Sieger 2016 Kategorie „Beste Reportage“

20 Mal Jesolo

von Robert Treichler

Robert Treichler Beste Reportage

Sie haben richtig gelesen. 20 Mal hat unser Autor ohne Reue im selben italienischen Badeort Urlaub gemacht. Eine Eloge auf das Immergleiche

Es kann jedem passieren, dass er einmal Urlaub in Jesolo macht: knapp bei Kasse, akut ideenlos, Angst vor Vogelgrippe, Zika, Terror, von der Autostrada A 4 falsch abgefahren plus Benzinpumpendefekt. Für einen zweiten Jesolo-Urlaub gibt es hingegen kaum noch valide Rechtfertigungen: der Luftmatratzenverkäuferin ein Kind gemacht/vom Strandliegenstapler eines gekriegt, ein spirituelles Erweckungserlebnis im Luna Park gehabt? Eher unwahrscheinlich.

Und 20 Mal Jesolo? Unmöglich. Obere Adria, Hausmeisterstrand, ein Urlaubsziel, so geheimnislos wie ein Automatensnack. Es gibt eine Million Destinationen, und jeder Mensch braucht Abwechslung, will was Neues sehen. Da können Sie fragen, wen Sie wollen. Nur mich nicht. Ich brauche nicht, ich will nicht. Deshalb war ich schon ungefähr 20 Mal in Jesolo im Urlaub. ZWANZIG MAL. Das klingt wie das Geständnis eines Intensivtäters, aber es ist frei von Reue. Jeder weiß, was ich versäumt habe: 19 Badeorte, 19 Strände, 19 Hotels, 19 Frühstücksbuffets, 19 Wie-es-da-aussieht-im-Vergleich-dazu-wie-ich-es-erwartet-habe-Momente. Aber was entgeht allen anderen, die nicht 19 Mal dieselbe Autobahnausfahrt nehmen, 19 Mal die Badetasche am selben Pool abstellen, 19 Mal am selben Stück Strand ihre Bocciakugeln danebenwerfen und 19 Mal die Ansichtskarte mit demselben Motiv abschicken?

Beginnen wir, wenig überraschend – in Jesolo. Beim allerersten Mal ist es ja noch aufregend.

An einem Sommertag in den siebziger Jahren, als Kinder im Auto noch ungesichert auf der Rückbank schlafen, wecken mich meine Eltern und sagen: »Wir sind da.« Wir sind sehr lange unterwegs gewesen, so lange wie noch nie. Wir haben eine Grenze überquert, Zöllner in unbekannten Uniformen haben zum Fenster reingesehen. Zwischendurch habe ich gekotzt, wegen der Kurven und wohl auch wegen der Aufregung. Und jetzt wache ich in einem fremden Land auf mit einer anderen Sprache und anderem Geld. Wir würden 14 Tage hierbleiben, in einem Apartment. Meine Eltern sprechen das Wort französisch aus. Appartement, ich weiß nicht genau, was es bedeutet. Es entpuppt sich als Wohnung. Wir haben im Kofferraum alles mitgebracht, was wir in 14 Tagen benötigen – Fleisch, Salz, Mehl, Paprika, Nudeln, Senf, Bier, alles. Selber kochen spart Geld, sagt Mama, und was wir mithaben, brauchen wir nicht zu kaufen.

Während Mama auspackt, gehen Papa und ich zum Strand. Aus der Ferne sieht man den Sand kaum, es ist alles voller bunter Sonnenschirme und sehr vieler Menschen. Das Durcheinander ist wunderschön. Ich renne ins Wasser, es ist warm und seicht, und als ich zum ersten Mal untertauche, habe ich einen scheußlichen Geschmack im Mund. Ich hatte zwar gewusst, dass Meerwasser salzig ist, aber nur in der Theorie.

Am Abend ist die Stadt riesig, laut, wild, voller Lichter. Ein Wildkätzchen liegt auf einer Parkbank und wartet darauf, gestreichelt zu werden, vierrädrige, überdachte Fahrräder ziehen auf einer breiten Straße Schlangenlinien. Wir gehen vierzehn Abende lang diese Fußgängerzone rauf und runter, und es fällt mir nicht auf, dass wir immer an denselben Geschäften vorbeilaufen, dass ich meine Eltern immer in dieselben Spielhöllen reinzuzerren versuche und dass die Stadt im Wesentlichen aus dieser einen Straße besteht.

