„Frau Rieger, die Beatles und ich“ – Columbus für die beste Reportage

Eine Reise nach Indien mit ganz neuen Erfahrungen

Der Ganges ist eine Wucht und den Hindus heilig; Foto: Björn Erik Sass
Der Ganges ist eine Wucht und den Hindus heilig; Foto: Björn Erik Sass

Seine Englischlehrerin quälte ihn mit Beatles-Interpretationen, seine Mutter tanzte peinlich zu ihren Songs. Jetzt pilgert Björn Erik Sass zum Beatles-Aschram in Indien, um Frieden mit der Band zu schließen.

Wenige Bands sind mir je so auf die Nerven gegangen wie die Beatles. Daran wirkten zwei Frauen mit. Meine Mutter war ein Fan dieser Musikgruppe, sie rangierte bei ihr noch vor dem Don Kosaken Chor und Boney M. Es konnte passieren, dass sie, wähnte sie sich allein, eine ihrer Platten auflegte und dazu vor sich hin hoppelte. Kam man unvermutet dazu, benahm sie sich fürchterlich ertappt. So reifte in mir früh die Erkenntnis, dass man diese Band allenfalls heimlich hören durfte.

Frau Rieger war meine Englischlehrerin in der Mittelstufe. Sie war Ende der sechziger Jahre jung. Also nötigte sie uns, sie zu duzen, und ließ uns Beatles-Songs interpretieren. Nie war ihr eine Deutung tiefgründig genug, immer gab es noch eine unentdeckte Metaebene, und sie ließ uns graben und graben, bis die Stücke keine Lieder mehr waren, sondern hässlicher Schutt.

Fürderhin konnte ich die Beatles nicht mehr hören, ohne schlechte Laune zu bekommen. Weil es aber heißt, dass gelassener lebt, wer Hass überwindet, habe ich beschlossen, den Engländern noch eine Chance zu geben. Das passt auch zeitlich tipptopp, denn vor genau 50 Jahren, im Februar 1968, reisten die Beatles nach Nordindien, um im Aschram von Maharishi Mahesh Yogi zu meditieren und Yoga zu machen. Bei einem seiner Vorträge auf ihrer Insel hatten sie den Guru und seine Transzendentale Meditation kennengelernt. Die versprach unter anderem, man könne lernen, aus dem Schneidersitz heraus zu fliegen, allein aus Geisteskraft. Keine Ahnung, ob die Beatles das glaubten. Aber Ende der sechziger Jahre hatten sie längst genug Platten verkauft, um die Kursgebühren zu bezahlen und es zu versuchen. Alle vier reisten damals nach Rishikesh, John, Paul, George und Ringo samt Ehefrauen, auf der Suche nach innerer Erleuchtung. Ich reise ihnen hinterher, weil tief in mir die Hoffnung schlummert, unsere Beziehung doch noch in gesündere Bahnen lenken zu können. We can work it out.

Von Delhi aus fahre ich viele Stunden mit dem Zug über brettflaches Land. Felder wechseln sich ab mit kleinen Städten, Zuckerrohrplantagen mit Bahnhöfen, an denen Menschen aus Körben Gebackenes an die Fahrenden verkaufen. Mein Ziel ist ein Vorort von Rishikesh im Bundesstaat Uttarakhand.

Nach meiner Ankunft trete ich auf den Hotelbalkon und sehe: Berge ringsumher, und unter mir fließt schäumend der Ganges über die Kiesbänke einer Flusskehre. Bis nach Nepal ist es nur ein Stückchen nach Osten, kaum weiter nach Tibet im Norden. Das Tal ist eng, überall weiß und rot und golden bemalte Tempel. Nach rechts, nach Süden, laufen die Berge aus. Dort hinaus strömt der Fluss in die Ebene, die seinen Namen trägt. Am Horizont sehe ich, wohin das führt, und es fühlt sich an, als beginne hier etwas Großes.

Zeit für eine erste Konfrontation. Ich starte die Musik auf meinem Mobiltelefon per Zufallsgenerator. Dazu muss man wissen, dass ich vor meiner Abreise ausschließlich Beatles-Songs in meine Spotify-Liste geladen habe, um ganz bei meiner Mission zu bleiben. Ob-La-Di, Ob-La-Da klingt an. Ich empfand das Lied immer als unfassbar schepperig und anstrengend. Geht mir immer noch so, selbst mit Himalaya im Blick. Langsam wird mir das Ausmaß dieser Herausforderung bewusst.

