VDRJ Columbus Radiopreis 2016

Radiopreis

Gedanken der Jury zum Jahrgang: Großes Kino und viel Ausschuss!

Holger Wetzel

Holger Wetzel

Die Columbus-Radiopreisjury hatte in diesem Januar wie jedes Jahr die Aufgabe, den in diesem Jahr ausschließlich von ARD-Sendern eingereichten 33 Beiträgen ein „neues Ohr“ zu leihen. Hochmotiviert, in bester Stimmung und bei strahlendem Sonnenschein haben die sechs Jurymitglieder hoch über der Elbe mit Blick auf das bunte Treiben im Hamburger Hafen versucht, einmal mehr die Spreu vom Weizen im deutschsprachigen Reiseradio zu trennen. Welche Reporterin hat die stimmigste Atmo eingefangen, welcher Kollege schafft es, ein Thema besonders sensibel oder informativ aufzubereiten? In welchen Redaktionen sind die Verantwortlichen mutig genug, neue Wege der Produktion zu gehen? Wer schafft es, den Hörer als Gegenüber auf Ohrenhöhe anzusprechen, ohne mit dem erhobenen Zeigefinger in Schulfunkmanier alles besser wissen zu wollen? Kurzum: Wer schafft es, Radio innovativ und qualitativ hochwertig zu produzieren, dass es eine Freude ist und Spaß macht, gut 18 Stunden Wettbewerbsmaterial im Rahmen der Vorjury durchzuhören und am Sitzungstag gemeinsam zu begutachten, zu besprechen und mit einem goldenen oder mehreren silbernen Columbus auszuzeichnen?

Die Praxis, alle Beiträge im Vorfeld der Jurysitzung dem Gremium zur Vorbewertung hat sich auch in diesem Jahr wieder bewährt und als notwendig erachtet: Einmal haben nicht nur die klassischen Reiseredaktionen, sondern auch Wirtschafts-, Wissenschafts- und Politikredaktionen ihre Stücke in den Wettbewerb geschickt. Und auch in diesem Jahr waren wieder einige Korrespondenten-Stücke mit im Rennen.

Neben „ganz viel Ausschuss“ wie es ein Mitglied der Jury unter zustimmendem Nicken der restlichen Teilnehmer nannte, waren im 2016er Wettbewerbsjahrgang wenige, aber dafür umso intensivere Perlen des Hörfunks unter den Einreichungen dabei.

Einigkeit bei Jury

Die sechsköpfige Jury ist sich einig darin, dass die Columbus Goldgewinnerin Wiebke Keuneke mit ihrem im Deutschlandfunk gesendeten Feature „Hulda und die Hafenarbeiter von Reykjavik – Gentrifizierung auf Isländisch“ eine positive Ausnahmeerscheinung in der Radiolandschaft darstellt. Mit ihrer gut 45-minütigen, ausschließlich aus O-Tönen, atmosphärischen Geräuschen und Musik produzierten Collage ist Wiebke Keuneke eine inhaltlich absolut stimmige und formal völlig neue Form des Radiofeatures gelungen.

Juliane Eisenführ hat nach Meinung der Jury ihren Beitrag „Chocolate con Churros – Liebeserklärung an Málaga“ (NDR Info) bis zur letzten Sekunde dramaturgisch und gestalterisch perfekt aufgebaut. Aus dem scheinbar beiläufigen Besuch eines Straßencafés in der spanischen Metropole entwickeln sich Handlungsstränge, die an unterschiedlichen Stellen der Reportage wieder aufgegriffen und gesamtkompositorisch miteinander verwoben werden. Die Jury hat den Beitrag mit dem Silbernen Columbus in der Kategorie „Dramaturgie und Gestaltung ausgezeichnet“.

Der Silberne Columbus in der Kategorie „Ethik des Reisens“ geht an Christiane Leder vom Bayerischen Rundfunk. Ihr gelingt es, in ihrer Reportage „Mein Sherpa ist eine Frau – Unterwegs mit einer Bergführerin im Himalaya“, die im Zuge der sich wandelnden, indischen Gesellschaft entstehenden ethnischen, kulturellen und gesellschaftspolitischen Herausforderungen auf dem indischen Subkontinent einzuordnen und auf die Bewohnerinnen eines kleinen Bergdorfes herunter zu brechen. Mit der Lupe zoomt sie sich in das Leben ihrer einzelnen Protagonistinnen und schafft es, sich in dieser auf den ersten Blick doch so fremd anmutenden Kultur völlig zu assimilieren.

