VDRJ Columbus Radiopreis 2012

Radiopreis

Gedanken der Jury zum Jahrgang 2012

21 öffentlich-rechtliche und private Hörfunk-Redaktionen haben die ihrer Meinung nach besten Radio-Beiträge des vergangenen Jahres aus dem Bereich „Reisen“ für den Columbus Radiopreis 2012 eingereicht. Die 18 Kurzbeiträge und 15 Langfeatures mit über zehn Stunden Sendelänge wurden von der Jury zunächst in einer anonymen Vorauswahl einzeln bewertet. Am Sitzungstag im Berliner Ellington-Hotel mussten sich dann die vorausgewählten Beiträge dann dem geschulten Ohr der Jury stellen.

2012 war nach langer Pause endlich einmal wieder eine Einreichung eines privaten Radiosenders dabei. Eine monothematische Reisesendung, die mit Hörern aus dem Sendegebiet, die in die vorgestellten Destinationen ausgewandert sind, „Expertengespräche“ führt. Das Ganze ohne störenden Werbezwang von Destinationen oder Reiseunternehmen. Dass die Sendung keinen Columbus bekommen hat, liegt nicht am Konzept, sondern an der technischen und moderativen Umsetzung dieser an sich tollen Idee.  Wir  freuen uns schon auf viele Privatradio-Einsendungen für den Jahrgang 2013. Denn eines ist sicher: Das Totenglöckchen für Reisesendungen im Hörfunk wird noch lange nicht geläutet!

Nie wieder Atmo
aus der Konserve!

Das bimmelt eher bei einigen Kollegen Redakteuren der ARD Anstalten. Die Juroren haben sich beim Vor-Hören als auch am Sitzungstag manchmal gefragt, ob sie sich nicht eher ver-hört haben. Da reüssiert in diesem Jahr wieder die berühmte Konserven-Möwe. Eigentlich schon fast ausgestorben geglaubt, hat sie ein findiger Kollege einer kleinen norddeutschen Anstalt aus dem Schallarchiv befreit und mit sekundengenau wiederkehrendem Gekrächze seinen hansestädtischen Reisebericht untermalt. Warum kann ein Reporter die Atmo nicht vor Ort aufnehmen? Was hindert den Autor auf seiner Reise durch Argentinien daran, vor der eigentlichen Reportage zehn, fünfzehn Minuten mit offenem Mikro den Ort seines Schaffens zu durchwandern und authentische O-Töne zu sammeln? Dazu schmatzende Sprecher, Archiv-Atmo, ruppige Blenden und als Interviewpartner immer wieder der Tourismus- oder PR Beauftragte einer Destination.

Aus diesem Grund hat sich die Jury entschieden, in diesem Jahr nur einen goldenen Columbus („Mit dem Zug nach Soller“, BR2, Margot Litten) und einen silbernen Columbus („Bezirzt und rundum sorglos“, DLF, Adalbert Siniawski) auszuloben. Adalbert Siniawski wirft einen kritischen Blick auf die eigene Zunft und berichtet über das Verhalten von Kollegen im Rahmen einer gesponserten Pressereise nach Warschau. Eine Thematik, die vor der Frage „Quo Vadis Reisereportage“ in der VDRJ im Laufe des Jahres sicherli für angeregte Diskussionen sorgen wird.

Vielfältige Beiträge aus reisefremden Redaktionen

In der Kategorie der Langbeiträge wurden neben einem goldenen Columbus („Das Ende der Panamericana“ WDR5, Michael Marek und Sven Weniger) zwei bronzene Columbus vergeben („Prag per Fahrrad“, HR4, Hans-Günther Meurer sowie „Gipfel der Entschleunigung“, DRadio Kultur, Eberhard Schade). Die beiden bronzenen Preisträger demonstrieren Radiokunst auf hohem Niveau und zeigen dennoch den Abstand zum von allen Juryteilnehmern als überragend eingestuften erstplatzierten Beitrag. Durch die Bewertungskategorien „Ethik“, „Sprache“, „Info“, „Stimmung“ und „Technik“ entsteht ein valider „Gesamteindruck“. Wenn also ein technisch anspruchsvoll produzierter und sauber gesprochener Beitrag den Hörer erst nach sieben von insgesamt 28 Minuten auf die Spur bringt, worum es geht in diesem Beitrag, dann ist der Hörer längst weg und Beitrag aus der Wertung raus.

Bei den Redaktionen zeigt sich, dass nicht mehr nur die klassischen reiseaffinen Redaktionen ihre Stücke einreichen, sondern auch Wirtschafts-, Aktuell- und Hintergrundredaktionen. Und – wie schon erwähnt – auch Privatsender. Die meisten davon mit dem Fokus auf den Kernkompetenzen einer Reisereportage: Mehrwert über die Zieldestination zu erfahren, Kulturen kennen zu lernen darüber hinaus politische und soziale Entwicklungen im Blick zu behalten.

Diese Jury war in diesem Jahr ausschließlich mit aktiv tätigen Journalisten besetzt. Neben den VDRJ Mitgliedern Sabine Loeprick (rbb), Rüdiger Edelmann (hr) und Holger Wetzel (Aah!) haben die rbb Hörfunkjournalisten Anja Goerz (radio1) und Detlef Löschmann (rbb Inforadio) sowie Liliane Mika (freie Journalistin) und Andreas Schmidt (NDR) einen ganzen Tag lang mal mehr, mal weniger Kino im Kopf genossen.