Sieger 2015 Kategorie „lang“

Der vermessene Fluss

 

Sebastian Erb

Sebastian Erb ist der Sieger der Kategorie Lang. Der Redakteur der TAZ, Jahrgang 84, reist nach Abchasien, einem umkämpften Stück Land, das sich an die Küste des Schwarzen Meeres schmiegt, gebeutelt vom Krieg. De jure ist Abchasien ein Teil von Georgien, de facto ist es seit gut 20 Jahren unabhängig. Hier vermisst der Berliner den kürzesten Fluss der Welt, den Reprua. 18 Meter lang sollte er sein. Am Ende der Reise steht fest: Wikipedia weiß doch nicht alles, der Reprua ist in Wirklichkeit knapp 27 Meter lang. Warum man so etwas tut? Warum nicht?!
„Ein Reiseteil braucht solche verrückten Geschichten“, meint Juror Stephan Orth. Die „humorvolle Schreibe mit Kichereffekt“ (Doris Ehrhardt) des Autors macht aus „der skurrilen Erzählung“ (Andreas Steidel) dann endgültig echten Lesegenuss.

Sebastian Erbs Reportage können Sie hier als PDF nachlesen.

 

Der Gewinnertext:

Der kürzeste Fluss der Welt ist 18 Meter lang, so heißt es. Aber stimmt das auch? Unser Autor ist hingefahren und hat nachgemessen. Er musste dazu in ein Land reisen, das es eigentlich gar nicht gibt

Was mit einer Zeitreise und nassen Füßen endet, beginnt mit einer Längenangabe und einem Namen, zugeraunt auf einer Party: 18 Meter, Reprua. Das soll er sein, der kürzeste Fluss der Welt. Im Internet gibt es nur eine Handvoll Fotos des Flusses. Auf denen ist nicht viel zu erkennen, außer Wasser, das über Steine ins Meer fließt. Auf den Satellitenbildern von Google Maps sind an der Stelle im Kaukasus, wo der Fluss fließen soll, nur Wolken zu sehen. Vielleicht gibt es ihn gar nicht, den Reprua. Vielleicht ist er nur eine Internet-Erfindung wie der zehnte Vorname von Freiherr von und zu Guttenberg.

Und wenn es ihn gibt, wer sagt denn, dass die 18 Meter stimmen? Im April 2009 hat ein Internetnutzer einen englischsprachigen Wikipedia-Artikel angelegt, mit Verweis auf einen Online-Artikel auf Russisch, der von einer universitären Exkursion berichtet und in einem Nebensatz die Länge des Flusses erwähnt. Seitdem schreiben alle die 18 Meter ab.

Das Guinnessbuch der Rekorde kann auch nicht weiterhelfen. Jahrelang haben sich zwei Flüsse in den USA um den Titel gestritten. Zunächst wurde lange der River D in Oregon mit rund 134 Meter als „kürzester Fluss mit einem Namen“ geführt. Bis der Roe River in Montana auf einmal kürzer daherkam. Da haben die River-D-Fans noch mal nachgemessen, bei höchster Flut. Und siehe da: 36,50 Meter. Vor einigen Jahren hat das Guinnessbuch der Rekorde die Kategorie abgeschafft.

Das Einzige, was hilft: hinfahren. Natürlich, es mag Wichtigeres geben. Aber wo kann man heute noch Entdecker sein? Ich beschließe, meinen eigenen Beitrag zu leisten zur Vermessung der Welt. Bei den längsten Flüssen, beim Amazonas, beim Nil, ist das schwierig. Aber die Länge des kürzesten Flusses müsste doch überprüfbar sein. Ich packe ein Maßband aus dem Baumarkt ein, 20 Meter, 4,90 Euro.

Komplizierter ist das Reiseziel: Hätte der Reprua Interesse an Besuchern, hätte er sich eine andere Gegend aussuchen müssen. Er fließt in Abchasien, einem umkämpften Stück Land, das sich an die Küste des Schwarzen Meeres schmiegt, gebeutelt vom Krieg.

