VDRJ Columbus Autorenpreis 2017: Gedanken der Jury zum Jahrgang

Ich reise, also bin ich

Die Ego-Perspektive ist in – ein Glücksfall für den Columbus-Autorenpreis 2017

Die Einreichungen zum Columbus-Autorenpreis haben gezeigt, dass ein Trend im Reisejournalismus immer weiter um sich greift: die Wiederentdeckung des Ich-Erzählers. Das tut freilich nicht jedem Text gut – manchen dafür umso mehr. Denn den Gewinnern des Jahrgangs 2017 eröffnet sich trotz oder vielleicht gerade wegen der Ego-Perspektive eine völlig neue Sicht auf die Welt. Die drei Autoren verlassen allesamt ihre Komfortzone auf die eine oder andere Weise – die Krisenreporterin wird zur Reisejournalistin, der misstrauische Redakteur wandert mit einem völlig Fremden durch die afrikanische Savanne und der Vater gibt alle Macht den Kindern.

 

Georg Cadeggianini ist der Sieger der Kategorie Beste Reportage. Der Vater wagt für Die Zeit ein außergewöhnliches Experiment: Mit seinen zwei Kindern verbringt er einen Urlaub in Norwegen – die Organisation, von der Buchung bis zum Einkauf vor Ort, überlässt er ganz den Teenagern. Das ist nicht nur „sehr mutig“, wie Jurorin Antje Blinda findet, sondern auch höchst amüsant. Denn der Münchener erlebt eine wahre Gefühlsachterbahn: Die Vorschläge der Kinder reichen von Berlin-Döner bis Malediven, der falsche Flug wird gebucht und nach dem „Hirn-Magen-Pogo auf der Downhill-Radpiste“ kann der Papa nicht mehr. Mal scheint alles „erstaunlich perfekt“, dann wieder spürt der 40-Jährige „das nörgelnde Kind“ in sich. „Er reflektiert auf eine schöne Weise, was das mit ihm als Vater macht“, stellt Juror Wolfgang Stelljes fest. Die Reportage greift damit einen Trend auf – dass Kinder immer mehr Einfluss auf die Urlaubsentscheidung nehmen – und kann gleichzeitig „für Leser inspirierend sein“ (Johannes Klaus). Cadeggianinis Fazit jedenfalls ist ermutigend: „Die Kinder haben nicht gemotzt.“

 

Die Gewinnerin der Kategorie Beste journalistische Leistung ist Andrea Böhm. Die im Libanon stationierte Nahost-Korrespondentin der Wochenzeitung Die Zeit, Jahrgang 1961, macht sich auf die Suche nach dem biblischen Garten Eden – im Irak. Obwohl man „sturzbetrunken oder Selbstmordattentäter sein [muss], um heute die Wörter ,Paradies‘ und ,Irak‘ im selben Satz auszusprechen“, wird sie im Marschland Al-Ahwar fündig: Vor Jahren mietete hier der Ingenieur Jassim Alasadi einen Bagger, riss ein Loch in die betonierte Ufermauer des Euphrats und verwandelte „Saddams Wüste“ wieder in eine berauschende Landschaft. Die „spektakuläre Geschichte“ (Antje Blinda) ist nicht nur „sehr bildend“ (Dr. Heidrun Braun) und „wahnsinnig kenntnis- und detailreich“ (Philipp Laage), sondern stellt auch einen „interessanten Gegenpol zu all den Negativschlagzeilen dar, die sonst aus dieser Region kommen“ (Mona Contzen), begründet die Jury ihr Urteil.

 

Der Nachwuchspreis geht an Kalle Harberg. Während eines zweimonatigen Rechercheaufenthalts in Tansania begegnet der stellvertretende Leiter des Merian-Ressorts Wissen dem Massai Elias. Trotz seiner anfänglichen Zweifel („Elias hätte mich entzwei brechen können.“) nimmt der 29-Jährige die Einladung an, seinen neuen Freund in dessen Dorf zu begleiten – zu Fuß, zwei Tage lang. Unterwegs trifft er auf Löwenspuren und eine Heilerin ohne Augen, führt endlose Gespräche. Und merkt bald, dass er nicht auf alles eine Antwort hat. Obwohl über das Nomadenvolk schon oft geschrieben wurde, „habe ich viel über die Modernisierung der Massai gelernt“, lobt Juror Merten Worthmann das Produkt der Zufallsbegegnung. Der besondere, ungeplante Blick hinter die Kulissen sei es schließlich, der die merian.de-Reportage auszeichnet, sagt Jury-Mitglied Philipp Laage: „Auf eine angenehm nicht-effekthascherische Art gibt der Text der Kultur viel Raum.“

 

 

Die Jury 2017

 

Barbara Liepert, FAZ/FAS

Merten Worthmann, ZEIT

Ury Steinweg, Gebeco

Antje Blinda, Spiegel Online

Philipp Laage, DPA

Wolfgang Stelljes, Freier Journalist

Christian Leetz, TN Deutschland

Johannes Klaus, Reisedepeschen

Dr. Heidrun Braun, Freie Journalistin

Mona Contzen, Geschäftsführerin VDRJ