Den Hindus ist Rishikesh eine heilige Stadt, im Tal der Heiligen gelegen, am heiligen Fluss Ganges, ebenso heilig sind die Kühe in den Straßen. Und jeder Mann, der ärmlich aussieht und leider nicht arbeiten kann, weil er den Göttern nah sein will, und der dafür Spenden anzunehmen bereit ist, der ist ein Sadhu und, logisch, auch heilig.

Und weil so viel Heiligkeit in der Luft liegt, versuchten sie hier schon immer, dem Göttlichen näherzukommen. Es heißt, Yoga sei in diesem Tal entstanden. Die Stadt hat 70 000 Einwohner.

Keine Spur von Beatles… (Foto: Björn Erik Sass)

Bei meinem ersten Rundgang gehe ich vorbei an Läden mit Schmuck, mit Yoga-Literatur, mit Klamotten mit Sanskrit-Om darauf, vorbei an Garküchen, an Chai-Schänken, an  propangasbetriebenen Popcorn-Pfannen. Immer wieder nickt man mir einladend zu, zu kaufen, zu essen, zu spenden, aber immer gelassen, nie aufdringlich. Ich kann in meinem eigenen Tempo in diesem Strom schwimmen.

Doch nirgends eine Spur der Beatles. Ich hatte mit Devotionalien-Verkäufern sonder Zahl gerechnet, mit T-Shirts, Büchern, bunten Gemälden, Bronze-Erinnerungsplaketten und verkaufsfördernden Namensaneignungen von Cafés, Hostels, Rikscha-Verdecken. Stattdessen: nichts.

Ein Herr spricht mich an. Er trägt ein silbernes Glitzer-Jackett, das auch John Travolta mal gestanden hätte. Aber sein Turban, sein Schnurrbart, die ganze Haltung sind durch und durch würdevoll. Ich sei sicher gerade eingetroffen, er möchte mich gern aus vollem Herzen – er legt dazu die Hand auf die Brust und deutet eine Verbeugung an – willkommen heißen. Er könne sehen, dass mich sehr persönliche Gründe bewegt hätten, an diesen Ort zu kommen, fährt der Mann fort, und vielleicht sei auch Schmerz damit verbunden, dann sei dies ein guter Platz, den Schmerz in Freude zu verwandeln. Ob ich auch suche und Yoga üben und meine spirituellen Fenster öffnen will?

Eigentlich möchte ich sagen, nee, ich bin hier, weil die Beatles scheiße sind und das Wetter in Deutschland erbärmlich ist, aber der Mann hat etwas an sich, das Albernheiten verbietet. Er sei Seher und Yoga-Meister, ein echter. „Sir, ich versuche hier nicht, Ihnen etwas zu verkaufen.“ So einnehmend ist der Mann, sein Blick gleichzeitig sanft und zwingend, dass ich mich bestimmt zu ihm gesetzt hätte. Doch jemand zieht mich am Arm fort. „Geh weiter, wenn du kein Horoskop kaufen willst“, sagt man mir.

Ich laufe runter zum Fluss und überquere ihn auf einer stählernen Hängebrücke. Inder, westliche Besucher, alle drängen sich hier hin und her zwischen den beiden Dörfern Tapovan und Lakshman Jhula. Die Brücke ist so schmal, dass ich mit ausgestreckten Armen beide Seitengeländer berühren kann. Trotzdem nehmen auch Motorräder diesen Weg. Sie arbeiten sich hupend durch die Fußgänger, die gleichmütig Platz machen und weitergehen.

Der Ganges ist eine Wucht. An seinem linken, östlichen Ufer reihen sich die Aschrams. Über Stufen steige ich hinab ans Wasser. Aus der Nähe sieht der Fluss noch kraftvoller aus. Ich glaube, selbst wenn man taub wäre, spürte man beim Anblick seiner Bewegung ein machtvolles Rauschen, nicht hektisch, nicht gefährlich, ein tiefes, antreibendes Urzeitrauschen. Der Fluss ist hellgrün, wie fein polierte Jade.

