus. Auf dem Beifahrersitz sieht man seine Ehefrau, auf der Rückbank drei kleine Kinder. Der Familienvater – gepflegter Schnauzbart, gebügeltes Hemd – geht mit einem verlegenen Lächeln auf Abdin zu. „Entschuldigung“, sagt er, „hast du vielleicht Gras?“

 

Als die Familie weitergefahren ist, sagt Abdin zu mir: „Denk ja nicht, dass das überall im Iran so ist.“ Ghalat sei einzigartig. Wer mit Drogen erwischt wird, dem droht hier eine mehrjährige Gefängnisstrafe – bei größeren Mengen sogar die Todesstrafe.

 

Wir finden Ako und den Rest der Gang schließlich in einem Café. Ein Mann spielt auf der Gitarre, alle singen mit, bunte Tücher hängen von der Decke. Ob der Kuchen, der serviert wird, vegan ist, lässt sich nicht eindeutig klären, aber zumindest schmeckt er so. „Leute, Zeit zum Aufbruch“, ruft Ako irgendwann mitten in die Musik hinein, und wie der Rattenfänger von Hameln zieht er sie hinaus, an den nächsten Ort, zum nächsten Abenteuer.

 

Es ist der Besitzer eines psychedelischen Cafés, der schließlich Akos Interesse weckt. Er steht vor seinem Laden, in dem man offiziell Tee und inoffiziell Bier, Wodka und Marihuana kaufen kann. „Wollt ihr nicht reinkommen“, sagt der Cafébesitzer und leitet uns in ein dunkles Hinterzimmer. An den Wänden hängen abstrakte Zeichnungen und neonfarbene Bilder von Jimi Hendrix, die Musikanlage spielt HipHop. Sofort beginnt die Gruppe zu tanzen. Yasmine schwingt ihre Hüften wie eine Bauchtänzerin, Ako nähert sich ihr langsam, bis die beiden auf der Tanzfläche knutschen. Fayrouza dreht noch einen Joint, den fünften an diesem Tag. Abdin bestellt sich eine Flasche Bier und einen halben Liter Wodka. Irgendwann löst sich Ako aus Yasmines Umarmung und schreibt mit einem gelben Filzstift an die Wand: „We’re found here because we were lost.“

 

Zwei Stunden später torkelt die Gruppe hinaus, es ist bereits dunkel, und die Mädchen ziehen sich die Schleier vom Kopf. Ein Mädchen steigt auf eine Mauer, schreit, dass wir einander vertrauen müssen, und lässt sich rückwärts in die Arme der anderen fallen. Alle jubeln, wiederholen das Spiel, trinken mehr, rauchen mehr, singen mehr.

 

Unsere Gastgeberin an diesem Abend ist eine junge Frau, die Ako über Instagram kennengelernt hat. In ihrem Wohnzimmer richten wir ein Matratzenlager ein, es ist kuschelig, eng und warm. Als aller Alkohol getrunken und alles Gras geraucht ist, schlafen wir ein. Am nächsten Morgen sagt Fayrouza: „Ich habe mich in meinem ganzen Leben noch nie so frei gefühlt wie gestern.“

 

Es gibt Momente, da wirkt die Gruppe wie eine Horde Jugendlicher, die das erste Mal sturmfrei hat. Sie trinken und rauchen bis zum Exzess, sie kichern unkontrolliert und können keine fünf Minuten still sitzen. Sie wirken fast manisch in ihrem Verlangen, exzessiv zu feiern, sich nicht an die Regeln zu halten. Nur manchmal wirken sie für einen Moment doch nicht ganz unbeschwert.

 

Auf einer Party in Shiraz ein paar Tage später sehe ich Fayrouza, wie sie aus ihrem Rucksack verschiedene Tablettenpackungen hervorkramt: Alventa und Trazolex gegen Depression und Angststörungen. Tegretol gegen Manie. „Meine Eltern zwingen mich, das Zeug zu nehmen“, sagt sie entschuldigend. „Sie sagen, dass ich selbstmordgefährdet bin.“ Und, frage ich, bist du? Fayrouza zögert. „Vielleicht“, sagt sie.