De jure ist Abchasien ein Teil von Georgien, de facto ist es seit gut 20 Jahren unabhängig. In jüngster Zeit steht es immer stärker unter dem Einfluss Russlands. Ohne die Milliarden an Rubel, die Russland jährlich überweist, hätte Abchasien politisch gar keine Chance.

Schwierige Sicherheitslage

Das Auswärtige Amt warnt vor Reisen nach Abchasien und spricht von einer „schwierigen Sicherheitslage“. Hintergrund der Warnung dürfte vor allem sein, dass die Bundesrepublik im Zweifel ihren Staatsangehörigen dort keinen konsularischen Schutz bieten kann, weil sie Abchasien nicht anerkennt.

Der Reprua-Fluss liegt nicht weit entfernt von Sotschi, dem Austragungsort der Olympischen Winterspiele 2014. Wer aber über Russland nach Abchasien einreist, macht sich nach georgischem Recht strafbar – illegaler Grenzübertritt. Deshalb reisen wir über Georgien ein, vom Süden also.

An der georgisch-abchasischen Grenze, bei der es sich aus georgischer Sicht nicht um eine Grenze handelt, weht an einem Mast die EU-Flagge, obwohl Georgien kein EU-Mitglied ist. Ein Polizist, der aussieht wie ein Soldat, hält in der Hand ein Sturmgewehr und sitzt gelangweilt da. Am Horizont schneebedeckte Berge.

Niemandsland

Niemandsland. Eine kurvige Straße, ein Fluss, eine Brücke darüber, von deren Geländer das Metall abblättert. Die abchasische Flagge, grün-weiß gestreift, in einer Ecke der Fahne ist eine weiße Hand auf rotem Grund. Auf einem blauen Schild steht auf Abchasisch, Russisch und Englisch: Republik Abchasien. Ein Soldat tritt aus einem Wachhäuschen aus silbernem Wellblech, Uniform in grünem Flecktarn, am Ärmel ein abchasisches Abzeichen. Er wirkt überrascht. Normalerweise kommen hier nur Landsleute vom Einkaufen zurück, volle Plastiktüten in den Händen. Und keine Reisenden aus Deutschland.

Das nötige Visum hatten wir per E-Mail beantragt, das Schreiben, das wir als Antwort bekamen, zeigen wir vor. Nach einigen Minuten freundlicher Diskussion, einem Anruf beim Chef der Konsularabteilung des abchasischen Außenministeriums und ein bisschen Warten dürfen wir rein. Unsere Pässe kontrolliert ein Mann in Uniform des russischen Inlandsgeheimdienst FSB.

Bis in die Hauptstadt Suchumi (georgisch) oder Suchum (russisch) – auch der Name ist Politik – ist es nicht weit. Ein herausgeputztes Städtchen, im Zentrum edle Boutiquen, man bezahlt in Rubel. Im Sommer kommen viele Touristen aus Russland hierher.

In Abchasien kennt kaum einer den Reprua. Als Attraktionen werden hier andere Ziele genannt: die Pitsunda-Kathedrale, das Tal der sieben Seen. In der vollbesetzten Marschrutka, dem typischen Minibus, fahren wir an der Küste entlang in Richtung Russland. Links das Schwarze Meer, es schimmert bläulich, die Wellen sind unerwartet groß; am Straßenrand Mandarinenbäume. Auf großen Plakatwänden sind entweder Helden des Unabhängigkeitskampfes abgebildet – oder Mobilfunkwerbung. Wir fahren an einer Bar vorbei, die „Chavez“ heißt. Venezuela ist eines von einer Handvoll Ländern, die Abchasien als unabhängigen Staat anerkennen.

