„Es muss normal sein, eine Reise zu buchen“

Auch Menschen mit körperlichen Einschränkungen können weltweit unterwegs sein; Foto: Runa Reisen
Auch Menschen mit körperlichen Einschränkungen können weltweit unterwegs sein; Foto: Runa Reisen

VDRJ-Columbus-Ehrenpreisträger 2019 Karl B. Bock im Gespräch mit Rüdiger Edelmann

Karl B. Bock ist Geschäftsführer von Runa-Reisen, Deutschlands größtem Reiseanbieter für Menschen mit körperlichen Einschränkungen. Neben Rollstuhl-Urlaub, Pflegehotels und betreuten (Gruppen-) Reisen, beinhaltet der Katalog auch eine Auswahl für Gäste mit Seh- und Hörbehinderungen sowie Allergiker. Selbst außergewöhnliche Trips werden realisiert.

Wie groß ist die Palette, die Sie abdecken?

Karl B. Bock Sie reicht von Reisen mit leichter Gehbehinderung bis zur Urlaubsorganisation für eine Wachkoma-Patientin. Schwerpunkt sind mit über 90 Prozent aber Rollstuhlfahrer, von leichter Einschränkung bis zur Querschnittslähmung.

Wie wird aus der guten Absicht ein Geschäftsmodell und ein Reisekatalog?

Bock Extreme lassen sich nur individuell organisieren. Beim Standardangebot ist die Zielgebietsrecherche maßgeblich. Wenn wir auf Unterkünfte stoßen, die offensichtlich eine gute Infrastruktur
für unsere Gäste bieten, schauen wir nach dem detaillierten Angebot und auch gezielt nach Schwachstellen. Dann folgt das Angebot im Zielgebiet. Wie ist die Infrastruktur? Wie steht es um Freizeit- und Bademöglichkeiten? Da kämpften Gäste im Ausland oft mit zu hohen Bordsteinen ohne Absenkung. Das führt im Extremfall dazu, dass das Hotel zum Gefängnis wird, weil Reisende das Haus ohne fremde Hilfe nicht verlassen können. Da achten wir heute viel stärker auf die Barrierefreiheit der Umgebung. Wenn sich das Ganze als buchbares Produkt darstellt, dann entstehen Pauschalreisen mit individueller Beratung, die wir unseren Gästen anbieten.

Es gibt historisch gewachsene Urlaubsangebote gemeinnütziger Organisationen für ihre Kundschaft. Wo liegen die Unterschiede?

Bock Wir haben andere Ziele. Runa-Reisen ist inzwischen weltweit unterwegs. Exotik ist bei uns kein Ausschlusskriterium. Sie können zum Beispiel eine Zeltsafari in Botswana buchen.  Hauptunterschied ist, dass wir nicht in einer geschlossenen Gruppe und zu einem festen Termin verreisen. Bei uns kann jeder Gast über das Wann, Wohin und mit Wem selber entscheiden. Diese neue Freiheit haben uns unsere Gäste sehr gedankt.

Wohin kann man mit Ihnen verreisen?

Bock Wir bieten die ganze Welt an. Die Nachfrage entspricht aber ziemlich genau dem gesamttouristischen Markt. Sehr viele Kunden verreisen innerhalb Deutschlands. Da spielt der Transfer von Haustür zu Haustür eine große Rolle. Flugreisen machen etwa 50 Prozent aus. Da sind hauptsächlich auch Muskelerkrankte dabei, die zum Beispiel im Winter ein warmes Klima schätzen. Die Fernreiseziele schwanken sehr stark. Afrika und Mexiko werden gerne gebucht. Das Gros der Kunden bleibt aber in Europa.

Bei Runa Reisen werden Reiseträume wahr; Foto: Runa Reisen

Und wie steht es um die Realität des Fliegens?

Bock Wir haben eine Kollegin, die nichts Anderes macht als Flugreservierungen, inklusive der Realisierung der besonderen Bedürfnisse. Da muss geklärt werden, welche Art der Assistenz erforderlich ist, ob, wie und vor allem welcher Rollstuhl transportiert werden kann. Anmeldung und Handling von medizinischem Sondergepäck müssen genau geplant werden. Menschen mit Handicap brauchen mehr Beinfreiheit. Da stoßen wir oft an Grenzen.

Strandurlaub. Wie komme ich in den Pool oder auch ins Meer?

Bock Der Sitzlifter am Pool wird häufiger, ist aber immer noch kein Standard. Bei Stränden ist es ähnlich schwierig. Selbst wenn eine Rampe existiert, versinkt der Rollstuhl anschließend im Sand. Aber es gibt auch Strandrollstühle, zum Teil sogar zur kostenfreien Miete, und dort assistieren in der Regel auch Rettungsschwimmer.

Sie bieten auch Hotels an, die extra für Gäste im Rollstuhl konzipiert wurden. Ein Erfolg?

