Hoppla, wo sind wir eigentlich? Eine geographische Geisterfahrt durch den Blätterwald.

Dr. Manfred Schuchmann

Kulturtechniken werden von Generation zu Generation neu erlernt, Lesen, Schreiben und Rechnen zum Beispiel. Kulturtechniken haben ein langes Leben, unsterblich sind sie nicht. Die Geografie, ehedem Erdkunde genannt, hat es gerade erwischt: Sie ist von der Furie des Verschwindens ergriffen.
Das Lesen von Land- und Straßenkarten war bis vor kurzem das kleine Einmaleins der Geografie – und Voraussetzung für die Planung einer jeden Reise. Heute ist es bestenfalls die Liebhaberei einiger schrulliger Modernisierungsverweigerer, denn die Generation Navi besitzt keine Karten mehr, und sie hat weder eine Karte der Welt noch der eigenen Umgebung im Kopf. Sie vertraut ihre Wege blindlings einem kleinen Gerät an, das bereits Dutzende von Autofahrern in Flüssen versenkt hat – weil sie bei Nacht und schlechter Sicht der Flötenstimme ihres digitalen Wegweisers folgten, dem man dummerweise einzuprogrammieren vergessen hatte, dass Fähren keine Brücken sind und Flusspassagen außerhalb der Betriebsstunden deshalb wenig ratsam.
Fragt man heute jüngere Menschen, in welcher Himmelsrichtung etwa Hamburg liegt, von Frankfurt aus gesehen, dann liegt die Trefferquote bei 25 Prozent – weil nach Süden, Osten und Westen schließlich Norden geraten wird. Geografie, oder eben Erdkunde, fristet an deutschen Schulen bestenfalls ein Nischendasein, was eine allgemeine Desorientierung zur Folge hat. Man kann sie immer wieder an kuriosen Fehlpeilungen ablesen.
Beispiele gefällig? Unlängst hat die Magazinbeilage der Wochenzeitung Die Zeit, immerhin ein Flaggschiff des deutschen Qualitätsjournalismus, dem Bundesland Hessen zum 70. Geburtstag eine ganze Ausgabe gewidmet, mit 70 hübschen Fundstücken, die Auskunft geben sollen über Eigenart und Alleinstellungsmerkmale der Hessen und ihres Ländchens. Als Hesse freut man sich natürlich über so viel Aufmerksamkeit; folglich habe ich dieses Magazin dankbar und erwartungsvoll in die Hand genommen.
Nummer 26 der erwähnten Fundstücke widmet sich unter dem Stichwort Exportwein der schönen und alten Stadt Worms und ihrer Liebfrauenmilch.

Die Liebfrauenmilch ist ein überwiegend süffiger Weißwein, der von arglosen Briten und anderen Außerkontinentalen konsumiert wird und nicht selten in die Kategorie rheinhessische Raffinerieabfüllung fällt. Rheinhessen und mit ihm die schöne und alte Stadt Worms gehörte tatsächlich einmal zum Großherzogtum Hessen (Darmstadt), das seine Existenz aber bereits im Jahr 1918 ausgehaucht hat. Danach gehörte Worms zum kurzlebigen Volksstaat Hessen, der dem Großherzogtum im Jahre 1945 in die Aktenablage der Geschichte folgte. Die entschädigungslose Wiedereingliederung der Stadt Worms in das heutige Territorium des Bundeslandes Hessen wird man in der Mainzer Staatskanzlei (Rheinland-Pfalz) vermutlich nicht widerspruchsfrei gutheißen wollen. Anekdote Nummer 68 schnürt modische Schuhe der Marke Buffalo Boots, die, wie man dem Magazin der Zeit entnehmen kann, aus Hochheim am Rhein stammen. Auch Hochheim ist ein traditionsreicher Weinbauort, dessen exzellente Erzeugnisse schon von Queen Victoria außerordentlich geschätzt wurden.