Die Marschrutka stoppt, ein Polizist steigt ein. Er schaut sich unsere Pässe an, nimmt das Visum heraus, fragt auf Russisch, woher wir kommen. Aus Deutschland, sagt meine Reisebegleiterin. Und wohin wollt ihr? Zum kürzesten Fluss der Welt. Ah, zum Reprua, er nickt kurz und verschwindet ohne ein weiteres Wort.

Auf dem Smartphone rückt der blaue Punkt näher an die rote Stecknadel, das Ziel, heran. Ein Stück hinter dem Städtchen steigen wir aus, beim alten „Sanatorium Moskau“. Ein Stück die Straße entlang. Links, da muss er sein. Da ist er.

Was macht einen Fluss überhaupt zum Fluss? Gute Frage. Die Übergänge zum Bach sind fließend. Mitunter wird eine Mindestbreite von fünf Metern angeführt oder eine bestimmte Wasserdurchflussmenge. Aber eine richtige Definition gibt es nicht. Das war auch der Grund, warum das Guinnessbuch der Rekorde den kürzesten Fluss verbannte. Die Definition, was ein Fluss ist, sei bei abnehmender Größe immer schwieriger festzustellen, heißt es von der Rekordredaktion in London.

Der Reprua ist zwar kurz, aber nicht klein. Er ist breit, mehr als 20 Meter, je nach Jahreszeit. Und scheinbar unerreichbar. Denn von hier oben kommen wir nicht hinunter, erst kommt eine senkrechte Felswand, dann ein Bahngleis. Aber irgendwie muss man doch zum Fluss kommen. Kommt man auch – per Aufzug.

Wie im Märchenfilm

Zurück zum Sanatorium, das offenkundig nicht mehr in Betrieb ist, am dösenden Wachmann vorbei. Von hier aus führt eine Fußgängerbrücke über die Straße. Am Ende der Brücke ein kleiner Turm wie aus einem Märchenfilm, zwei Aufzugsschächte. Der Aufzug ist mehrere Jahrzehnte alt, aber er funktioniert noch. Der Knopf leuchtet gelb, die Türe öffnet und schließt sich, erst fällt Licht in die Kabine, dann ist es dunkel, dann öffnet sich die Tür.

Ein dreistöckiger riesiger Betonsteg führt hinaus ins Meer, am Ende ein Sprungturm. Unten sitzen Männer und angeln. Ein paar Bauarbeiter stehen auf dem Kiesstrand, fragen, wohin des Wegs. Zum Reprua. 18 Meter sei der lang, sagen die Bauarbeiter. Woher sie das wissen? Aus dem Internet.

Das Wasser kommt direkt aus dem Berg, der mit einer Mauer befestigt ist. Es fließt über Steine und Kies, schnell und laut, flach genug, um durchzuwaten. An der Stelle, an der sich das eiskalte Süßwasser tänzelnd mit dem Salzwasser der Meeresbrandung vermischt, schlagen wir einen dicken rostigen Nagel in den Kies. Daran befestigen wir das Metermaß und rollen es aus.

Schnell ist klar: Das 20-Meter-Maßband reicht nicht. Die 18 Meter können nicht stimmen.

Das Ergebnis: Knapp 27 Meter ist der Reprua lang. 50 Prozent länger als behauptet. Und die Länge des Flusses kann nicht variieren, weil das Wasser direkt aus dem Fels kommt und das Schwarze Meer kaum Tidenhub hat. Ist der Reprua also überhaupt der kürzeste Fluss der Welt? Das kann schon sein. Aber es einfach so zu behaupten, ist vermessen.

Auf dem indonesischen Sulawesi-Archipel nämlich fließt der Tamborasi, er soll eine Länge um die 20 Meter haben. Angeblich. Und auch in der Dominikanischen Republik gibt es laut einem Reiseführer einen Fluss, „der nach nur wenigen Metern ins Meer mündet“. Da geht noch was. Mein Maßband liegt bereit.