 

Sie erzählt, dass sie oft wütend ist. Auf ihren Ex-Freund zum Beispiel. Ein Jahr lang haben sie zusammen gelebt, aber die Be­ziehung ging auseinander, weil ihr Freund eifersüchtig war. „Immer wenn wir zusammen ausgegangen sind, war er überzeugt, dass jeder Mann mit mir schlafen will“, sagt sie. Weil es sie rasend machte, dass er ihr nicht vertraute, ging sie immer wieder auf ihn los, schlug ihn sogar. „Er hat sich nicht gewehrt, das hat mich noch wütender gemacht“, sagt sie.

 

Vielleicht ist das Feiern, das exzessive Trinken und Kiffen ihre Art, mit einer Gesellschaft umzugehen, in die sie nicht so recht passen wollen. Einmal sagt Abdin: „Es ist diese Routine, die wir nicht ertragen. Das Wissen, dass unser ganzes Leben vorbestimmt ist. Wir wollen frei sein, wir wollen experimentieren. Die Regeln hier ersticken uns.“

 

Auch Ako wirkt manchmal melancholisch. Als ich eines Abends meinem Freund eine Mail schreibe, sagt Ako: „Ich hasse Beziehungen. Sie halten dich zurück, machen dich unfrei.“ Ich sage ihm, dass ich aus einer Gesellschaft komme, in der mir niemand vorschreibt, wie ich mich zu kleiden habe, wo ich arbeite oder mit wem ich zusam­men leben darf. Dass Freiheit, wenn sie allgegenwärtig ist, nicht mehr unbedingt das höchste Gut ist. Ich sage, dass er rastlos auf mich wirkt, und frage ihn, ob er auf der Suche nach etwas ist, das er noch nicht gefunden hat. „Vielleicht“, sagt Ako.

 

Ako trennt sich von allem, was ihn einschränkt. Er hat sein Auto verkauft, seine Wohnung aufgegeben. Seit sechs Monaten kommt er bei Freunden unter, jede Nacht bei jemand anderem. Alles, was er noch besitzt, ist in seinem Rucksack: ein paar Klamotten, Smartphone, Zahnbürste, Taschentücher. In dem Buch „Essentialism“ von Greg McKeown, das er gerade gelesen hat, geht es darum, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, Ballast abzuwerfen. „Wenn du dein Leben nicht kontrollierst, tut es jemand anders für dich“, sagt Ako.

 

Ganz frei ist auch er jedoch noch nicht. Ako leistet derzeit seinen zweijährigen Militärdienst, der im Iran für alle jungen Männer Pflicht ist. Zwei Monate noch, dann hat er es hinter sich. Dann stellt ihm die Regierung endlich einen Reisepass aus. Dann will er nur noch reisen. Nach Kurdistan, dann Afghanistan, und dann – mal schauen. Die Welt ist groß.

 

Nach der nächsten durchzechten Nacht sehnen sich alle nach dem Meer. „Auf nach Bushehr“, ruft Ako und teilt die Teams ein. Auf dem Weg sammeln wir Abdin und Fayrouza am Straßenrand ein. Abdin hält uns ein Tütchen Gras entgegen: „Das haben mir die Dealer in Ghalat geschenkt, zusammen mit zehn ­Dollar“, sagt er und lacht. „Ich glaube, die hielten uns für Penner!“

 

Wir kommen nicht weit. Schon im ersten Auto laden uns zwei Männer in ihr Landhaus außerhalb von Shiraz ein. Zaid und Ramin sind Cousins, sie werfen den Grill an und lassen Alkohol liefern.