So sehr, dass der Name Hock zum Synonym für deutschen Riesling wurde – Hock deshalb, weil dem Englischen das im Rachen geraspelte „ch“ des Deutschen abgeht und die korrekte Aussprache von Hochheim für Weinfreunde von der Insel folglich ein unüberwindliches phonetisches Hindernis darstellt. Gelobt sei der sprachliche Pragmatismus der Briten und ihre Begeisterung für den Hock. Allerdings liegt Hochheim immer noch am Main, und die Lage Queen Victoria Berg schaut geradewegs auf diesen Fluss hinunter. Nur als Anbaugebiet rechnet Hochheim zur Weinregion Rheingau, ansonsten liegt es dort, wo es immer schon lag: hoch über dem Main.
Alles nur Petitessen? Verzeihliche Flüchtigkeitsfehler in der Hektik des Redaktionsalltags? Beckmesserei gilt unter Journalisten nicht eben als kollegialer Akt, ist aber hin und wieder recht amüsant. Blättern wir also weiter.
Die Frankfurter Allgemeine Zeitung, das Blatt, hinter dem immer ein kluger Kopf steckt, hat vor geraumer Zeit das Kunststück fertiggebracht, links und rechts auf ureigenem Gelände gründlich zu verwechseln (mit Ernst Jandl weiß man freilich, wie leicht das gehen kann). Der Main mündet rechts in den Rhein, die Nahe etliche Kilometer flussabwärts links. In der FAZ stand zu lesen, die Heilige Hildegard von Bingen habe das Kloster Eibingen bei Rüdesheim gegenüber der Mainmündung gegründet – der Mainmündung gegenüber liegt Mainz, gegenüber von Rüdesheim mündet die Nahe. Wenn man im nahen Frankfurt das kleine Einmaleins der Heimatkunde so gründlich durcheinanderbringt – könnte beim Verfassen des Textes vielleicht eine Flasche Liebfrauenmilch oder Hochheimer oder Rüdesheimer im Spiel gewesen sein?
Im Deutschlandfunk, ebenfalls ein Organ des anspruchsvollen Journalismus, apostrophiert eine Moderatorin den italienischen Fußballclub Juventus Turin als lombardische Mannschaft. Dicht daneben ist auch vorbei, heißt es in der Kickersprache. Turin ist die Hauptstadt der Region Piemont und bei den Tifosi, den Fans der lombardischen Vereine Inter Mailand und AC Milan (bis vor kurzem Silvio Berlusconis Privatmannschaft) nicht eben gut gelitten. Auf das deutsche Spielfeld übertragen, würde man von Bayern München wohl als Traditionself aus dem Ruhrpott sprechen. Glück auf und Grüß Gott!
Auf BR5, der Informationswelle des Bayerischen Rundfunks, wurde zur Übertragung eines Fußballspiels mal eben hinüber ins polnische Lemberg geschaltet. Lemberg hat im Laufe des 20. Jahrhunderts mehrfach den Namen und die territoriale Zugehörigkeit wechseln müssen, seit Ende des Zweiten Weltkriegs geöhrt es jedoch unverrückbar zum Bestand der weiland UdSSR, nach deren Zerfall und bis heute zur Ukraine. Auch Der Freitag, das Meinungsmedium aus Berlin-Mitte, hat ziemlich den Kompass verloren – und zwar ausgerechnet unter dem Obertitel Heimatkunde, der ja zu einiger Ortskenntnis verpflichten müsste. Jede Woche bietet das Blatt seiner Leserschaft unter dem Rubrum A – Z ein launiges Lexikon zu wechselnden Themen und Anlässen, in diesem Fall zum Thema Rheinland- Pfalz. Vermutlich liegt der Rhein aber leicht jenseits des Erkenntnis- und Erfahrungshorizontes der Berliner Redaktion, folglich hat sie auch nur nebulöse Vorstellungen von der Lage und den Grenzen (nicht nur) dieses Bundeslandes.
Unter dem Buchstaben F findet sich das Stichwort Frohnatur, für welche Gemütsveranlagung der Rheinländer im Allgemeinen verschrien sei, das ewige Topmodel Heidi Klum aus Bergisch-Gladbach wird als Kronzeugin benannt. Dumm nur, dass Bergisch-Gladbach zwar in der Nähe von Köln und folglich irgendwie auch im Rheinland liegt, nur eben nicht in Rheinland-Pfalz. Was gemeinhin unter dem Rheinland verstanden wird, liegt in Nordrhein-Westfalen, wo man mit Pfälzern und Westerwäldern wenig am Hut hat.
Der Wirtschaftsteil der Zeit, das sei hier nur kurz dazwischengeschoben (schon wieder die Zeit, ausgerechnet!), hält den Landstrich zwischen Köln und Düsseldorf dagegen für Mitteldeutschland. Himmel noch mal, Düsseldorf und Köln sind westliches Westdeutschland. Der umgangssprachliche Begriff Mitteldeutschland stammt aus fernen Vorkriegszeiten, als Deutschland im Osten noch bis Königsberg und Breslau reichte. Als mitteldeutsches Epizentrum darf man sich vielleicht Halle an der Saale denken. Doch zurück zum Freitag, der unter dem Buchstaben N die Nibelungen verhandelt und die beiden mittelalterlichen Dynastien der Salier und der Staufer in Rheinland-Pfalz beheimatet wähnt. Die Salier ja. Die Staufer aber stammen – der Name sagt es schon – vom Hohenstaufen, und der geöhrt in die Schwäbische Alb, liegt also mittenmang in Baden-Württemberg.