Erfahrene Juroren

ARD-Korrespondent und Vorjahres Silber-Gewinner Jürgen Hanefeld hat in diesem Jahr erneut einen Preis abgeräumt: Mit seinem im Deutschlandfunk gesendeten Beitrag „Salzsklaven von Sinui – Teuflische Zustände auf den koreanischen Engelsinseln“ zeichnet Hanefeld ein faszinierendes Psychogramm der koreanischen Gesellschaft von Sklaverei und Ausbeutung. Dadurch, dass der Autor konzentriert auf der Informationsebene bleibt, transportiert er transparent und ohne eine moralische Wertung die sehr persönlichen Geschichten seiner Protagonisten auf fast schon verstörend intime Art und Weise. Der Jury war das der Silberne Columbus in der Kategorie „Inhaltliches Engagement“ wert.

Die sehr breit gefächerte Zusammensetzung der Jury spiegelt sich naturgemäß auch in den unterschiedlichen Präferenzen sowie Sichtweisen und Bewertungsmaßstäben der einzelnen Juroren wider. Aus diesem Grund sollen die einzelnen Mitglieder der diesjährigen Columbus Radiopreis Jury einzeln zu Wort kommen: Anja Goerz (NordwestRadio), Hilke Theessen (Radio Bremen), Kurt Woischytzky (Offener Kanal Nordhausen), Marc Schmidt (Hessischer Rundfunk), Rüdiger Edelmann (Deutsches Reiseradio) und Holger Wetzel (GF Columbus Radiopreis).

Holger Wetzel

 

Der Blick hinter die Fassade

Rüdiger Edelmann

Der Radiojahrgang 2016 zeichnet sich in den Preisrängen mehrfach durch den intensiven Blick hinter die Kulissen des Reisens aus. Reisen ist vielschichtiger geworden, der Blick der ausgezeichneten Kolleginnen und Kollegen schärfer: Gleich ob es die Auseinandersetzung mit dem touristischen Wandel des Hafens von Reykjavik ist, die wirtschaftliche und gesellschaftliche Emanzipation von Frauen im indischen Ladakh oder Menschenrechtsverletzungen durch Sklavenhaltung von Behinderten in den Salzfeldern Süd-Koreas. Reisen ist Erfahrung und diese fordert immer öfter den zweiten Blick. – Diesem Credo sind die ausgezeichneten Beiträge mehr als gerecht geworden. Dass die Lust am Verreisen deshalb nicht kleiner werden muss zeigen die Preisträger ebenfalls. Ohne von der Lust an „Chocolate con Churros“ gehört zu haben, hätte sich bei mir kaum Idee festgesetzt, doch mal nach Málaga reisen zu wollen. Intensive Recherche schließt Reiselust nicht aus. Hörgenuss stellt sich auch beim Blick hinter die touristische Fassade ein.

Rüdiger Edelmann (Deutsches Reiseradio)

 

46.711 Sekunden

Marc Schmidt

So viel Zeit musste ich einplanen, um alle Einsendungen des Jahres 2016 einmal komplett anzuhören. Dass aus dem „Muss“ in vielen Fällen ein „Darf“ wurde, spricht für die subjektive Qualität der Beiträge; dass die Entscheidung für den goldenen Columbus nach durchaus engagierter Diskussion schnell fiel, spricht für die objektive Professionalität der Jury. Am Ende waren es nur Nuancen, die Beiträge wie „Goldrausch in Australien“ von Michael Marek oder auch Brigitte Kramers „Skulpturenpark Lanzarote“ von einem Preis trennten. Von „Verlierern“ mag ich in diesem Zusammenhang trotzdem nicht sprechen, denn diese Beiträge waren – wie die meisten der diesjährigen Einsendungen – ein echter Gewinn für den Reisejournalismus im Radio. Kino im Kopf. Bitte! Mehr! Davon!

Marc Schmidt (Hessischer Rundfunk)

 

Wenig Überraschungen

Anja Goerz

Insgesamt gab es in diesem Jahr leider wenig überraschende Beiträge, wenige Innovationen, sondern in Machart und Umsetzung viele Beiträge, wie sie bereits seit Jahren im Radio zu hören sind. Typische Fehler, die bei meinen Bewertungen zu Punktabzügen geführt haben waren neben zu langen Anmoderationen vor allem die eintönig, von professionellen Sprechern eingesprochenen Beiträge. Durch diese in vielen Senden immer häufiger angewendete Praxis lassen viele Beiträgen jede Empathie und Authentizität vermissen.  Unschön sind auch die teilweise „geschraubten“ Formulierungen und absehbar eingesetzte Musik zur Untermalung. Nichts Neues – alles bereits tausendfach in anderen Beiträgen zum gleichen Thema gehört.