Am nächsten Morgen breche ich früh auf, um das zentrale Ziel meiner Reise zu erkunden. Ich gehe an den Aschrams am Fluss vorbei, den Strand entlang, an dem Männer, nackt bis auf ein Leinentuch, ihr rituelles Morgenbad nehmen. Gesang dringt aus den Tempeln, Räucherstäbchenduft liegt in der Luft, frischer Kuhdung auf den Wegen. Dann stehe ich vor einem Tor in einer Mauer, wo ein Pförtner den erhöhten Eintrittspreis für Besucher aus dem Westen kassiert. Auch hier: keine Werbung, kein Souvenirshop, keine Tafel, die daran erinnert, dass durch dieses Tor einst auch die Beatles geschritten sind. Und dann bin ich drin im Rajaji-Tigerreservat, das einmal der Aschram des Maharishi gewesen ist.

Ein Pfad führt durch die vielefußballfeldergroße Anlage. Bienenkorbförmige Betonhütten stehen im Baum- und Lianengestrüpp. In ihrem Eingang saß man, um zu meditieren, und die Kuppel verstärkte den Klang des Om. In den Neunzigern wurde der Aschram aufgegeben, der Guru starb 2008 in den Niederlanden.

Obwohl es sich um einen Pilgerort für Beatles-Fans aus aller Welt handeln soll, habe ich die Anlage ganz für mich allein. Also setze ich mich in den Eingang einer Hütte und probiere ein schüchternes Om. Klingt hübsch mit dem Kuppelhall und dem Wildnisgetschirpe um mich herum. Die Beatles haben hier einen Großteil der Lieder für ihr White Album geschrieben. Das ging mir früher besonders auf den Senkel, weil alle Musikfreunde es so toll und wichtig fanden und weil Frau Rieger sich daran besonders intensiv abarbeitete.

Jetzt frage ich mich, wie man in dieser herrlich friedlichen Atmosphäre überhaupt auf so dissonanten Kram kommt.

Hinter einer großen Wiese liegt ein mehrgeschossiges Gebäude, vollkommen nackt, keine Farbe, keine Fensterläden, keine Inneneinrichtung mehr, und in diesem üppigen Wald sieht die Frühe-Sechziger-Architektur immer noch grandios aus. Kleinere ehemalige Wohnhäuser an der Seite. Noch mehr Bienenkorbhütten. Über einem Eingang steht „The Beatles Cave No. 9“.

Innen an den weißen Wänden haben frühere Besucher Liedzeilen hinterlassen. Veera und Tamara notierten im vergangenen September „Yesterday, all my troubles seemed so far away“. „While my
guitar gently weeps“ steht da und „Dear Prudence, why don’t you come out and play?“. Ich weiß noch, wie Frau Rieger damals darauf bestand, die Bedeutung des Wortes prudence, „Besonnenheit“, im soziokulturellen Kontext der Entstehungszeit des Songs zu untersuchen.

Gestern Abend auf meinem Balkon las ich, Prudence sei einfach der Name von Mia Farrows Schwester gewesen, die mit nach Rishikesh gekommen war, weil die Beatles noch Platz hatten. Prudence sei aber meistens in ihrer Hütte geblieben, las ich, weil sie so schüchtern war. John Lennon habe sie mit dem Lied aufmuntern wollen. Und da macht Frau Rieger so ein Bohei daraus! Ungefähr 60 Leute sollen damals mit der Band im Aschram gelebt haben, unter ihnen auch der Sänger Mike Love von den Beach Boys.

Der Maharishi fand das super, weil er an dem Großauflauf fantastisch verdiente, während außerhalb des Aschrams der Pressetross herumlungerte und auf eine Fotogelegenheit wartete. Affen springen durch die Bäume. Vögel kreischen und singen und schnattern. Ich streife durch ein großes altes Wohnhaus, steige auf eine Böschung hoch über dem Fluss, eine der letzten Erhebungen, bevor das Land und das Wasser sich endgültig dem Sog der Ebene ergeben. Das ist phänomenal schön. Hier also meditierten die Beatles mit ihren Freunden und kamen total zu sich selbst und ließen die reiche Kultur Indiens mit allen Aspekten auf sich wirken oder so.

Von Ringo Starr heißt es allerdings, er sei mit zwei Koffern angereist: einem mit Klamotten und einem mit Baked Beans, um keine Currys essen zu müssen. Angeblich hat er wegen einer Lebensmittelunverträglichkeit nichts anderes als seine Bohnen essen können. Ziemlich modern und urban, beinahe hipsterig, diese Haltung, denke ich. Als der Futterkoffer nach zwei Wochen leer war, fuhr Ringo samt Gattin wieder heim nach England.

