Laudatio von Uwe Krist

Parabel über einen guten Menschen

Uwe Krist

Ach, ist das schwer. Seit nun genau 38 Jahren, suchen wir ihn – den möglichst vollendeten, zweifelsfreien, unstrittigen guten Menschen, die wenigstens ein wenig  ideale Inkarnation des  ja: DES Touristikers oder DER Touristikerin überhaupt.

Angefangen hatte es mit der Verleihung des bronzenen Rades als Reise-Symbol, gestaltet vom Frankfurter Künstler Willi Schmidt, 1976 an den damaligen Bundweswirtschaftsminister Dr. Hans Friedrichs.

Der Gutmensch des Reisens – oder der gute Mensch? Wie schnell  verhebt man sich dabei schon einmal, wenn man  nicht aufpasst. Aber die Juroren der VDRJ – und das sind bei dieser Wahl ja alle ihre Mitglieder – haben doch immer wieder eine feine Nase  bewiesen  bei ihrer jeweiligen  Wahl. Frauen und  Männer durften antreten zur Entgegennahme des schwergewichtigen Rades, eine Abbildung des wohl ersten Rades der sich heute so rasend drehenden Weltgeschichte.

Reiner Meutsch also 2014. Auch so ein Gutmensch?

Nein, bitte nicht. Gutmenschen waren schon im  Mittelalter der suspekte Begriff für häretische Bewegungen. Ich mag keine Gutmenschen, diese wenn auch nur ironische Verkehrung des „guten Menschen“ . Die haben so etwas Selbstzufriedenes, Fundamentales.

Schon Nietsche klagte über eine besondere Art der Rebus Moralibus: „…diese guten Menschen sind  allesamt jetzt in Grund und Boden vermoralisiert und verhunzt für alle Ewigkeit.“

Gutmenschen – das war schon  2011 das Unwort des Jahres.

Hier spiegelt sich auch der Begriff des „gut gemeint“ und „gut gemacht“, also des eher altruistischen und  des rein utilitaristischen.

Nein, solche  Gutmenschen sucht die VDRJ nicht und  ist es auch Reiner Meutsch nicht. Sagen wir doch einfach so: ein einfacher, guter Mensch, der das Gute nicht nur will, sondern es auch tut, also die Lösung schafft zwischen zwar wertorientierter aber – wenn auch granulierter ­- dennoch deutlicher  Realitätsferne auf der einen und auf dieser Seite nutzbaren, tatkräftigen Hinlangens.

Also: wer in der wirklichen Welt arbeiten kann, so ein  Aphorismus von Carl Ludwig Börne,  und in der idealen leben, der hat das Höchste erreicht.

Warum so viel Moral am Anfang? Weil es bei allen organisierten Lachern und oft arg  humorlosen  Humoresken nie  verkehrt ist. Wir alle arbeiten für das freie Reisen, für die kleine Unendlichkeit menschlicher Fortbewegung, der irdischen Raumfahrt zum Pauschalpreis. Und da ist es schon fast egal , wohin, zu wem. Weiße Flecken? Wir erledigen das.

Dass wir dabei eine Verantwortung übernehmen in  dieser touristischen Atemlosigkeit, sollte uns – so der abgewandelte Kategorische Imperativ von Kant – stets  bewusst sein. Aber ist er das wirklich?

Wir reisen nun einmal nicht in unbewohnte Regionen, regen auch nicht dazu an. Wohin wir reisen oder publizistisch reisen lassen, ist die Heimat anderer Menschen, die wir berühren, deren Heimat wir auch zum Teil verändern. Hier beginnt unsere Verantwortung als Gast und sie endet nicht mit der Abgabe von Manuskripten oder Filmen.

Zum guten Touristiker gehört also die kontinuierliche, tätige Verantwortung. Wobei wir wieder bei Reiner Meutsch, dem heute 59jährigen „Kroppacher Jung“ aus dem Westerwald, sind.

Früh lernte er das Unternehmer-Handwerk, absolvierte nach der Wirtschaftsschule die Verwaltungslehre.

Die Bundeswehrzeit verbrachte er unter anderem bei den Heeresfliegern und stieg danach in  das Busunternehmen seines Vaters ein. 1989 dann wurde er Geschäftsführer und kurz später auch Gesellschafter der Unternehmensgruppe „Berge & Meer“.

Es folgten gute, fette Jahre. Doch dann der Break. Reiner Meutsch steigt aus. Verkauft seine gesamten Unternehmensanteile, finanziert endlich seinen Traum – Menschen zu helfen. 2009 gründet Reiner Meutsch die Stiftung „Fly & Help“.

2010 dann wechselt er vom Schreibtisch ins Cockpit – er ist der zehnte Deutsche, der mit einem Kleinflugzeug und einem befreundeten Co-Piloten die Welt umrundet.  Sein Ziel, seine Obsession: Geld sammeln für seine Projekte – Schulen bauen in Ländern, wo sie dringend gebraucht werden.

Zwischen 2010 und 2013 wurden 34 Schulprojekte mit einem Fördervolumen von ca. 945.000 Euro umgesetzt.

Er – der ehemalige Volltouristiker –  wollte damit diesen Ländern – allesamt auch touristische Ziele – etwas wiedergeben. In diesem Fall Bildungschancen für die Kinder.

Bis Ende dieses Jahres werden insgesamt 60 Schulen gebaut oder renoviert sein, u. a. in Ruanda, Kenia, Namibia, Nigeria, Myanmar, Brasilien, Tschad, Senegal, Sudan, Indonesien, Dominikanische Republik, Kuba, Peru und Sri Lanka.

Und er hat große und großartige Partner gefunden, wie beispielsweise die DER Touristik, die mittlerweile unter dem Motto DER Welt verpflichtet das Gros der Spenden für Reiner Meutsch generiert. Die Kernbotschaft lautet: zehn Schulen bauen in einem Jahr. Weitere drei sind schon in Planung. Die Finanzierung steht. Zudem gewinnt der Veranstalter Airline-, Hotel- und Reisebüropartner für großzügige Spenden.

So wird das ganze zu einer hilfreichen Gemeinschaftsaktion, in der Fly & Help der ideale Partner ist, um Schulen auch in DER-Reisezielen zu bauen. So wächst die gute Idee, dem Gastland, etwas zurückzugeben, weiter.

Und noch besser: Sämtliche Kosten der Stiftung wie Verwaltungs- oder Reisekosten  zahlt Meutsch aus eigener Tasche, jeder gespendete Cent fließt direkt in die Projekte.

So ist das mit dem vom eigenen Moralglück paralysierten Gutmenschen und dem tätigen guten Menschen, der anpackt statt zu predigen. Und den Puristen sei gesagt: Das Reine, Einfach ist selten rein und niemals einfach.

Gut, dass es ihm nicht so geht wie dem Guten Menschen aus Sezuan, der selbstlosen Shen Te, die im offenbar unvermeidbaren moralischen Konflikt in einer kapitalistisch orientierten Gesellschaft scheitert. Doch auch Brecht ruft optimistisch dazu auf, sich einzusetzen für eine neue Welt, in der es möglich ist, gut zu sein. Dazu zählt an ganz vorderer Stelle auch die Welt des Reisens und Bereistwerdens.

Und so ist dies eine – sicher auch moralische – Laudatio für Reiner Meutsch, aber zugleich auch eine hoffentlich nicht nur utopische Parabel über unseren  ganzen  Stand.

 

Uwe Krist