Schreiben gegen das Fernweh

Was die diesjährigen Preisträger eint, ist, dass sie das Beste aus einer katastrophalen Situation gemacht haben. So entstand etwa im Ausnahmejahr 2020 die „Beste Reisereportage“ über ein fernes Land im heimischen Arbeitszimmer. (Foto: Nina Lüth)

Mit Kreativität und Recherche gegen die Krise: Die diesjährigen Gewinner der Columbus-Autorenpreise 2020 haben das Beste aus einer katastrophalen Situation gemacht. – Gedanken zu den Einreichungen und der letztlichen Auswahl von der zuständigen Preisgeschäftsführerin Mona Contzen.

Das Jahr 2020 hat uns alle vor große Herausforderungen gestellt, aber kaum eine Branche war von der Pandemie so betroffen wie die Reiseindustrie. Natürlich waren Reisen in einigen Monaten des Jahres möglich, vor allem Deutschland rückte als Destination in den Fokus. 

Und doch machte sich vielerorts ein wehmütiges Fernweh breit, das Reisejournalisten und -blogger mit unterschiedlichen Ansätzen zu bekämpfen versuchten: Da gab es Reportagen aus unbeschwerten Tagen, über Samba in Rio oder den Zauber der Färöer. Oder Chroniken der Krise – von den Weltumseglern, die wegen Corona zu Gefangenen auf ihrem eigenen Schiff werden, bis zur buchstäblichen Grenzerfahrung an den geschlossenen Übergängen zu Deutschlands Nachbarländern. Und es gab viele kreative Ideen, die kleine Auszeiten vom Pandemie-Alltag versprachen: Mini-Abenteuer vor der eigenen Haustür, akustische Trips von der Yoga-Matte aus, virtuelle Reisen um die ganze Welt.

Reisen, aber anders

Aber kann man überhaupt eine Reisereportage auszeichnen, für die sich der Autor gar nicht vom Schreibtisch weg bewegt hat? Wie nah kann man einem Ort per Mausklick schon kommen? Diese Frage hat sich Philipp Daum gestellt und ist für Zeit online per Google Street View nach Alaska gereist. Herausgekommen ist „Das letzte große Abenteuer“ – für die Columbus-Jury die Beste Reportage in diesem Ausnahmejahr 2020.

Philipp Daum klickt sich nicht nur am Bildschirm gut 1.700 Kilometer und wochenlang durch den US-Bundesstaat, er hört lokale Radiosender, telefoniert mit den Menschen am Wegesrand, campiert schließlich in seinem eigenen Wohnzimmer. Die Jury beeindruckt der Autor damit auf mehreren Ebenen: Er setzt die Idee der virtuellen Reise mit großem Zeitaufwand, kreativer Recherche und Witz konsequent um, bis vor dem geistigen Auge des Lesers, der beim Roadtrip auf dem Beifahrersitz Platz nimmt, ein umfassendes und lebendiges Bild von Alaska entsteht. So stillt der Zeit-online-Redakteur mitten in der Pandemie das Fernweh und zeigt, dass digitales Reisen funktionieren kann. Wie nah kann man einem Land kommen? Näher als er, ist keiner gekommen, so die einstimmige Meinung der Jury.

Recherche, aber Abstand

Nah dran ist auch Simon Book, der die Hotelkette 25 Hours für den Spiegel beinahe ein ganzes Jahr lang durch die Pandemie begleitet hat. Für die intensive Recherche, die beispielhaft den Überlebenskampf einer ganzen Branche nachzeichnet – der Wettbewerbsbeitrag trägt den Titel „Umsatz: 51 Euro“ –, ehrt die Columbus-Jury den Spiegel-Redakteur mit dem Preis für die beste journalistische Leistung.

Kaum eine Branche trifft die Krise so hart wie das Gastgewerbe: 70 Prozent der Hoteliers sehen ihre Betriebe in existenziellen Nöten, noch ist nicht klar, wer langfristig durchhält, stellt Book gleich zu Beginn fest. Und dann folgt das Auf und Ab des vergangenen Jahres, Hoffnung und Zuversicht, Verzweiflung und Trauer – erzählt anhand nackter Zahlen: Hier sechs Anreisen, dort 51 Euro Umsatz, 116 Mitarbeiter weniger. Anstelle der geplanten elf Millionen hat die Gruppe im November keine anderthalb eingenommen, da sind nicht einmal mehr 3.000 Euro Reparaturkosten für eine kaputte Eismaschine drin. Meisterhaft komprimiert Simon Book so die wirtschaftliche Krise einer ganzen Branche in einer dicht erzählten, gut recherchierten Geschichte, die gleichfalls ins Reise- wie auch ins Wirtschaftsressort passt.

Nah dran, wo es geht

Während die einen auf Gäste warten, sind die anderen auf der Suche nach Gastgebern. Paul Hildebrandt ist für Zeit Campus nach Gran Canaria geflogen, um dort eine Reise-Szene der besonderen Art unter die Lupe zu nehmen: Von hier aus wollen junge Abenteurer aus ganz Europa per Schiff über den Atlantik trampen. Für seine Reportage „Ein Schiff wird kommen“ erhält der Freiberufler den diesjährigen Nachwuchspreis für junge Autoren.

Hildebrandt hat die Columbus-Jury nicht nur mit einem außergewöhnlichen Thema begeistert, er skizziert auch seinen Protagonisten Malte mit tiefen Einblicken in dessen Gefühls- und Gedankenwelt, die offenbaren, wie nah der Autor dem Anhalter gekommen ist. Beim Warten auf den Aufbruch kreiert er gleichsam eine Atmosphäre, in der sich der Leser wohlfühlt. Schließlich warten wir in einem Jahr voller Reisebeschränkungen alle ein bisschen mit.

Was die diesjährigen Preisträger eint ist, dass sie das Beste aus einer katastrophalen Situation gemacht haben. Ein Text aus dem Wirtschaftsressort und eine Reisereportage, für die der Autor seinen Schreibtisch nicht verlassen hat – solche Columbus-Preisträger sind wohl nur im Pandemie-Jahrgang vorstellbar. Ein besonderes Jahr mit außergewöhnlichen Wettbewerbsbeiträgen erfordert eben auch besondere Entscheidungen der Jury, den Herausforderungen und Arbeitsbedingungen angepasst. Doch eines soll hier ganz deutlich gesagt sein: Wir warten auf den Aufbruch zu neuen großen Reisen.

Die Autorenpreisträger-Beiträge in der Übersicht

Die Autorenpreis-Jury 2020

  • Mona Contzen (frei), Geschäftsführerin Columbus Autorenpreis, sowie
  • Antje Blinda (Der Spiegel)
  • Dr. Heidrun Braun (frei)
  • Hansjörg Falz (Merian)
  • Alicia Kern (Gebeco)
  • Johannes Klaus (Reisedepeschen)
  • Philipp Laage (dpa)
  • Barbara Liepert (FAZ/FAS)
  • Wolfgang Stelljes (frei)
  • Merten Worthmann (Die Zeit)
Wir danken dem Sponsor der Columbus-Autorenpreise 2020

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