 

Zaid ist halbseitig gelähmt und auf einem Auge blind. Er trinkt keinen Alkohol, sondern nippt an einem Fläschchen mit durchsichtiger Flüssigkeit. „Methadon“, sagt er. Beim Mittagessen erzählt er, dass er vor einigen Jahren einen schweren Autounfall hatte. Er war high, als er fuhr. Yasmine wird still. Später sagt sie zu mir: „Wusstest du, dass ich mal verheiratet war?“ Bis zu dem Tag vor drei Jahren, als ihr Mann sie von der Arbeit im Friseursalon abholte und mal wieder viel zu schnell nach Hause fuhr. Drei Sekunden vor dem Unfall habe sie sich angeschnallt, sagt sie. Ihr Mann nicht. Er flog durch die Windschutzscheibe und starb noch am Unfallort.

 

„Inzwischen bin ich darüber hinweg“, sagt Yasmine, 31 Jahre alt, „ich will in meinem Leben nach vorn schauen, nicht zurück.“ Und wenn es ihr doch einmal schlecht geht, hört sie Musik, laut. Am liebsten Korn, Metallica, Rammstein. Ein großes Tattoo überdeckt ihre Narbe am Arm, ein anderes hat sie sich in arabischer Kalligrafie auf die Rippen stechen lassen. Übersetzt bedeutet der Schriftzug: Leere, Nichts. Yasmine zündet sich eine Zigarette an und beginnt, mit Ako zu tanzen.

 

Die Begegnung mit Zaid und Ramin wäre uns fast zum Verhängnis geworden. Das erfahre ich am nächsten Morgen, als ich mit Fayrouza am Straßenrand auf eine Mitfahrgelegenheit warte und sie sich ihren ersten Joint dreht. „Wusstest du, dass wir gestern fast festgenommen worden wären?“, sagt sie.

 

Fayrouza erzählt, dass ein Bekannter von Zaid später zu unserer Gruppe stieß. Er sah die Frauen, das Gras, das Methadon, den Alkohol und rief Zaids Familie an. Zaids Vater war so außer sich vor Wut, dass er die Polizei rief. Zur gleichen Zeit bekam Ramin einen Tipp, dass die Polizei auf dem Weg zu uns sei, und rief wiederum seinen Bruder an, der als Polizist in Shiraz arbeitet. Mitten in der Nacht setzte sich der Bruder ins Auto und fuhr mit Ramin auf die Polizeistation. Bis morgens um sechs diskutierten sie mit der örtlichen Polizei, boten Zigaretten an und erklärten, dass nur alte Freunde von Ramin zu Besuch seien, die Situation sei völlig harmlos. Am Ende kam die Polizei nicht.

 

Als ich später vor der Gruppe anmerke, dass wir vielleicht vorsichtiger sein sollten, dass ich unter keinen Umständen in einem iranischen Knast landen will, lachen die anderen. „Die können uns gar nichts“, sagt Bahar. Sie alle haben bereits Erfahrungen mit der Polizei gemacht. Bahar saß zwei Tage im Gefängnis, weil ihn die Polizei dabei erwischte, wie er mit seiner Freundin in der Öffentlichkeit Händchen hielt. Abdin wurde von Polizisten im Fastenmonat Ramadan tagsüber beim Rauchen erwischt. 40 Peitschenhiebe bekam er damals. Es hätte, sagt er, eine erotische Szene sein können, hätte eine Domina die Züchtigung übernommen und nicht ein dicker, schwitzender Polizist. Er spricht mit Verachtung in der Stimme.

 

Dass die Gruppe nicht nur mit der Polizei in Konflikt gerät, sondern mit vielen Menschen in der iranischen Gesellschaft, erleben wir einige Tage später in Bushehr. Unser Gastgeber dort heißt Arman, wir haben ihn beim Trampen kennengelernt, er ist Anfang 30 und arbeitet für eine Ölfirma. Nach einer alkoholdurchtränkten Nacht möchte er den Fotografen und mich zu seiner Familie mitnehmen, dem Nomadenvolk der Kaschgai, das östlich von Bushehr in den Bergen lebt. An diesem Abend soll in seinem Dorf eine Hochzeit stattfinden. Doch sobald Yasmine andeutet, sie wolle auch mitkommen, lehnt Arman ab. „Wie du aussiehst, das ist nicht angemessen für unsere Gemeinschaft.“ Yasmine trägt Khakihosen und ein weites Hemd. „Wovon redest du“, entgegnet sie wütend, „ich bin genauso angezogen wie du.“

 

Der Fotograf und Bahar fahren schließlich mit Arman, ich bleibe mit den Mädchen in Bushehr.