Es ist in Wahrheit nämlich gar keine Stadt, schon gar keine riesige, wilde, sondern bloß ein den schnurgeraden, 15 Kilometer langen Strand entlanggebautes Touristenkaff. Ich finde es wunderschön, auch den Namen: Lido di Jesolo.

Man ist nie weit vom Meer entfernt. Ich kriege jeden Tag ein Eis. Die Leute sitzen abends in Ruderleibchen vor dem Haus, der Fernseher steht auf dem Fensterbrett. Die Plätze heißen Piazza. Der Lärm ist fröhlicher als zu Hause. Wir fahren Tretboot, spielen Boccia, ich baue Sandburgen und fange Krabben. Dann sind die 14 Tage um. Ich bin traurig, dass wir nach Hause fahren müssen, aber meine Eltern trösten mich und sagen: »Nächstes Jahr kommen wir wieder.«

Sie halten ihr Versprechen, sie erneuern es jedes Jahr und halten es im darauffolgenden wieder. So vollzieht sich meine kindliche Prägung: Urlaub ist Jesolo. Irgendwann dämmert mir, dass Jesolo nichts Besonderes ist. Mitschüler reisen mit ihren Familien nach Spanien, nach Griechenland, an immer andere Destinationen. Ich kann mich nicht erinnern, jemals gefragt zu haben, warum wir jedes Jahr an denselben Ort fahren.

Wir wechseln vom Apartment in ein Hotel, und als die Inhaberfamilie das Hotel verkauft, um ein anderes zu übernehmen, ziehen wir mit ihr ein Haus weiter.

Dann endet der Mama-Papa-Jesolo-Urlaub jäh. Pubertät, Interrail, nie wieder Eltern, nie wieder Obere Adria. Und hier sollte die Geschichte aufhören. Tut sie aber nicht. Im Gegenteil, es beginnt der Willensakt des jungen Erwachsenen, der das rebellische Nie-wieder des Halbwüchsigen auf noch störrischere Weise revidiert. Weit gereiste Dritte können nicht immer sofort folgen:

– Hey, du warst noch nie in Thailand? Irre, der Beach.

– Und die Algarve!

– Und wo warst du eigentlich?

– In Jesolo.

– ???

– ?

– ?????

Tatsache. Jahre nach den Elternurlauben, ich bin Mitte zwanzig, lande ich mit einer Freundin in Grado, weil sie meint, das sei ein hübsches Städtchen für ein Wochenende. Möglicherweise will sie testen, ob ich für Romantik tauge. Grado gilt wegen seiner Geschichte und seiner Altstadt bei Leuten mit Geschmack als einziger akzeptabler Badeort an der Oberen Adria. Wir fragen im dritten Hotel vergeblich nach einem freien Zimmer, setzen uns verschwitzt ins Auto, und ich höre mich sagen: »Jesolo ist nicht weit von hier.«

Die Autobahnausfahrt, die einzige Geschäftsstraße, der Strand, alles wie immer. Es geht zurück in das einst allererste fremde Land, das mir vertraut geblieben ist wie Papas alter Opel. Ich juble innerlich (He, ich komme nach Hause!); und äußerlich vielleicht etwas zu sehr. Meine Freundin begegnet meiner guten Laune verständnislos.

– In diesem Apartmentblock habe ich mit meinen Eltern gewohnt. Und in diesem Hotel auch, später dann.

– Der Siebziger-Jahre-Kasten?

– Ja, toll, nicht?

Am dritten Abend fragt sie mich, ob wir nicht nach Venedig weiterfahren könnten und warum ich schon wieder Pizza Napoli esse.

Im Jahr darauf komme ich wieder, nur die Freundin ist eine andere.

Die Gewissheit, nicht überrascht zu werden, ist ein gewaltiges Versprechen. Jesolo ist immer dasselbe, was sich ändert, bin ich, sind meine Frauen. Mein Beziehungsleben hat in diesem Sand Gestalt angenommen oder besser mehrere Gestalten, die sich letztlich als nicht viel dauerhafter erwiesen als die Burgen, die ich als Kind auftürmte.

Die erste erotische Erfahrung, mit zwölf, abends am Steg. Sie sagte: »Hallo, ich bin die Tupfi.« Ich war noch nie von einem fremden Mädchen angesprochen worden und schon gar nicht von einem, das irrsinniges Fachwissen übers Schmusen mit einer halb offenen Bluse kombinierte. Ich vergaß sogar die Krabben, die ich eigentlich beobachten wollte. Ich beschloss, für immer hier stehen zu bleiben und Tupfi anzustarren. Dann rief mich Mama, und ich musste rauf ins Hotel. Tupfi sah ich nie wieder, obwohl ich jedes Jahr Ausschau hielt.