Auf einem Mauervorsprung sonnt sich eine rotärschige Languren-Meerkatze. Ein Artgenosse steigt hinterher, guckt arrogant über mich hinweg, lupft das Hinterteil des Vordertiers und penetriert es. Fünfzehn Sekunden geht das, dann schlendern die beiden entspannt in verschiedene Richtungen.

Paul McCartney sagte mal, sie hätten in Rishikesh eine ähnliche Szene beobachtet. Daraus sei das Lied „Why Don’t We Do It in the Road“ entstanden. Bei Frau Rieger klang das anders. Sie fand, dass es in dem Song um Liebe geht und um noch irgendwas Verschwurbeltes. Sie hat auch immer behauptet, sie sei in ihren Zwanzigern selbst durch Indien gereist. Bin inzwischen nicht mehr so sicher, ob das stimmt. Es fühlt sich hier alles gar nicht so kompliziert an, wie sie es immer gemacht hat.

Die Beatles hatten ursprünglich mehrere Monate in Rishikesh bleiben wollen. McCartney reiste nach vier Wochen ab, Harrison und Lennon zwei Wochen später. Ich glaube, ich könnte es an diesem Ort ziemlich lange aushalten. Auf dem Heimweg fällt mir an einer Mauer ein Wandbild auf, das die Beatles zeigt. Ist das ein Zeichen? Kommen wir uns näher?

Von nun an bin ich fürchterlich hin- und hergerissen. Ich habe nur noch wenige Tage in Rishikesh. Eigentlich könnte ich jeden Tag zu dieser Aschram-Ruine zurückkehren. Die restliche Zeit über würde ich in Cafés sitzen, auf den Fluss schauen und Westliche-Passanten-Hobbys-Raten spielen. Das ist ein Spiel, das nicht einmal für mich zu kompliziert ist: Sie suchen alle nach Erleuchtung.

Rishikesh nennt sich auch Welthauptstadt des Yoga. Das ist schon modisch klar auszumachen. Die jungen Männer tragen grundsätzlich einen Man-Bun auf dem Hinterkopf und einen eklektischen Yoga-Trekking-Backpacker-Klamotten-Mix, die alten Männer des Westens tragen ihr weißes Haar gern offen und lassen ihren Körper von viel Leinen und Wolle soft umspielen, weil sie ja längst auf den weichen Schwingungen der Befreitheit unterwegs sind. Ihre Gesichter eint die Versonnenheit, ernst bei den Jungen, milde wissend bei den Alten, und meist tragen sie Bücher mit sich. Nicht dass ich das mit dem Yoga nicht ernst nehmen würde.

Eine Stunde buche ich bei Anan aus Barcelona. Sie ist Anfang zwanzig, und sie lächelt immerzu hinreißend, aber ich weiß schon, dass es darum bei diesen Körper- und Bewusstseinsübungen überhaupt nicht geht. Andrew aus Colorado nimmt mit an der Stunde teil. Er ist ein junger Mann vorher beschriebenen Typs, nur dass er sein Buch „Allowing the Inner Self to Becoming the Grandest You“ nicht in der Hand hält, sondern zwischen den großen Zehen an den lang ausgestreckten Beinen, den Rücken derweil räucherstäbchengerade. Bei den Übungen im Stehen kann ich hinunter aufs Wasser schauen. Weil der Fluss so heilig ist, vielleicht aber auch nur, weil er so schön ist, sehen alle Hotels, Yogastudios, Aschrams und Restaurants zu, dass sie irgendwie Wasserblick versprechen können.

Am Ende der Stunde tobt eine Horde Affen über das Wellblechdach. Es rollt wie Gewitterdonner, nicht unheilvoll, sondern wie eine heitere Äußerung der Kraft der Natur. Zum Sonnenuntergang fahre ich ans Flussufer. Jeden Abend wird dort die Arti-Zeremonie gefeiert, mit der sie den Ganges ehren, den sie die Ganga nennen und der für sie eine göttliche Mutter ist, weil er die große Ebene im Süden fruchtbar macht.