Ich würde mir wünschen, mehr überraschende Macharten wie bei unserem Gewinner „Hulda und die Hafenarbeiter“ genießen zu dürfen. Autorin Wiebke Keuneke verzichtet hier komplett auf Zwischenmoderationen. Und natürlich sollte bei allem Bestreben, die große weite Welt im Radio einzufangen, die Heimat vor der „eigenen Haustür“ nicht vergessen werden: Ein paar mehr Beiträge aus nächster Nähe wären schon schön.  Schlussendlich hoffe ich doch sehr, dass der Columbus Radiopreis die Radioverantwortlichen zu mehr Mut animiert, dem Radiohörer auch einmal ungewöhnliche Zugänge, ungewöhnliche Sprecher und ungewöhnliche Macharten zuzumuten.

Anja Goerz (NordwestRadio)

 

Warum immer in die Ferne schweifen…

Kurt Woischytzky

Als jüngster Juryteilnehmer war ich natürlich total gespannt, ob sich mein Ranking von dem der anderen Juroren unterscheidet. Und was soll ich sagen: Beim Spitzenreiter der Beiträge waren wir uns alle einig. Das was dann kam, war bunt zusammengewürfelt. Ich hatte mir zuhause eine riesige Tabelle mit allen Beiträgen, meinen Bewertungen und zusätzlichen Kommentaren erstellt. Ein Beitrag, den ich persönlich super überzeugend fand, fiel bei den anderen Juroren komplett durch. Bei anderen Beiträgen waren sich immerhin auch die anderen Juroren uneinig, und es war interessant zu hören, in welchen Punkten sich unsere Einschätzungen unterscheiden. Jeder hat da schließlich seinen persönlichen Geschmack.

Mir ist es bei Features besonders wichtig, dass sie eine eingängige Sprache haben und mich die Story sofort „packt“ und bis zum Ende hin mitreißt. Da gab es einige Beiträge, die mir beim Hören wirklich sehr viel Spaß gemacht haben. Wenn ein Beitrag spannend und kreativ gemacht ist, könnte er von mir aus auch über Türrahmen, Drehstühle oder Pappkartons berichten. Ich würde sicher bis zur letzten Sekunde dranbleiben. Andererseits kann das beste Thema nichts dafür, wenn es nur statisch oder emotionslos abgehandelt wird. Leider waren bei den Einreichungen auch einige Beiträge dabei, die trotz ihrer augenscheinlich professionellen Produktion ein wenig kalt und lieblos wirkten. Das sind die Beiträge, die ich immer wieder aufs Neue zurückspulen musste, weil sie mir sinnbildlich die Ohren verstopften. Aber das waren zum Glück eher Ausnahmen. Insgesamt kann ich wirklich sagen, dass es eine tolle Erfahrung war, in der Jury dabei gewesen zu sein. Es hat Spaß gemacht, viele unterschiedliche Macharten von Radiofeatures kennenzulernen.

Kurt Woischytzky (Columbus Radiopreis Gewinner 2014/Offener Kanal Nordhausen)

 

Mut zu mehr Mut beim Reisen fürs Radio

Hilke Theessen

Für diesen Jahrgang kann ich sagen, es war Licht und Schatten. Einige Beiträge, wie der Siegerbeitrag von Wiebke Keuneke (Hulda und die Hafenarbeiter) waren herausragend in ihrer ganzen Erscheinung: die Produktion und Herangehensweise waren ausgesprochen kreativ. Es gab spannende Einblicke in das Land, ohne Erzählstimme, und trotzdem erfuhr der geneigte Hörer viel Wissenswertes. Die umfassende Rechercheleistung dieses Beitrags war enorm, ohne sich sofort aufzudrängen. Das war toll und ist mir besonders im Gedächtnis geblieben. Neben wirklich langweilig und konventionell produzierten Stücken, die irgendwie anstrengend zu hören waren, gab es zwischendurch immer wieder auch einige liebevoll produzierte Berichte, die einem überraschende Einsichten brachten, wo man sie nicht erwartete. So zum Beispiel, was aus den Witwen in Ruanda nach dem Genozid geworden ist. Oder der Beitrag „Mein Sherpa war eine Frau“ in Indien. Diese Beiträge waren erkenntnisreich und überraschend. Beide Autoren haben persönliche Zugänge gefunden und wirkten somit authentisch.

Ich würde dem Reisejournalismus im Deutschen Hörfunk wünschen, sich etwas mehr zu trauen, moderner zu werden, andere Produktionsweisen zu finden. Aber trotzdem auch den Finger in Wunden zu legen, wie Jürgen Hanefeld in seinem Beitrag über die Engelsinseln in Südkorea und den Arbeitern dort. Deutscher Reisejournalismus sollte wach sein, aufmerksam, modern, aber nicht so erwartbar.

Hilke Theessen (Radio Bremen)