Ich kam mit festen Freundinnen, ich kam mit Familie, ich kam als Alleinerzieher. Jesolo ist der jährliche Maßstab meiner Existenz. Bin ich fit genug, um morgens die fünf Kilometer bis zum Ende der Strandpromenade und wieder zurückzujoggen? Lasse ich mich gehen und fresse vor lauter physischer und mentaler Schwäche am Kiosk täglich fünf Toasts? Habe ich ein schlechtes Gewissen, weil ich zu Hause Mist hinterlassen habe? Habe ich schon mal glücklicher in diesem Liegestuhl rumgelümmelt?

Solche Fragen tauchen in einem Zustand totaler Erwartungslosigkeit auf. Wenn die Umgebung nicht die geringste Überraschung verspricht, richtet sich der Blick auf die eigene Existenz. Die Antworten können erfreulich sein oder desaströs, in Jesolo erscheinen sie mir in jedem Fall besser zu verdauen zu sein. Am Strand wird jeden Morgen die Fahne gehisst (weiß: alles okay; gelb: Schirme schließen; rot: raus aus dem Wasser), und ich denke mir, alles war auch schon mal viel schlimmer, und es hat mich nie daran gehindert, meine Füße hier im nassen Sand zu vergraben.

Wenn die eigene Existenz dann keine Lust mehr auf bohrende Fragen hat, widmet sie sich den unschlagbar sinnlosen Disziplinen der Olympischen Spiele von Jesolo: im knöcheltiefen Wasser planschen, Boccia spielen, Tretboot fahren.

Das Meer in Jesolo wird oft belächelt, weil es in Strandnähe so unfassbar seicht ist und man endlos waten muss, bis man ins Tiefe kommt. Tatsächlich ist noch nicht erforscht, ob das Meer hier überhaupt je tief wird. Regelmäßig verlässt einen unterwegs die Motivation, und man kehrt an einem Punkt um, an dem das Wasser gerade mal bis zu den Knien reicht. Bis zum Bauch rein geht man nur, wenn man Pipi muss und der Sand auf dem Weg ins Hotel zu heiß ist.

Im Seichten suchen Kinder Muscheln, kühlen Alte ihre Krampfadern, und alle anderen Altersgruppen waten, planschen und verhalten sich generell wie die Meerestiere, ehe sie vor 400 Millionen Jahren an Land kamen. Ich liege seit Anbeginn der Zeitrechnung je zwei Wochen pro Jahr im Flachwasser, schöpfe ein wenig Sand auf meinen Bauch und warte, bis die sanften Wellen die Körnchen wieder abgespült haben. Dann schöpfe ich neuen Sand.

Mit dem Tretbootfahren ist es ähnlich. Es ist die ostentativste Art, sich ziellos fortzubewegen. Ein Tretboot hat keinen richtigen Antrieb, weil die Oberschenkel sofort schlappmachen, es hat keine Bremse, und genau genommen hat es auch keine Lenkung, denn die Position der seltsamen Stange zwischen den Vordersitzen hat auf die Fahrtrichtung in etwa so viel Einfluss wie der Mond.

Und Boccia? Im Wesentlichen wirft man ein paar Kugeln und schlurft danach die paar Meter bis zu der Stelle, wo sie gelandet sind, wirft wieder und so weiter. Werfen, schlurfen, werfen, schlurfen. Den steten Trubel am schmalen Strand, die quer durch die gedachte Bocciabahn kreuzenden, zum Pinkeln ins Wasser rennenden Kinder und sonstige Idioten, die einem die Kugeln verschieben – all das muss man ausblenden. Immer nur auf die kleine rote Kugel starren. Alles rundum verschwindet, das Nichts bleibt. In einem Tal des Vorhimalaya im Schneidersitz acht Jahre zu schweigen ist dagegen spirituell unergiebig wie einmal Warten an der Autobahnmautstelle.