Jeden Abend wird am Fluss die Arti-Zeremonie gefeiert – zu Ehren des Ganges. (Foto: Björn Erik Sass)

Diese Inbrunst, mit der sie ihre Öllampen im Gleichtakt schwenken, mit der die Band spielt, die verbrannten Gewürze in der Luft, die großen Augen der Zuschauer, fast nur Inder, die kleinen Schiffchen aus eng verflochtenen Blättern mit Blüten und einer brennenden Kerze darin, die dem Fluss als Opfer gebracht werden: Die Zeremonie dauert eine Stunde, und genauso lange habe ich einen Kloß im Hals.

Im Restaurant, in dem ich zu Abend esse, schlürfen meine Mitgäste gelbliches Zeug aus großen Gläsern. „Ein Special, steht nicht auf unserer Karte“, sagt der Wirt. Bhang Lassi sei das, angereichert mit bestimmten Kräutern. Die Hindus nähmen es gern zu sich, um Shiva näherzukommen. Egal, nehm‘ ich. Während der Wirt meinen Drink bastelt, recherchiere ich im Internet, was ich bestellt habe. Es handelt sich um eine Art Cannabis-Milchshake. Und obwohl ich sonst eher der Kontrollverlustangst-Typ bin, überlege ich: Der Fluss und dieses Rishikesh machen mich vom Gemütszustand her ohnehin so breit, was soll da ein bisschen Gras zusätzlich anrichten? Und die Beatles sollen ja auch Drogen im Aschram genommen haben.

Als ich nach dem zehnten Schluck die Wirkung des ersten Schluckes merke, denke ich ohauaha und lasse das Glas lieber stehen. Die unbeleuchtete Brücke schwankt noch ein bisschen mehr als sonst über dem schwarzen Fluss, und trotz der Schwärze kann ich Strudel im Wasser ausmachen, und fiele ich nun ins eiskalte Wasser, würde ich nicht frieren, weil die Wirbel und der Fluss sich an mir reiben und mich umarmen würden. Ich werde an diesem Abend nicht mehr nüchtern genug, um zu merken, was für einen Schwachsinn ich mir da zurecht fantasiere.

Am nächsten Morgen hängt der Nebel dicht im Tal über dem Fluss. Die Wärme der aufgehenden Sonne vertreibt ihn, der Wind ballt ihn neu zusammen, so geht das eine Weile hin und her. Mit dem Rest Kräutershake im Kopf setze ich mich auf den Balkon, den ersten Kaffee in der Hand, „Dear Prudence“ auf den Kopfhörern. Es klingt nicht vollkommen unhübsch.

Ich glaube, ich bin jetzt so weit. In Gedanken sehe ich eine Gruppe junger Leute, Mitte, Ende zwanzig erst, aber längst schon so berühmt, dass sie dem nirgends entkommen können. Wenn die sich hier aus den bunten Stoffen vom Markt Klamotten nähen lassen und die Fotografen das ablichten und die Bilder nach Hause schicken, wird Hippie-Mode der neue Trend. Da sitzen sie mit ihren Freunden, die Sonne scheint, der Guru sagt Kalenderweisheiten auf, wie Gurus es tun, John schaut täglich auf dem Postamt, ob Yoko ihm geschrieben hat, kopulierende Affen mitten im Bild – klar schreibt man da Lieder. Spielkonsolen gab es ja nicht.

An meinem letzten Abend in Rishikesh stehe ich zum Sonnenuntergang am Ostufer. Eine halbe Stunde bevor sie hinter den Horizont sinkt, wird die Sonne orangerot und milchig. Mir kommt das vor wie ein sehr indisches Licht. Als Souvenir fülle ich Wasser aus dem Fluss in kleine Fläschchen, die es mit einem Om-Aufkleber überall für ein paar Cent zu kaufen gibt. Ziehe Stiefel und Socken aus und steige ein paar Schritte hinein. Und dann presst ein Rauschen, das ich viel mehr fühle als höre, ein starkes, aber ruhiges Rauschen, diesen Reim aus mir heraus: „Es strömt der Ganges wie polierte Jade, ich steige hinein, aber erst nur bis zur Wade.“ Es ist der Anfang eines Songs, das spüre ich ganz deutlich.

Und wenn er erst im Radio läuft, soll Frau Rieger darin so lange nach Metaebenen suchen, wie das Wasser des Ganges von seiner Quelle bis in den Ozean braucht.

Björn Erik Sass

Mit seiner Geschichte „Frau Rieger, die Beatles und ich“ über eine Indien-Reise, erschienen am 11. März 2018 in der Zeit auf Z, erschrieb sich Björn Erik Sass den Columbuspreis für die Beste Reportage.

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