 

„Diese Heuchelei kotzt mich an“, sagt Yasmine später. Wir sitzen in einem Park mit Blick auf den Strand. Männer schwimmen im Meer und posieren in Badehosen, während die Frauen zusehen, dass der Wind ihre Schleier nicht vom Kopf weht. „Wa­rum können in unserem Land nicht die gleichen Regeln für Frauen gelten wie für Männer?“

 

Es ist nicht nur das Kopftuch. Es ist, dass sie nicht im Bikini baden können. Dass sie kein Motorrad fahren dürfen. Dass sie beim Trampen immer in männlicher Begleitung reisen müssen. Fayrouza hat es einige Male allein probiert, aber die Fahrer haben ihr stets die Hand aufs Bein gelegt und gefragt, wie viel sie für Sex verlange.

 

„Ich liebe mein Geschlecht, und ich liebe meine Möse“, sagt Fayrouza. „Ich wünschte, die Leute würden erkennen, dass an weiblicher Sexualität nichts schlecht oder gefährlich ist.“ Sie erzählt, dass sie lange dafür gekämpft hat, so zu leben, wie sie es möchte. Ihr Vater wollte ihr das Studium nicht finanzieren, nachdem sie sich das Gesicht hatte piercen lassen. Also suchte sich Fayrouza einen Nebenjob und zahlte selbst für die Uni. „Ich habe akzeptiert, dass ich anders bin, als es der Kodex der Gesellschaft vorschreibt“, sagt sie. „Und ich habe akzeptiert, dass ich deswegen oft frustriert bin.“

 

„Meine Mutter will am liebsten, dass ich das Kopftuch so trage“, sagt Yasmine und zieht sich ihren Schleier eng um den Kopf wie eine Schlinge. Die anderen Mädchen sehen sie an und nicken.

 

Am Nachmittag ruft Bahar an. „Gute Nachrichten“, sagt er, „ihr dürft doch zu der Hochzeit kommen.“ Die einzige Bedingung sei, dass wir alle so tun, als wären wir Ausländer. Wir teilen uns wieder auf, fahren fünf Stunden mit mehreren Autos in das Bergdorf Rood Fariab. Doch als wir ankommen, werden wir nicht reingelassen.

 

Unser Gastgeber Arman hat wohl, in Gedanken an Yasmines Tattoos und Fayrouzas Piercings, seine Meinung geändert. Wahrscheinlich fürchtet er sich vor dem, was seine Familie sagen wird. Seine Angst ist nicht unbegründet. Rood Fariab ist so konservativ, dass sogar die Schlangen vor dem Bäcker nach Geschlechtern getrennt sind. Trotzdem ist die Gruppe wütend. „Das hättest du dir ja mal vor fünf Stunden überlegen können“, sagt Abdin. Arman bietet an, uns zurück ins nächste Dorf zu fahren, doch auf der Fahrt streiten sich Bahar und Fayrouza so sehr mit ihm, dass er uns an einer Straßenkreuzung mitten im Nirgendwo rauswirft. „Ihr habt keine Ahnung, wie man sich benimmt“, schreit Arman und fährt davon.

 

Es ist elf Uhr nachts, dunkel und kalt. Die Gruppe stört das nicht. „Wir müssen das Leben nehmen, wie es kommt“, sagt Ako und packt eine Frisbeescheibe aus. Sie beginnen, auf der Straße zu spielen. Sie singen, Fayrouza baut Joints, und die Autos, die nachts um elf noch die Straße entlangfahren, beschleunigen, sobald sie uns aus der Ferne sehen. „Die Konservativen haben Angst vor uns“, sagt Abdin und lacht.