Es kommt aber noch härter: unter X wird Xavier Naidoo gelistet, der das Pech hatte, einen Meter östlich, nämlich im hessischen Mannheim zur Welt gekommen zu sein. Hier läuft mir als hundertprozentigem Hessen nun wirklich die Galle über, was nicht an Mannheim liegt, sondern am zwangseingemeindeten Sänger. Erstens ist der Rhein auf der Höhe von Ludwigshafen und Mannheim etwas breiter als einen Meter, und zweitens war Mannheim ehedem zwar kurpfälzische Residenz, niemals aber hessisch. Auf jeder heutigen Karte ist es deutlich in Baden-Württemberg verzeichnet.
Diese drei prachtvollen Scheibenschüsse stammen übrigens von drei verschiedenen Autoren des Freitag, offensichtlich hielt es aber nicht eine/r von ihnen für angezeigt, sicherheitshalber kurz ein Kartenblatt zu konsultieren. Glückwunsch zu so viel blindem Selbstvertrauen! Eine Woche Klassenfahrt in den unbekannten, wilden Westen der Republik wäre der Redaktion aus Berlin-Mitte vielleicht zu empfehlen.
Früher einmal gab es in jedem bürgerlichen Haushalt eine gebundene Sammlung von Land- und Weltkarten, Atlas geheißen, benannt nach dem Titanen der griechischen Mythologie, der den Himmel auf seinen Schultern trägt.

Der Himmel möchte einstürzen über all dem geografischen Blödsinn, der uns heute gedruckt und gesendet begegnet und dabei das immer gleiche SOS-Signal funkt: Dass es mit der Erdkunde und dem Kartenlesen als selbstverständlicher Kulturtechnik zu Ende ist. Dass die grassierende Orientierungslosigkeit daher rührt, dass wir unsere eigene, autonome Kenntnis der nächsten Umgebung wie der Welt als Ganzem abgegeben haben an Algorithmen und Touchscreens, an Google Maps und verwandte Apps.
Big Brother möge uns ein guter Hirte sein und uns fuhren auch in der Finsternis! Beenden wir also diese kleine geografische Geisterfahrt mit den prophetischen Versen des Wiener Dichters Ernst Jandl:

 

manche meinen

lechts und rinks

kann man nicht

velwechsern.
werch ein illtum!

Dr. Manfred Schuchmann ist Reisejournalist und Autor. Seine Reportagen zeichnen sich durch die multimediale Aufbereitung der unterschiedlichen Gattungen Print, Radio und Fernsehen aus. Mehr Infos über den Autor gibt es auf seiner Homepage.

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