Das ist Jesolo, und in all den Jahren, seit ich es kenne, hat es sich nicht groß verändert. Die Strandpromenade wurde irgendwann in den Neunzigern verbreitert, die Elektro-Autos im Kinderautodrom werden alle zehn Jahre ausgetauscht, und unser Hotel bietet jetzt WLAN in homöopathischen Dosen an. Zwischen Jesolo und mir selbst allerdings hat sich einiges getan. Mit Ende zwanzig dachte ich, Jesolo sei meine kleine Sandkiste auf dem Weg zur Eroberung der Welt, welche Welt auch immer das sein würde. Ende dreißig nahm ich mit Erstaunen zur Kenntnis, dass ich erschöpft im Liegestuhl einschlief. Zehn Jahre später war das Erstaunen weg, die Müdigkeit hatte sich verfestigt. Inzwischen ist Jesolo der Vorgeschmack auf das Rentnerdasein, und ich bin froh, keine Welt erobern zu müssen.

Meine Kinder geraten ein wenig so wie ich. Sie freuen sich auf den Urlaub und fragen nicht, warum wir nicht woandershin fahren. Einmal waren wir bei Freunden in Spanien zu Gast, da fanden sie den Sand zum Burgenbauen nicht so toll. Stimmt, sagte ich nickend.

Ich bin längst ein Teil von Jesolo, und es gibt keinen Grund, sich dafür zu schämen. Wäre ich nach Antalya, Koh Samui, Benidorm, La Baule und sonst wohin gefahren, könnte ich jetzt Strände vergleichen, Hotels und Anfahrtswege. Ich dagegen weiß, wie mein Vater nach Jesolo gefahren ist, als es die Autobahn durch das Kanaltal noch nicht gab, und ich stehe heute selber mit den anderen Vätern am Strand und unterhalte mich über die Staus der vergangenen zwei Jahrzehnte und darüber, wie wir erfolglos versucht haben, ihnen auszuweichen.

Ich brauche keine menschenleeren Buchten. Ich mag Touristen, und ich mag es, Touristen wiederzutreffen. Paare, die immer noch kommen, Paare, von denen nur noch ein Teil da ist, Familien, deren Kinder gut geraten sind oder fett oder blöd.

Zu Hause übrigens bin ich nicht anders. Ich gehe in das Café bei mir im Block, dessen Speisekarte fünf Gerichte umfasst. Ich kenne die Besitzer und die meisten Gäste persönlich oder wenigstens vom Sehen. Ich überblättere in den Zeitungen die Tipps, wo neue Restaurants eröffnet haben.

Das Immergleiche bietet mehr Abwechslung, weil die Einheit des Raumes gewahrt ist. Ich habe in Jesolo auf denselben 50 Metern zwischen zwei Stegen gesehen, wie mir mein Vater einen Ball zuwirft, wie meine Kinder schwimmen lernen, wie Badende bei einem Gewittersturm gegen den Steg geklatscht werden, wie meine neue Freundin vor Quallen flüchtet und wie eine Hundeleiche angeschwemmt wird. Ich hätte dasselbe auch an fünf verschiedenen Orten erleben können, aber wenn ich an Jesolo denke, sehe ich alles auf einmal vor mir.

Mich treibt im Urlaub nicht die Neugier. Ich muss nicht um die nächste Ecke sehen. Wenn andere Leute die Neugier treibt, bitte sehr, ich will ja keine Sekte gründen. Die Reiseveranstalter melden verlässlich vor dem Sommer die neuesten Trends, ich habe sie überflogen, zum Beispiel: Mauritius! »Wenig Wellengang, viele Hotels mit Kinderklubs, nur drei Stunden Zeitverschiebung und gute Flugverbindungen.« Pfff.

Wenn man Glück hat, hat man einen Song, der einen begleitet, ein Buch, vielleicht ein Bild und, hoffentlich, ein paar Menschen. Ich habe einen Ort. Er könnte glamouröser sein, zugegeben, aber man kann sich so was nicht immer aussuchen.

Bislang letzter Logbuch-Eintrag. Jesolo, 2015: Die Hotelbesitzerin hat die Geschäftsführung an ihre Tochter übergeben. Mein ältester Sohn, 10, schlägt mich erstmals im Boccia. Ich kann noch die Strandpromenade rauf- und runterjoggen. Von Tupfi immer noch keine Spur. Meine neue Freundin macht mir klar, dass sie im nächsten Jahr nicht noch einmal nach Jesolo will, dabei war sie erst einmal da.

Wir werden in diesem Sommer nach Cesenatico fahren. Das liegt drei Fahrstunden südlich. Ich war selbst überrascht, dass ich eingewilligt habe. Meine Freundin versteht mich. Sie lächelt, wenn ich von Jesolo erzähle, aber sie lacht nicht.

Auf der Rückfahrt werden wir in Jesolo anhalten und ein paar Stunden zwischen den beiden Stegen baden.