 

Wir haben Glück, dass dieses Mal niemand die Polizei ruft. Und dass irgendwann doch ein Auto anhält und uns ins nächste Dorf mitnimmt. „Hier ist auch eine Hochzeit“, sagt der Fahrer, „dort findet ihr bestimmt jemanden, der euch aufnimmt“.

 

Aus der Ferne hören wir Musik und finden ein Festzelt auf einem Acker. Die Braut sitzt mit zu viel Make-up neben ihrem milchgesichtigen Ehemann, während Hunderte Frauen und Männer in bunten Gewändern um sie herumtanzen. Ein Onkel der Braut entdeckt uns und lädt uns ein, mit ihm zu Abend zu essen. Als wir bei Huhn und Reis auf dem Boden eines nahe gelegenen Hauses sitzen, fragt er: „Was denkt ihr über den Iran?“

 

Bevor wir Gelegenheit haben zu antworten, spricht er schon wieder selbst. Der Iran, sagt er, sei das schönste Land der Welt. Vier Jahreszeiten gebe es hier, Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Nirgendwo seien die Menschen gastfreundlicher, glücklicher, und der Wirtschaft gehe es fantastisch. Wir sollen bloß nicht glauben, was der Westen alles an Lügen verbreite. Warum, frage ich ihn, wollen dann so viele junge Menschen das Land verlassen? „Das“, sagt er, „kann ich mir beim besten Willen nicht erklären.“

 

Der Onkel entschuldigt sich, er könne uns leider nicht beherbergen, verweist uns aber an eine Schule in der Nähe, die während Nowruz die Türen geöffnet hält. Wir ziehen unsere Schuhe an, schultern die Rucksäcke und laufen hinaus in die Dunkelheit. Vorbei am Festzelt stolpern wir in einen Palmenwald, in dem es so düster ist, dass man die Hand vor seinen Augen kaum sieht. Es hat zu regnen begonnen, und unsere Schuhe bleiben im Matsch stecken. Halb blind schlagen wir uns einen Weg durch die Finsternis, auf der Suche nach Licht, nach Wärme und einem Platz zum Schlafen.

 

ZUSÄTZLICHER INFOKASTEN

Der lange Weg zur Freiheit: Für westliche Beobachter hat sich der Iran in den vergangenen Jahren stark verändert. In der Bush-Ära galt das Land noch als Teil der Achse des Bösen. Präsident Mahmud Ahmadinedschad drohte, Israel zu vernichten, und die Welt fürchtete, der Iran werde bald eine Atombombe bauen. Doch seit Präsident Hassan Rohani 2013 an die Macht kam, hat das Land ein freundlicheres Gesicht bekommen. Die Regierung hat Gespräche mit dem Westen aufgenommen und versprochen, ihr Atom-Programm überwachen zu lassen. Im Gegenzug hat der Westen alle Sanktionen gegen den Iran beendet. Seitdem investieren Unternehmen aus der ganzen Welt.

 

Ako und seine Freunde wollen noch viel mehr Veränderung. Für sie mache es kaum einen Unterschied, wer an der Macht ist, sagen sie. Es sei das System, unter dem sie leiden. Ein System, das Gehorsam über Freiheit stellt und Konformität über Individualismus: Mullahs, die Frauen den Schleier verordnen. Eltern, die ihren Kindern Studiengänge wie Maschinenbau und Jura aufzwingen, obwohl die lieber als Künstler arbeiten wollen. Polizisten, die dafür sorgen, dass Paare auf offener Straße nicht Händchen halten. Ähnlich wie die Beatnik-Bewegung in den USA der Fünfziger Jahre haben viele iranische Jugendliche sich von der Politik und dem Mainstream der Gesellschaft abgewandt, suchen das Leben auf der Straße und schaffen sich ihre eigenen Regeln.