Bock Es gibt Gäste, die nehmen solche Häuser gerne in Anspruch, da sie auf der sicheren Seite sind. Allerdings haben wir auch Kunden, die als Rollstuhlfahrer nicht in einem Hotel wohnen möchten, das ausschließlich von Gästen gebucht wird, die auch eine Bewegungseinschränkung haben. Wir versuchen beide Interessen abzudecken.

Urlaub hat auch immer etwas mit der Erfüllung von Träumen zu tun. Welche Träume machen Sie wahr?

Bock Für den Abenteuer suchenden, meist jüngeren, Gast: Vietnam per Rundreise und Machu Picchu. Oder ganz simpel eine Kreuzfahrt. Die Reedereien, mit denen wir zusammenarbeiten, bieten barrierefreie Kabinen an. Bei den Landausflügen haben wir Agenturpartner vor Ort, die genau wissen, was geht und dafür die Voraussetzung schaffen. Es gibt auch individuelle Mietwagen-Rundreisen in den USA, wenn nötig mit Spezialfahrzeugen und vorher gecheckten barrierefreien Routenvorschlägen. All das sind Lebensträume, die wir zu realisieren versuchen, im Übrigen auch  für allein reisende Gäste. Das geht aber nicht immer und nicht überall.

In Ihrem Angebot sind auch Pflegehotels.

Bock Die befinden sich zum Großteil in Deutschland. Es gibt einige wenige Ausnahmen, zum Beispiel in Spanien. Diese Hotels bieten dann die 24-Stunden-Pflege auch mit Blick auf pflegende Begleitpersonen, die so auch einmal Urlaub machen können.

Hat sich bei Handicapped-Reisen etwas im Bewusstsein des touristischen Markts verändert?

Bock Einer unserer Mitarbeiter, Rollstuhlfahrer und jetzt über 50, kann sich noch daran erinnern, dass er als Rollifahrer bei der Bahn im Gepäckwagen reisen musste. Der betont, dass die  Entwicklung der letzten 20 Jahre wirklich phantastisch ist. Trotzdem gibt es noch viel zu tun.

Soziales Reiseangebot contra Geldverdienen. Geht das?

Bock Natürlich sind wir rund 20 Prozent teurer als das, was man von der Stange buchen kann. Die Leistungen sind aber auch höher: Exklusivtransfer am Urlaubsort, individuelle Betreuung, eine 24-Stunden-Hotline in unserer Zentrale und auch größere Zimmer mit spezieller Einrichtung. Das bedeutet leider, dass nicht jeder einen solchen Urlaub bei uns buchen kann. Wir stellen aber fest, dass Reisen für unsere Kunden eine ganz andere Bedeutung hat. Die Bereitschaft, auch einmal zwei Jahre auf eine Reise hin zu sparen, ist vorhanden.

Trotz großer Dankbarkeit und der Platzhirsch-Situation in Ihrem Segment reicht es vermutlich nicht zum großen Reichtum. Da stellt sich die Frage des „Warum?“

Bock Das soziale Projekt, im Tourismus Geld damit zu verdienen, Menschen mit körperlichen Einschränkungen das Reisen zu ermöglichen, hat sich nicht als Geschäft mit Goldgräbermentalität herausgestellt. Ein solches Angebot benötigt viel Glaubwürdigkeit. Als Studenten, die frisch von der Hochschule kamen, hatten wir das nicht. Der große Meilenstein war letztlich die Einstellung eines Mitarbeiters, der selber Rollstuhlfahrer ist. Da boten wir zum ersten Mal die Chance, Reisen auf Augenhöhe zu buchen. Die Frage „Warum machen wir das?“, stellen wir uns aber regelmäßig. Man muss Werte immer wieder neu sortieren.

Ein ausführliches Interview mit Karl B. Bock gibt es auch im Deutschen Reiseradio zu hören.

Zur Person

Karl B. Bock, Geschäftsführer Runa Reisen

Karl B. Bock, geboren 1976, ist Gründer und geschäftsführender Gesellschafter von Runa-Reisen in Steinhagen. Er ist ausgebildeter Hotelfachmann (bei Maritim-Hotels), hat Tourismus in Wilhelmshaven studiert und als Diplom-Kaufmann – Tourismuswirtschaft abgeschlossen. Auf der Suche nach einer touristischen Marktnische in Kombination mit sozialem Engagement gründete er 2006 Runa-Reisen – zusammen mit seinem Studienkollegen Nils Wend. Der Spezialveranstalter ist heute Marktführer in Sachen Urlaubsreisen für Gäste mit Behinderungen, sowie  pflegebedürftige in jedem Alter. In einem separaten Geschäftsbereich der RUNA REISEN GmbH berät Bock außerdem zahlreiche Tourismusregionen, Hotelketten und sonstige Unterkunftsbetriebe und setzt Projekte im barrierefreien Tourismus um.

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